Autor: Sophie Mainka und Sandy Heller

  • Digitalität als Hauptbeschäftigung von Jugendlichen – stimmt das?

    Digitalität als Hauptbeschäftigung von Jugendlichen – stimmt das?

    Sophie Mainka und Sandy Heller

    Digitale Medien werden von uns im Alltag immer häufiger genutzt, nicht nur im Privaten, sondern auch in der Schule, in der Universität oder im Beruf. Und auch Kinder und vor allem Jugendliche nutzen diese Medien immer häufiger und länger, sodass auch im 17. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2024) das Thema aufgegriffen wurde. Aber kann überhaupt davon geredet werden, dass die Digitalität heutzutage eine der Hauptbeschäftigungen von Jugendlichen ist?

    Was ist der 17. Kinder und Jugendbericht?

    Nach dem §84 SGB VIII muss die Bundesregierung dem Bundestag sowie dem Bundesrat in jeder Legislaturperiode, also alle vier Jahre, einen Kinder und Jugendbericht vorlegen und darauf Stellung beziehen (BMFSFJ 2024). Der Bericht wird durch eine unabhängige Sachverständigenkommission erarbeitet (ebd.). Der 17. Kinder und Jugendbericht ist ein Gesamtbericht, welcher weiträumig die Lage der jungen Generation in Bezug auf die Situation der Kinder und Jugendhilfe darstellt. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den Einbezug von möglichst vielen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen (ebd.).

    Digitalität im Kinder- und Jugendbericht

    Der 17. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2024) beschäftigt sich mit vielen Fragen rund um die Digitalisierung, beispielsweise mit den Themen „Jungsein in einer digitalisierten Welt und mediatisierten Umwelten“ (ebd., S. 275 ff.) und „Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe“ (ebd., S. 355 ff.) Besonders in dem erstgenannten Kapitel wird dargestellt, dass viele Aktivitäten – wie die Alltagsorganisation, Freizeitgestaltung, geschlechtliche und sexuelle Identitätsfindung sowie die berufliche Orientierung – immer mehr im digitalen Raum stattfinden (vgl. ebd.). Das Leben ohne die Digitale Welt ist für Kinder und Jugendliche unvorstellbar. Daher muss sich mehr mit den Risiken des Aufwachsens in der digitalen Welt beschäftigt werden (vgl. ebd., S. 355). Auch zeigt der 17. Kinder- und Jugendbericht auf, dass ebenfalls in der Kinder- und Jugendhilfe die Digitalisierung einen großen Fortschritt mit sich bringt. Zum einen können nun Hilfeleistungen auch hybrid angeboten werden, was eine deutliche Barrierefreiheit schafft (vgl. ebd.). Zum anderen ergeben sich durch die Digitalisierung auch neue soziale Probleme, welche durch die digitale Lebenswelt entstehen. Diese muss ebenfalls die Kinder- und Jugendhilfe mit aufgreifen (vgl. ebd., S. 356).

    Digitalität in der heutigen Gesellschaft in Deutschland

    Nicht nur in der Politik gibt es ein großes Interesse an der Digitalität, auch in der gesamten Gesellschaft ist dies ein großes Thema. Mittlerweile gibt es nur noch vereinzelt Lebensbereiche, in denen es keinen Wandel und Weiterentwicklung durch die Digitalisierung gegeben hat (vgl. vbw 2017, S. 71). Die Nutzung vom Internet oder von mobilen Endgeräten ist in den letzten Jahren in allen Altersstufen angestiegen, sodass im Jahre 2023 etwa 68 Millionen Bürger*innen in Deutschland ab 14 Jahren ein Smartphone nutzten, die Tendenz ist dabei für die nächsten Jahre steigend (vgl. Statista 2024).

    In Deutschland kommen nicht nur Erwachsene fast durchgehend in den Kontakt mit der Digitalität, sondern auch Kinder und Jugendliche. Diese verwenden auch in der Schule digitale Medien, da mit diesen der Unterricht unterstützt oder geführt wird (vgl. vbw 2017, S. 77). Wichtig dabei ist, dass nicht nur den Schüler*innen ein verantwortungsvoller Umgang mit den Medien beigebracht wird, sondern dass auch Lehrkräfte geschult werden, wie verschiedene Technologien genutzt werden können und wie sie geschickt mit verschiedenen pädagogischen und didaktischen Aufgaben verbunden werden können (vgl. ebd., S. 78).

    Weshalb nun ein Projekt dazu?

    Im Rahmen des Seminars „Der 17. Kinder und Jugendbericht“ an der Universität Hildesheim im BA Erziehungswissenschaft haben wir uns mit dem Thema Digitalität in der Wohngruppe beschäftigt. Dabei verfolgten wir das Ziel zu erfahren, wie Jugendliche digitale Medien im Bildungskontext, vor allem in Situationen außerhalb von Bildungseinrichtungen oder dazugehörigen Aufgaben, nutzen. Bei der Zielgruppe handelte es sich um Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren, welche in einer Wohngruppe leben. Hierzu besuchten wir eine Wohngruppe und kamen mit den Bewohner*innen zu verschiedenem Fragen rund um die Bildschirmzeit ins Gespräch: Welche sozialen Medien werden genutzt, welche Bildungsinhalte angesehen und welche Endgeräte genutzt? Gibt es Einschränkungen bei der Nutzung in der Wohngruppe. Zudem kamen wir auch mit pädagogischen Fachkräften ins Gespräch. Beispielsweise fragten wir sie, wie sich das Nutzungsverhalten verändert hat und ob die Digitalisierung sowohl positive als auch negative Auswirkungen mit sich bringt.

    Was ist eine Wohngruppe?

    Wenn von einer Einrichtung gesprochen wird, bei der Kinder und Jugendliche außerhalb ihrer Familien wohnen, also Tag und Nacht verbringen, sprechen viele Menschen von Heimen. So steht es auch im SGB VIII. Allerdings ist dieser Begriff nicht sonderlich wertschätzend gegenüber den Kindern und Jugendlichen, sodass hier der Begriff Wohngruppe genutzt wird. Das Konzept ist in den Hilfen zur Erziehung (§27 SGB VIII) zu verorten, sodass in Wohngruppen Kinder und Jugendliche wohnen, „wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist“ (ebd.). Außerdem ist das allgemeine Ziel bei der Unterbringung in einer Wohngruppe, dass die Betroffenen in ihre Familien zurückkehren können, die Erziehung in einer anderen Familie vorbereitet wird oder das für längere Zeit in der Wohngruppe gelebt wird. Es soll auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden, wobei bei Jugendlichen auch ein Fokus auf der Unterstützung bei Fragen der Ausbildung, Beschäftigung und allgemeinen Fragen der Lebensführung liegt (vgl. §34 SGB VIII).

    Meinungen der Fachkräfte: Wie hat sich das Nutzungsverhalten in den letzten Jahren verändert?

    Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass es nach Meinung der befragten Fachkräfte in den letzten Jahren einen deutlichen Wandel im Nutzungsverhalten der Jugendlichen mit digitalen Medien gegeben hat. So sei vor etwa fünf Jahren in der Wohngruppe die Nutzung von Smartphones noch kein großes Thema gewesen, denn häufig haben nicht viele der Jugendlichen ein Smartphone besessen. Durch den Besitz eines Smartphones, der zum Teil auch erzwungen wird durch die Nutzung von digitalen Angeboten, wie beispielsweise dem Deutschlandticket, komme es auch dazu, dass der allgemeine Medienkonsum und damit auch die Nutzung stark zunimmt. Vor allem haben die Fachkräfte beobachtet, dass heutzutage insbesondere Shorts, Reels und die App TikTok konsumiert werden. Somit komme es auch zu einer extremen Gefahr durch die Kurzlebigkeit, „die vielleicht auch nicht jede Fachkraft oder Einrichtung präsent vor Augen habe“.

    Allgemein gelte, dass es immer weniger Interesse an Angeboten gibt, die nicht digital stattfinden. So müssen die Fachkräfte immer wieder neue Angebote schaffen, die zum Teil mit den digitalen Medien mithalten können. Allerdings gestalte sich dies als schwierig, denn bei vielen Jugendlichen liege mittlerweile eine „Hyperfixierung“ vor, was sich auch im Vergleich zwischen der Nutzung von digitalen Medien und anderweitigen Angeboten widerspiegelt, denn dort würde das Verhältnis bei 80 zu 20 liegen.

    Ist die Digitalität wirklich die Hauptbeschäftigung geworden?

    Es lässt sich ganz klar sagen, dass aus Perspektive der befragten Fachkräfte die Nutzung von digitalen Medien die Hauptbeschäftigung von Jugendlichen ist. Selten werden noch Angebote angenommen, bei denen die Digitalität überhaupt keine Rolle spielt, was auch die Fachkräfte vor große Schwierigkeiten stellt.

    Schlussfolgerungen

    Wichtig aus unserer Perspektive ist, dass sowohl im schulischen als auch im außerschulischen Rahmen die Kinder und Jugendlichen über mögliche Gefahren aufgeklärt werden und der Umgang mit Medien erklärt und angeleitet wird. Wie das geschieht, muss in jedem Bereich gut ausgearbeitet werden. Die Politik sowie die Gesellschaft sollten unserer Meinung nach ein Hauptaugenmerk darauf legen, denn wenn jetzt nicht aufgepasst und gehandelt wird, könnte das schwerwiegende Folgen. Für uns pädagogische Fachkräfte kann das bedeuten, für die Kinder und Jugendlichen als Vorbilder voranzugehen, indem wir unser eigenes Verhalten und den Umgang mit digitalen Medien kritisch überdenken, reflektieren und gegebenenfalls anpassen.

    Literatur

    BMBFSFJ (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 (Abfrage: 30.09.2025).

    Statista (2024): Anzahl der Smartphone-Nutzer*innen Deutschland in den Jahren 2009 bis 2023 und Prognose bis 2030 (in Millionen). Statista. Statista GmbH. Zugriff: 30. Juli 2025. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/198959/umfrage/anzahl-der- smartphonenutzer-in-deutschland-seit-2010/ (Abfrage: 30.09.2025).

    Vbw – Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft e.V. (Hrsg.) (2017): Bildung 2030 – veränderte Welt. Fragen an die Bildungspolitik. Gutachten. Aktionsrat Bildung. Münster: Waxmann.