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  • Jungsein auf dem Land

    Ein kleiner Einblick in das Leben auf dem Land.
    Fotos: Privat

    Dorfkind und stolz drauf?

    Johanna Olek

    Viele Menschen zieht es raus aufs Land, gerade Familien mit Kindern, denn die Vorstellung vom idyllischen, freien und naturnahen Aufwachsen auf dem Land hat noch immer ihren Reiz (vgl. Berlin- Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Wüstenrot Stiftung (HRSG) 2023: 4). Doch Landleben, das bedeutet Au

    Viele Menschen zieht es raus aufs Land, gerade Familien mit Kindern, denn die Vorstellung vom idyllischen, freien und naturnahen Aufwachsen auf dem Land hat noch immer ihren Reiz (vgl. Berlin- Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Wüstenrot Stiftung (HRSG) 2023: 4). Doch Landleben, das bedeutet Aufwachsen zwischen Idylle und Herausforderungen (vgl. Beierle et al. 2016). Für Kinder gibt es auf dem Dorf viele Vorteile. Grundschulen auf dem Land sind beispielsweise oft kleiner und familiärer als jene in der Stadt. Dies bietet den Kindern ein behütetes Umfeld. Auch die Natur, die auf dem Dorf meist direkt vor der Haustür liegt, eröffnet Kindern viele Möglichkeiten, sich kreativ mit ihr zu beschäftigen. Egal ob mit den Nachbarskindern auf der Wiese zu toben, eine Hütte im nahegelegenen Wald zu bauen oder das frische Obst von den Bäumen zu pflücken, die Natur auf dem Dorf schränkt die Kreativität nicht ein. Bei einem Spaziergang durchs Dorf fällt auf, dass diese gerne genutzt werden, denn es sind viele Eltern mit ihren Kindern dort. Wem nun der Gedanke kommt, dass die Eltern möglicherweise ihre Kinder auf dem Spielplatz beschäftigen müssen, der hat falsch gedacht.

    Beobachtet man das Geschehen einige Minuten, so stellt man fest, dass die Kinder sich miteinander Beschäftigen und auch die Eltern unterhalten sich mit anderen Eltern. Eine Kanne Kaffee ist auch keine Seltenheit. In dieser Atmosphäre entstehen schnell Freundschaften, die über eine Schulfreundschaft hinaus ein ganzes Leben lang halten – das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.
    Auch für Jugendliche hält das Landleben einige prägende Erfahrungen und Möglichkeiten bereit. Schaut man auf die Homepages verschiedener Ortschaften, so sind handelt es sich bei den Freizeitangeboten meist Sportvereine, Musikvereine und freiwillige Feuerwehren, in denen sich sowohl Kinder als auch Jugendliche engagieren können. Dies lässt sich am Beispiel des Musikverein Borsum zeigen, dessen Jugendgruppe ca. 30 Kinder umfasst und dessen Hauptorchester zu ca. 60% aus Jugendlichen besteht – an Nachwuchsprobleme ist hier also nicht zu denken, denn der Verein ist fest in der Dorfgemeinschaft verankert. Je älter die Kinder und Jugendlichen werden, desto öfter bekommen sie auch die Herausforderungen vom Leben auf dem Land mit. Ein großes Thema ist das Fehlen von Treffpunkten (vgl. Berlin- Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Wüstenrot Stiftung (HRSG) 2023: 5). Dazu ein Beispiel aus meinem Heimatdorf: Der alte Bolzplatz wurde für ein Neubaugebiet abgerissen, eine Alternative gibt es bis heute nicht. Für viele junge Menschen heißt dies – kein Ort zum Abhängen, kein Platz für Gemeinschaft. Mit zunehmender Selbstständigkeit ist auch das Thema Mobilität für die Jugendlichen auf dem Land eher ein Problem, denn je nach Lage und Größe der Ortschaft variieren die öffentlichen Nahverkehrsangebote stark. Hier weist der Kinder- und Jugendbericht auf die Studie ,,Jugend im Blick –Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen“ von Beierle, Tillmann und Reißig aus dem Jahr 2016 hin, welche sich ebenfalls mit diesem Thema befasst (vgl. Tillmann/Reißig 2016). Die meisten Dörfer haben inzwischen eine Busverbindung, dessen Fahrten von einmal täglich bis stündlich reichen – je nach Dorfgröße und Lage. Beim Bahnverkehr sieht es anders aus. Viele Dörfer haben keine Bahnverbindung. Durch diese eher dürftige Infrastruktur des ÖPNV muss oft das Elterntaxi zum Einsatz kommen – Selbstständigkeit? Fehlanzeige.

    Daran anknüpfend beeinflusst das Vorhandensein von Berufsschulen, Ausbildungsbetrieben und Universitäten die Berufswahl von Jugendlichen auf dem Land nicht selten, so der 17. Kinder- und Jugendbericht. Oft wird ein Beruf gewählt, der in der Nähe des Heimatortes gelernt werden kann, denn wie gesagt, das Pendeln in eine andere Stadt, möglicherweise sogar die nächste Großstadt ist auf dem Dorf nicht einfach (vgl. Tillmann/Reißig 2016, 14f.). Auch im Bereich der digitalen Infrastruktur gibt es in ländlichen Regionen Nachholbedarf, dies zeigte die Corona Pandemie eindrücklich. Seinerzeit wurde das Homeschooling für Kinder- und Jugendliche auf dem Land zur Nervenprobe, denn die Internetverbindungen lassen in vielen Dörfern zu wünschen übrig (vgl. Roßmann 2020). So ist es nicht verwunderlich, dass Kinder- und Jugendliche vom Land sich einige Veränderungen wünschen. Dabei stechen vor allem folgende Wünsche hervor:


    Einer der ersten Wünsche die geäußert werden, ist der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der digitalen Infrastruktur, um Selbstständigkeit zu fördern und eine reibungslose Nutzung des Internets zu ermöglichen. Auch der Wunsch nach Treffpunkten – sei es ein neuer Bolzplatz, Bänke oder einfach ein Raum, wo sie willkommen sind, ist nachvollziehbar, denn Kinder können bis zum 12. Lebensjahr die Spielplätze und Schulhöfe nutzen, mit dem 13. Geburtstag jedoch ist es ihnen nicht mehr gestattet, sich auf diesen aufzuhalten. Auch ein Aufenthalt zum ,,chillen“ auf ansässigen Sportanlagen ist nicht gern gesehen. Anknüpfend daran entsteht die Forderung und der Wunsch, dieses Bedürfnis bei der Planung von Neubaugebieten oder ähnlichem zu beachten und erst einen neuen Aufenthaltsort zu schaffen, bevor man, wie in meinem Heimatdorf, den einzigen und sehr beliebten Aufenthaltsort für Jugendliche abreißt. Dennoch werden Kinder- und Jugendliche auf dem Land stärker beteiligt als jene in den Städten. Das stellt auch Günther Mey (2021) in seinem Bericht ,,Jugendliche in ländlichen Regionen – Jugendforschung in der Peripherie“ fest. Doch wie auch bei vielen anderen Themen, ist auch das der Partizipation von Region zu Region, von Dorf zu Dorf unterschiedlich.


    Als ich mit Erwachsenen über diese Wünsche und Herausforderungen gesprochen habe, so zeigten dieses Verständnis und teilten die Meinung der Jugendlichen. Zum Punkt der digitalen Infrastruktur haben sie die gleichen Wünsche, denn auch das Thema Home-Office ist in der Arbeitswelt seit Corona präsenter und durch die schlechten Internetanschlüsse sind auch sie bei ihrer Arbeit von zuhause eingeschränkt. Den Erwachsenen ist aufgefallen, dass es wenig geeignete Aufenthaltsorte für Jugendliche gibt. Sie halten einen Jugendraum für geeignet, denn dieser kann auch bei schlechtem Wetter und im Winter genutzt werden. Des Weiteren könnten die Jugendlichen das Gelände und die Räume mitgestalten, dazu wäre ein Projekt geeignet und auch eine Ideenabfrage wäre von Vorteil, schließlich sind es die Jugendlichen, die das Gebäude und Gelände nutzen und nicht die Erwachsenen. Diese Beteiligung ist nicht nur gesetzlich verankert, sondern auch gesellschaftlich gewünscht, denn was von Erwachsenen geplant wird, entspricht lange nicht den Bedarfen der Kinder und Jugendlichen. Trotz oder gerade wegen dieser Vielfalt an Möglichkeiten und Herausforderungen des Dorflebens können viele Menschen sagen: Ich bin ein Dorfkind und stolz drauf.

    Ein Projekt zum Thema ,,Jungsein auf dem Land“

    Um die Perspektiven des Aufwac

    hsens und Lebens auf dem Land aus erster Hand zu erfahren, lud ich Freunde und Bekannte zu einem intergenerationalen Projekt ein. Dabei kamen Jugendliche, junge Erwachsene und Erwachsene aus meinem Heimatort Borsum zusammen, um sich über das Thema auszutauschen. Bevor es los ging, zeigten mir die Jugendlichen und jungen Erwachsenen Plätze und Orte in ihrem Dorf, die für sie eine besondere Bedeutung haben (siehe Bilder rechts). Zu Beginn haben wir uns über die aktuelle Lage und Herausforderungen des Dorflebens im Allgemeinen unterhalten. Im Anschluss sind wir bei einem Brainstorming näher auf die Perspektiven der Kinder und Jugendlichen auf dem Land eingegangen. Dabei stellten wir fest, dass sich das Jung sein auf dem Land im Laufe der Jahre sehr gewandelt hat. Die Erwachsenen, die alle selbst auf dem Dorf aufgewachsen sind, erzählten, dass es zum Beispiel mehr spielende Kinder auf den Straßen gab, dafür aber fast keine Freizeitangebote. Später im Gespräch hatten die Jugendlichen die Gelegenheit, ihre Wünsche zu äußern, die dann mit den Erwachsenen reflektiert wurden. Dabei stießen die Jugendlichen auf Zustimmung, denn Wünsche wie Aufenthaltsorte oder mehr Sitzgelegenheiten teilen die Erwachsenen. Des Weiteren kamen wir auf das Neubaugebiet in meinem Heimatdorf zu sprechen. Wir unterhielten uns über mögliche Planungen und Wünsche. Eine Frage blieb offen – was für Angebote oder Aufenthaltsorte sind eigentlich für Kinder und Jugendliche im Neubaugebiet geplant? Kurzerhand schrieb ich dem Verantwortlichen der Gemeinde Harsum eine Mail mit dieser Frage und bekam folgende Antwort. Im nahen Umfeld des Neubaugebiets ,,An der Filderkoppel“ befänden sich Spielplätze, eine Grundschule und eine Kindertagesstätte, eine weitere Kindertagesstätte entstehe im Neubaugebiet, wie auch eine altersgerechte Wohnanlage. Als Treffpunkt der verschiedenen Generationen diene in Zukunft eine angrenzende Parkanlage. Diese werde von der Gemeinde entworfen und unter Beteiligung von Kindern und Jugendlichen fertiggestellt. Eine weitere Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sei nicht geplant, denn als die Planungen 2010 begannen, steckte die Partizipation von Kindern noch in den ,,Kinderschuhen“, so die Gemeinde Harsum. Mein Gedanke dazu: Es ist schön, dass Kinder und Jugendliche bei der Planung der Parkanlage beteiligt werden, so können sie Ideen einbringen und ihr Dorf gestalten.

    Zusammenfassend kann ich sagen, dass das Leben auf dem Dorf ein sehr vielfältiges ist, und dass ich trotz, oder gerade wegen der vielen Chancen und Herausforderungen das Landleben sehr schätze und es gegen kein Geld der Welt eintauschen würde, denn bislang haben wir Dorfkinder noch jede Hürde als Gemeinschaft gemeistert.

    Liebe Politik, nehmt euch gerne ein Beispiel und fragt einfach mal die Kinder und Jugendlichen nach ihren Meinungen und Wünschen – denn mal ehrlich, Fragen kostet doch nichts.

    Grundlegendes zum 17. Kinder- und Jugendbericht

    • gesetzliche Grundlage: §84 SGB VIII
    • erscheint im Vier-Jahres-Rhythmus
    • erstellt von wechselnder, unabhängiger
      Sachverständigenkommission
    • im Mittelpunkt stehen Spannungsverhältnisse zwischen Lebens- und Problemlagen von Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und allen Institutionen, die mit ihnen arbeiten
    • soll Bestandsaufnahme bieten, die aktuelle Lage bewerten und Empfehlungen für Weiterentwicklungen geben
    • Themenschwerpunkt legt Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) fest
    • BMBFSFJ gibt Stellungnahme zu den Ergebnissen

    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Berlin.

    … zum Thema ,,Jungsein auf dem Land“

    • bereits von früheren Kinder- und Jugendberichten untersucht
    • Kinder und Jugendliche auf dem Land gelten als wenig beforscht
    • auch für Jugendliche auf dem Land sind digitale Medien, Sport und Peeraktivitäten wichtige Freizeitbeschäftigung
    • die meisten Kinder und Jugendlichen sehen auf dem Land große Vorteile, vor allem in den Bereichen Sicherheit, Kriminalität, familiäre Nähe und Natur (Beierle et al. 2016)
    • Kinder und Jugendliche auf dem Land sehen sich deutlich im Bereich Berufliche- und Bildungsperspektiven benachteiligt – Grund: lange Fahrtwege zu den Ausbildungsstätten
    • auch auf fehlende Aufenthaltsorte wird hingewiesen, auf anderen öffentlichen Plätzen ist das Treffen von Gleichaltrigen von Erwachsenen oft ungewünscht
    • die zumeist negative Fremdwahrnehmung vom Landleben wirkt sich auf die Eigenwahrnehmung

    aus Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht, Berlin, S. 237 ff.

    Literatur

    Berlin- Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Wüstenrot Stiftung (Hrsg.) (2023): Neu im Dorf? Wie der Zuzug das Leben auf dem Land verändert (Stand:29.07.2025)
    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Berlin.
    Bundeszentrale für politische Bildung, Roßmann (2020): Über (un)gleiche Verhältnisse: Digitalisierung im ländlichen Raum (Stand:29.07.2025)
    Mey, G. (2021). Jugendliche in ländlichen Regionen – Jugendforschung in der Peripherie. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung / Discourse. Journal of Childhood and Adolescence Research, 16(3), 375-380 (Stand:29.07.2025).
    Sarah Beierle, Frank Tillmann, Birgit Reißig (2016): Jugend im Blick – Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen, Projektergebnisse und Handlungsempfehlungen (Stand:29.07.2025).




    Der alte Kastanienbaum am Denkmal der Roßwindmühle – kein idealer Treffpunkt für Jugendliche, denn er liegt direkt zwischen den Häusern.

    Foto: Johanna Olek

  • Hey Freund*innen der Minerva

    das ist der Blog der Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft der Universität Hildesheim. Hier lest ihr Blogbeiträge, die in den Studiengängen BA Erziehungswissenschaft und MA Erziehungswissenschaft mit den Schwerpunkten Kindheitspädagogik/Diversität entstanden sind.

    Die Eule ist das Logo der Universität Hildesheim. In der hier abgebildeten Form ist sie zugleich das Logo unserer Abteilung. Minerva, die römische Göttin der Weisheit, der Strategie, der Kunst, des Handwerks und der Gerechtigkeit. Eine ihrer Attribute ist die Eule. Diese spiegelt die Schwerpunkte und das Selbstverständnis der Universität wider. Minerva steht für Wissen, Bildung und die Fähigkeit, Probleme zu lösen.

    Nähere Infos zu der Abteilung und den Studiengängen findet ihr hier

    https://www.uni-hildesheim.de/fb1/institute/institut-fuer-erziehungswissenschaft/allgemeine-erziehungswiss