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  • Jungsein in Zeiten des Wandels: Zwischen Krise und Hoffnung – Jugend gestaltet Zukunft

    Jungsein in Zeiten des Wandels: Zwischen Krise und Hoffnung – Jugend gestaltet Zukunft

    Anna-Maria Correggia, Saskia Hensel und Carolin Marie Clara Oelkers

    Unsere Zukunft – aber wer schützt sie eigentlich?

    Das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist heute stärker denn je von multiplen Krisen geprägt. Krieg, Pandemie, Klimawandel und ein akuter Fachkräftemangel schaffen ein Gefühl der Unsicherheit und Überforderung, das sich besonders auf sozial benachteiligte junge Menschen auswirkt (vgl. BMFSFJ 2024, S. 83). Diese sogenannte „Polykrise“ ist mehr als eine Aneinanderreihung einzelner Probleme; sie stellt ein komplexes Geflecht dar, das die Lebensrealitäten junger Menschen grundlegend verändert und ihre Vulnerabilität (die potenzielle Verletzlichkeit) multipliziert.
    Trotz der tiefgreifenden Auswirkungen dieser Krisen auf Kinder und Jugendliche, insbesondere auf jene aus ökonomisch benachteiligten Verhältnissen, werden ihre Anliegen und Interessen im öffentlichen Diskurs oft kaum berücksichtigt (vgl. BMFSFJ 2024, S. 251). Während der Corona-Pandemie beispielsweise lag der politische Fokus primär auf psychischen Belastungen, anstatt die sozialen Folgen und ungleichen Lebensbedingungen umfassend zu thematisieren. Es ist von entscheidender Bedeutung, diese Situation detailliert zu beleuchten, da die Zukunft junger Menschen auch die Zukunft unserer Gesellschaft ist. Eine Vernachlässigung ihrer Bedürfnisse kann langfristig das Vertrauen in gesellschaftliche und demokratische Prozesse untergraben.

    Ausgangspunkt und Zielsetzung des Beitrags

    Der vorliegende Beitrag basiert auf den umfassenden Analysen und Erkenntnissen des 17. Kinder- und Jugendberichts (vgl. BMFSFJ 2024). Dieser Bericht dient als zentrales Analyseinstrument, um die Lebenslagen junger Menschen systematisch zu erfassen und zu bewerten. Er legt die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Aufwachsens offen und zeigt auf, welche tiefgreifenden Folgen die aktuellen Entwicklungen für benachteiligte junge Menschen haben. Gleichzeitig untersucht er die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe und macht sichtbar, wie diese auf die unterschiedlichen Herausforderungen reagiert.
    Dieser Beitrag wird die vielschichtigen Herausforderungen des Jungseins in krisenhaften Zeiten beleuchten, die Bedeutung von Partizipation hervorheben und konkrete Handlungsempfehlungen für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft ableiten.
    Dabei fließen auch Einblicke aus unserem studentischen Projekt „Zukunft(s)fragen – Wie Kinder und Jugendliche in prekären Lebenslagen ihre Zukunft sehen“ ein, welches die subjektiven Perspektiven von Kindern und Jugendlichen aus sozioökonomisch herausfordernden Lebenslagen auf ihre eigene Zukunft in einer unsicheren Gesellschaft in Deutschland untersucht hat.

    Teil 1: Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und soziale Ungleichheiten

    Kinderarmut im Kontext multipler Krisen – Herausforderungen und strukturelle Ungleichheiten

    In den letzten Jahren hat sich die Lebensrealität vieler Kinder und Jugendlicher in Deutschland deutlich verschärft. Der 17. Kinder- und Jugendbericht zeigt auf, wie sich multiple Krisen, wie etwa die Corona-Pandemie, die bewaffneten Konflikte, der Klimawandel oder der Fachkräftemangel, verstärkt negativ auf das Aufwachsen junger Menschen auswirken. Dabei trifft es nicht alle gleich: Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien sind von diesen Entwicklungen überproportional betroffen (vgl. BMFSFJ 2024, S. 83 f.).

    Soziale Ungleichheit durch Krisen verschärft

    Während der Corona-Pandemie traten soziale Ungleichheiten besonders deutlich zutage. Der Wegfall von Bildungs- und Betreuungsinfrastrukturen wie Schulen, Kitas oder Kinder- und Jugendzentren traf vor allem jene, die bereits zuvor wenig Ressourcen zur Verfügung hatten. Homeschooling war ohne Zugang zu digitalen Geräten, stabilem Internet oder Unterstützung durch Eltern kaum möglich – ein deutlicher Nachteil für jene, die ohnehin mit wenig Ressourcen auskommen mussten (vgl. BMFSFJ 2024, S. 84 ff.).
    Parallel zu dieser Krise zeigen aktuelle Daten, dass es auch jenseits von Pandemiefolgen an Betreuungsplätzen mangelt. Im Jahr 2022 besteht ein rechnerischer Platzmangel von 321 000 Betreuungsplätzen für Unter-Dreijährige, und das bei einer Betreuungsquote von 35,5 % bei 49 % elterlichem Betreuungswunsch. Außerdem fehlen 109 000 Plätze für Drei- bis Unter-Sechsjährige. Obwohl 96 % der Sorgeberechtigten eine Betreuung wünschen, liegt die tatsächliche Betreuungsquote hier bei nur 92 %. Kinder mit Migrationsgeschichte nutzen Angebote für unter Dreijährige seltener (22 % vs. 43 %) und bei Drei- bis Unter-Sechsjährigen verhältnismäßig mehr (78 % vs. 100 %) (vgl. Autor:innengruppe Kinder- und Jugendhilfestatistik 2024, S. 52, 56 ff.).
    Auch der Fachkräftemangel in sozialen und pädagogischen Berufen verschlechtert die Situation. Gerade Kinder und Jugendliche, die auf Unterstützung in besonderem Maße angewiesen wären, erhalten weniger individuelle Förderung, Schutz und Teilhabemöglichkeiten (vgl. ebd., S. 87 f.). Hinzu kommen finanzielle Sorgen durch Inflation und steigende Energiepreise, die viele Familien zusätzlich belasten. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Kinderarmut nicht lediglich eine Begleiterscheinung einzelner Krisen ist, sondern ein tief verwurzeltes Problem, das langfristige gesellschaftliche Konsequenzen nach sich zieht.

    Kinderarmut: Ein strukturelles Problem

    Laut Statistischem Bundesamt (2024) waren im Jahr 2023 in Deutschland 23,6 % der unter 18-Jährigen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. In dieser Statistik umfasst soziale Ausgrenzung nicht nur finanzielle Armut, sondern auch Herausforderungen, die sich in der Wohnsituation, bei materiellen Ressourcen und in den Möglichkeiten zur sozialen Teilnahme zeigen (vgl. Statistisches Bundesamt o.J.). Minderjährige stellen damit die am stärksten armutsgefährdete Bevölkerungsgruppe dar. Diese Armut ist selten ein kurzfristiger Zustand und oft bleibt sie über Generationen bestehen. Die soziale Mobilität nimmt ab, und viele junge Menschen haben kaum Chancen, ihre Lebenslage aus eigener Kraft zu verbessern.
    Zudem zeigt sich, dass Kinderarmut mehr als ein Problem mit dem Einkommen ist. Sie bedeutet eingeschränkten Zugang zu Bildung, Teilhabe, angemessenem Wohnraum, gesunder Ernährung und gesellschaftlicher Anerkennung. Folglich fehlen in sozial benachteiligten Wohngebieten häufig öffentliche Grünflächen oder niedrigschwellige Treffpunkte, an denen sich junge Menschen begegnen können. Diese fehlenden Rückzugs- und Erlebnisräume verstärken das Gefühl sozialer Isolation – insbesondere in ohnehin belasteten Lebenslagen (vgl. Luhmann et al. 2023, S. 60 f.). Besonders gravierend ist, dass armutsbetroffene Kinder und Jugendliche in mehrfacher Hinsicht benachteiligt sein können: Merkmale wie Behinderung, Migrationsgeschichte oder Alleinerziehenden-Status potenzieren die soziale Ausgrenzung (vgl. BMFSFJ 2024, S. 112).

    Lebensrealitäten und Belastungen benachteiligter Jugendlicher

    Die strukturelle Benachteiligung lässt sich jedoch nicht allein über Daten und Kategorien erfassen, sie zeigt sich auch deutlich in den alltäglichen Lebenswelten junger Menschen. Der 17. Kinder- und Jugendbericht verdeutlicht eindrücklich, wie sich diese Realität konkret gestaltet und welche emotionalen, sozialen und psychischen Folgen sich daraus ergeben. Krisen sind Verstärker sozialer Probleme, denn Lockdowns und Kontaktbeschränkungen haben bei Jugendlichen zu massivem Stress, Überforderung und psychischen Belastungen geführt. Einsamkeit betraf vor allem junge Menschen aus einkommensschwachen Familien (vgl. BMFSFJ 2024, S. 251). Eine Studie in Nordrhein-Westfalen dokumentierte, dass 78 % der Befragten sich „etwas“ oder „stark einsam“ fühlten (vgl. Luhmann et al. 2023, S. 59 ff.). Finanzielle Unsicherheit und fehlende Freizeitangebote verstärken Zukunftsängste, indem sie bestehende Probleme zu echten Krisen eskalieren ließen (vgl. Andresen et al. 2022, S. 16 f.). Online-Aktivitäten, Musikhören, Treffen mit Freunden und Sport dominieren die Freizeit junger Menschen, daher wünschen sie sich mehr sichere und auch für sie sozial zugänglichere Begegnungsorte (vgl. Stuttgarter Jugendhaus 2023, S. 22 ff.). Armut schränkt nicht nur die materielle Teilhabe ein, sondern erschwert zusätzlich Zugang zu Freizeit- und Sportangeboten, was die soziale und emotionale Isolation der Kinder- und Jugendlichen aus ökonomisch benachteiligten Lebenslagen verstärkt. Diese individuellen Erfahrungen verdeutlichen einmal mehr, dass strukturelle Kinderarmut nicht nur eine ökonomische, sondern eine tiefgreifende gesellschaftliche Herausforderung darstellt.

    Digitale Spaltung als neue Dimension der Ungleichheit

    Die Digitalisierung birgt große Chancen, insbesondere für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Zugleich wird deutlich, dass gesellschaftliche Ungleichheiten auch im digitalen Umfeld Ausdruck finden: Junge Menschen aus ökonomisch benachteiligten Haushalten haben nicht nur seltener Zugang zu Geräten oder Internet (First-level digital
    divide), sondern nutzen digitale Angebote auch anders (Second-level digital divide). Zusätzlich wirken algorithmische Mechanismen im Hintergrund (Third-level digital divide), welche bestehende Ungleichheiten im digitalen Raum weiter zementieren (vgl. BMFSFJ 2024, S. 105).

    Soziale Klasse als zentrales Analysekriterium

    Statt von „sozialer Herkunft“ spricht der Bericht bewusst von
    sozialer Klasse. Neben Einkommen und Bildung umfasst dieser Begriff auch kulturelle Werte, Netzwerke und Machtverhältnisse als zentrale Elemente, die die Chance auf Teilhabe prägen. Soziale Klasse wirkt dabei oft suprakategorial, d. h. sie überschneidet sich mit anderen Differenzmerkmalen wie Geschlecht, Migration oder zugeschriebener Behinderung und verstärkt bestehende Benachteiligungen (vgl. BMFSFJ 2024, S. 112 f.). In der Konsequenz heißt dies für die Kinder- und Jugendhilfe, dass Angebote und Beteiligungsformate so gestaltet werden müssen, dass sie unterschiedliche soziale Lebenslagen berücksichtigen. Ein rein formaler Zugang reicht nicht aus, wenn kulturelle Codes, fehlende Netzwerke oder institutionelle Hürden jungen Menschen den tatsächlichen Zugang zu Teilhabe erschweren.

    Anerkennung, Teilhabe und Gerechtigkeit als Leitprinzipien

    Der Bericht betont, dass Teilhabe mehr ist als bloßer Zugang zu Angeboten, wie Bildungs- und Betreuungsangeboten. Es geht um reale Wahlmöglichkeiten, selbstbestimmte Lebensführung und gesellschaftliche Anerkennung. Diese Beispiele gelten als Rechte, die gerade benachteiligten jungen Menschen oft verwehrt bleiben. Deshalb soll die Kinder- und Jugendhilfe nicht nur auf Krisen reagieren, sondern aktiv Bedingungen für ein gerechtes Aufwachsen schaffen. Hierzu gehören inklusive Konzepte, stabile Strukturen und ein expliziter Fokus auf soziale Gerechtigkeit (vgl. BMFSFJ 2024, S. 83).
    Wichtig ist außerdem auch die politische Repräsentation junger Menschen. Vor allem jene aus benachteiligten Lebenslagen haben wenig Einfluss auf politische Entscheidungen und das, obwohl sie besonders stark betroffen sind. Der Bericht fordert daher eine stärkere Berücksichtigung ihrer Stimmen und Bedürfnisse in Politik und Gesellschaft.

    Fazit: Armut junger Menschen ist politisch und veränderbar

    Wer in Armut aufwächst, erfährt nicht nur materielle Einschränkungen, sondern oft auch soziale Ausgrenzung und geringere Chancen auf eine sichere, selbstbestimmte Zukunft. Der Bericht zeigt eindrücklich, dass es politische und gesellschaftliche Anstrengungen braucht, um die Lebenslagen junger Menschen nachhaltig zu verbessern.
    Das bedeutet: Wir müssen Armut konsequent bekämpfen, Ressourcen gerechter verteilen und die Kinder- und Jugendhilfe so ausstatten, dass sie ihrer zentralen Aufgabe, der Ermöglichung von Teilhabe, nachkommen kann. Im weiteren Verlauf dieses Blogs greifen wir mögliche Handlungsoptionen auf und skizzieren konkrete Maßnahmen, denn ob eine Gesellschaft gerecht ist, entscheidet sich früh bei den Jüngsten.

    Teil 2: Lebenswelten und Zukunftsperspektiven junger Menschen

    Zukunftsperspektiven und Vertrauen

    Junge Menschen, die in sozial benachteiligten Lebenslagen aufwachsen, schätzen ihre persönliche Zukunft pessimistischer ein als die gesellschaftliche (vgl. BMFSJ 2024, S. 150 f.). Das Vertrauen in politische Lösungen ist nicht da. Viele bezweifeln, dass die Politik ihre Lage verbessern kann. Diese Resignation spiegelt eine systemische Untergrabung demokratischer Handlungsfähigkeit wider. Neben materieller Unterstützung muss die Politik das Vertrauen in demokratische Prozesse und das Selbstwirksamkeitserleben junger Menschen wiederherstellen, um eine „verlorene Generation“ zu verhindern (vgl. Gaupp et al. 2021, S. 7 ff.).

    Bedeutung der Partizipation und notwendige Verbesserungen

    Die Beteiligung junger Menschen ist in Deutschland rechtlich verankert, insbesondere im Sozialgesetzbuch VIII, und wurde durch das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (2021) weiter konkretisiert (vgl. BMFSFJ 2024, S. 361). Trotz dieser rechtlichen Grundlage zeigt sich in der Praxis jedoch, dass Partizipation häufig nur formal umgesetzt wird. Die Corona-Pandemie hat bestehende Ungleichheiten sichtbar verschärft, da zentrale Unterstützungsangebote temporär eingestellt wurden und die Kinder- und Jugendhilfe nur eingeschränkt handlungsfähig war (vgl. BMFSFJ 2024, S. 88). Hinzu kommen regionale Unterschiede in der Infrastruktur, die insbesondere in strukturell benachteiligten Räumen den Zugang zu Unterstützungsangeboten erschweren. Darüber hinaus stellt die Zugänglichkeit sozialstaatlicher Leistungen für Familien eine zentrale Herausforderung dar: Komplexe Antragsverfahren und unübersichtliche Zuständigkeiten erschweren einigen Familien die Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten.
    Armut beeinflusst nicht nur materielle Lebenslagen, sondern auch die Möglichkeiten junger Menschen, ihre Interessen sichtbar zu machen und gesellschaftlich wirksam einzubringen. Vor diesem Hintergrund berücksichtigt die Armutsforschung zunehmend die Perspektive von Kindern und Jugendlichen als eigenständige Akteur*innen, da Armut spezifische Auswirkungen auf ihr Wohlergehen, ihre Mitbestimmung und ihre Teilhabe in Familie, Schule und Ausbildung hat (vgl. BMFSFJ 2024, S. 153).
    Um tragfähige Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen, bedarf es sensibler Zugänge, die Schamgefühle, gesellschaftlichen Druck und ungleiche Machtverhältnisse berücksichtigen. Forschung, Politik und Praxis sind gleichermaßen gefordert, Methoden und Beteiligungsformate zu entwickeln, die an den Lebensrealitäten junger Menschen aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen anknüpfen. Partizipation ist damit nicht nur ein sozialpädagogisches Prinzip, sondern eine strategische Voraussetzung, um demokratische Prozesse zu stärken und gesellschaftliche Resilienz zu erhöhen.

    Zukunft aus erster Hand: Kinder und Jugendliche teilen ihre Sicht

    Wie erleben junge Menschen ihre Zukunft, wenn sie täglich mit Unsicherheiten, Diskriminierungserfahrungen und Benachteiligungen konfrontiert sind? Genau dieser Frage sind wir in unserem Projekt „Zukunft(s)fragen“ nachgegangen. Entscheidend war uns dabei, nicht über, sondern mit den Kindern und Jugendlichen zu sprechen und gemeinsam ihre Perspektiven sichtbar zu machen. Ein Satz, der immer wieder auftauchte, bringt das auf den Punkt: “Ich wünsche mir, dass Erwachsene uns öfter zuhören und uns ernst nehmen”.
    Im Fokus standen die eigenen Stimmen der teilnehmenden jungen Menschen einer stationären Wohngruppe in Niedersachsen im August 2025. Die Gruppe war vielfältig zusammengesetzt: Sechs junge Menschen im Alter von acht bis siebzehn Jahren brachten unterschiedliche Lebenserfahrungen ein.
    Durchgeführt wurde das Projekt von zwei Studierenden der Universität Hildesheim, begleitet von einer pädagogischen Fachkraft der Wohngruppe. Dabei wurde gezielt ein vertrauensvoller, diskriminierungssensibler Rahmen geschaffen, in dem persönliche Themen sicher thematisiert werden konnten. Um die individuellen Zukunftsperspektiven möglichst vielfältig sichtbar zu machen, kombinierten wir spielerische, literarische und kreative Methoden: Das „Zukunftsbingo“ stimmte mit einfachen Aussagen auf das Thema ein, anschließend konnten die Teilnehmenden in einem „Brief an mein Zukunfts-Ich“ ihre Hoffnungen, Sorgen und Wünsche aufschreiben oder zeichnen. Die „Talk-Wand“ schließlich sammelte Anliegen, Alltagsstrategien und Veränderungswünsche und schuf eine Gesprächsgrundlage zwischen den jungen Menschen, der Fachkraft und uns Studierenden.


    Was junge Menschen bewegt

    Die Auswertung der Gespräche und Beiträge zeigten ein wiederkehrendes Spannungsverhältnis: Neugier und Zukunftsinteresse stehen neben konkreten Unsicherheiten und Ängsten. Aus dem Zukunftsbingo kam häufiger Zustimmung zu Aussagen wie “Ich möchte später sagen dürfen, was ich denke, ohne dass es komisch ist” oder “Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich anders bin als andere, und das ist okay”. Gleichzeitig fanden sich in den Briefen und an der Talk-Wand klare Sorgen: “Ich habe Angst, älter zu werden” und “Ich mache mir Sorgen, dass ich die dritte Klasse nicht schaffe”. Für viele ist Freundschaft und Musik eine tägliche Stütze. Ein junger Mensch schrieb: “Musik und Freunde helfen mir, wenn’s schwer ist”. Andere formulierten Hoffnungen, die ganz konkret sind, etwa “Ich will später einen Stall mit einem eigenen Pferd” oder “Ich wünsche mir, dass es meinen Eltern besser geht”.

    Diese persönlichen Aussagen verweisen immer wieder auf materielle und infrastrukturelle Bedingungen. Alle Teilnehmenden nannten schlechte Nahverkehrsangebote und eingeschränkte Freizeitmöglichkeiten in ihrer Umgebung. Mehrfach wurde betont, dass die Stadt mehr Chancen zu bieten scheint, weil dort Angebote und Wege besser erreichbar sind. Aus dieser Perspektive erscheinen Forderungen nach finanzieller Sicherheit und verlässlicher Infrastruktur nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung dafür, überhaupt an Zukunft denken zu können. Die jungen Menschen formulierten das so: materielle Ressourcen sind nötig, damit man teilnehmen kann.

    Anonymisierte Ideenskizzen von zwei jungen Menschen für den “Brief an mein Zukunfts-Ich” (Fotoquelle: privat)


    Partizipation wurde von den Teilnehmenden nicht als bloße Formulierung verstanden. Viele kritisierten symbolische Beteiligung und forderten ernst zu nehmende Mitsprache. “Wir sollen nicht nur sagen dürfen, was wir mitentscheiden, sondern dass uns auch zugehört wird”, sagte eine Teilnehmender in der Murmelrunde. Die Fachkraft bestätigte diese Einschätzung und wies zugleich auf strukturelle Hürden hin, etwa bürokratische Vorgaben, fehlende Mittel und stigmatisierende Erfahrungen, die echte Teilhabe erschweren..

    Trotz der genannten Einschränkungen zeigen die Beiträge zahlreiche Ressourcen und Selbstwirksamkeitserfahrungen. Kinder und Jugendliche berichteten davon, wie Routinen, kleine Erfolge und soziale Unterstützung helfen, schwierige Situationen zu bewältigen. Einige beschrieben, wie sie Ängste überwunden oder neue Interessen entdeckt haben. Solche Aussagen machen deutlich, dass Resilienz nicht allein individuelle Anpassung bedeutet, sondern oft das Produkt konkreter sozialer Beziehungen und erreichbarer Angebote ist.

    Was bedeuten diese Befunde?

    Die Ergebnisse machen deutlich, dass Hoffnungen und Ängste junger Menschen untrennbar mit strukturellen Rahmenbedingungen verbunden sind. Materielle Unsicherheit, eingeschränkte Infrastruktur und begrenzte Teilhabechancen formen das Zukunftsbild und verstärken bestehende Benachteiligungen.
    Partizipation verliert an Wirksamkeit, wenn die grundlegenden materiellen und räumlichen Voraussetzungen fehlen. Ohne erreichbare Infrastruktur und finanzielle Absicherung bleibt Beteiligung häufig symbolisch. Echte Selbstwirksamkeit entsteht nur dort, wo verlässliche Beziehungen, sichere Orte und ausreichende Ressourcen vorhanden sind.
    Die Stimmen der Teilnehmenden belegen zugleich große Widerstandskraft und formulieren deutlich, welche Veränderungen sie benötigen. Sie zeigen, welche Rahmenbedingungen verändert werden müssen: mehr wirkungsvolle Beteiligungsmöglichkeiten, niedrigschwellige Freizeit- und Begegnungsorte sowie Maßnahmen zur materiellen Absicherung.
    Kurz zusammengefasst bestätigen die Ergebnisse, dass individuelle Förderung und strukturelle Reformen zusammengedacht werden müssen, um Anerkennung, Teilhabe und verlässliche Zukunftsperspektiven für alle jungen Menschen zu ermöglichen.
    Die Projektergebnisse sind weit mehr als Momentaufnahmen individueller Erlebnisse. Sie belegen, dass gesellschaftliche Krisen und soziale Ungleichheit nicht abstrakt sind, sondern die Lebens- und Entwicklungschancen unserer Kinder schon heute massiv beeinflussen. Die Wünsche und Forderungen der jungen Menschen nach Stabilität, Sicherheit, echter Teilhabe und materieller Absicherung markieren den klaren Auftrag an Politik, Fachpraxis und Gesellschaft. Es bedarf grundlegender Veränderungen – im Sinne einer gerechten Verteilung von Ressourcen, der Stärkung sozialer Infrastruktur, der konsequenten Bekämpfung von Armut und der Förderung echter Partizipation. Die nun folgenden Handlungsempfehlungen und Perspektiven für eine gerechtere Gesellschaft leiten sich auch direkt aus diesen empirisch fundierten Erkenntnissen und aus den theoretischen Grundlagen ab.

    Teil 3: Handlungsempfehlungen und Ausblick für eine gerechte Gesellschaft

    Die Notwendigkeit einer gerechten Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen

    Bisherige Ansätze behandeln oft nur die Symptome der sozialen Ungleichheit und es fehlt eine deutlich übergreifende kinder- und jugendpolitische Strategie. Dies hat das Sachverständigengremium, welches von der Bundesregierung eingesetzt wurde, um Empfehlungen zur Kinder- und Jugendhilfe und zu Querschnittsfragen der Kinder- und Jugendpolitik zu geben, herausgearbeitet (vgl. Bundesjugendkuratorium 2023, S. 1 f.). Es reicht nicht aus, nur formale Zugänge zu schaffen, denn Teilhabe sollte in sozialer Hinsicht das oberste Gebot sein.
    Um eine solidarische Gesellschaft zu werden, brauchen wir eine langfristige Vision. Wir brauchen präventive Maßnahmen, die Benachteiligung verhindern, und Strukturen, die allen jungen Menschen die Entfaltung ihrer Potenziale ermöglichen. Dies erfordert eine grundlegende Neuausrichtung der Politik.
    Ein ganzheitlicher Ansatz, der verschiedene Bereiche einbezieht, ist zentral, denn junge Menschen haben sehr individuelle Bedürfnisse. Die Politik braucht dafür einen klaren Plan und muss sich um entscheidende Themen wie Bildung, Infrastruktur, Digitalisierung, Kinder- und Jugendhilfe, Armutsbekämpfung und Vielfalt kümmern. Eine grundlegende Neuausrichtung der Politik ist notwendig, um strukturelle Benachteiligungen langfristig abzubauen und echte Teilhabechancen für alle jungen Menschen zu sichern. Dafür braucht es zudem abgestimmte Strategien, die systemisch ineinandergreifen.

    Konkrete Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft

    Damit wir die Probleme, die der Bericht zeigt, in den Griff kriegen und eine Kinder- und Jugendpolitik machen, die auch in Zukunft etwas taugt, brauchen wir umfassende Maßnahmen in verschiedenen Bereichen:

    Wir müssen Bildung und frühkindliche Förderung stärken

    Damit soziale Ungleichheiten nicht noch größer werden, muss die Förderung von jungen Menschen in den Bildungsinstitutionen wie Kitas und Schulen verbessert werden. Sie soll überall stattfinden und sich nach den unterschiedlichen Lebensrealitäten und Bedarfen der jungen Menschen richten (vgl. BMFSFJ 2024, S. 12, 500 f.; Deutscher Bundestag 2005, S. 29 ff.).
    Wie im ersten Teil unseres Blogs aufgezeigt wurde, sind gerade Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien mehrfach belastet – sei es durch fehlende Infrastruktur, eingeschränkten Zugang zu frühkindlicher Bildung oder durch soziale Ausgrenzung. Frühkindliche Förderung kann hier ein entscheidender Hebel sein, um ungleiche Startchancen frühzeitig auszugleichen.
    Neben dem quantitativen Ausbau braucht es jedoch vor allem qualitativ hochwertige Angebote: gut ausgebildetes, divers zusammengesetztes Fachpersonal und bedarfsgerechte Betreuungsschlüssel sind zentrale Voraussetzungen dafür, dass alle Kinder, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status, die gleichen Chancen auf Bildung und Teilhabe erhalten (vgl. Huebener et al. 2023, S. 41 ff.).

    Wir müssen uns auch um die soziale Infrastruktur kümmern (vgl. auch BMFSFJ 2024, S. 504 f.)

    Damit Kinder und Jugendliche sich in ihrer Nachbarschaft wohl und sicher fühlen, braucht es Orte zum Spielen, für Sport, Kultur und Begegnung. Darauf verweist unter anderem auch der Fachbeitrag von Katalin Saary und Susanne Fuchs (vgl. 2019; vgl. auch Beierle & Tillmann 2022, S. 46 ff.). Nach dem Leitgedanken „Stadtplanung jung gedacht“ müssen kommunale Bebauungspläne niedrigschwellige, partizipative Orte hinzufügen und das Quartiersmanagement gezielt an den Bedürfnissen junger Menschen ausrichten (vgl. Kaupert 2023).

    Wir müssen die Digitalisierung gerecht gestalten (vgl. auch BMFSFJ 2024, S. 508)

    Digitale Teilhabe ist äußerst wichtig für Bildung, soziale Kontakte und demokratische Beteiligung. Die Politik und die Kommunen müssen nicht nur die nötige Hardware bereitstellen, sondern auch einfach zugängliche Schulungen in Schulen und Jugendzentren anbieten. So können wir gemeinsam die digitalen Räume selbstbestimmt nutzen.

    Wir müssen die Kinder- und Jugendhilfe stärken (vgl. auch BMFSFJ 2024, S. 505 ff.)r müssen Bildung und frühkindliche Förderung stärken

    Die Politik muss die strukturellen Ursachen von Ungleichheit bekämpfen und Teilhabe in allen Politikfeldern verankern. Die Kinder- und Jugendhilfe darf sich nicht nur um die Symptome kümmern, sondern muss aktiv Bedingungen schaffen, damit Kinder und Jugendliche gerecht aufwachsen können. Dafür müssen wir gezielt auf Fachkräfte setzen, ihre Arbeitsbedingungen verbessern und die diversitätsreflexive Kompetenz fördern. So können wir barrierefreie und kultursensible Angebote sicherstellen – insbesondere für junge Menschen mit Flucht – oder Migrationsgeschichte, zugeschriebener Behinderung oder queerer Identität.

    Hier sind ein paar Ideen, wie wir die Armut bekämpfen können

    Armut entsteht durch gesellschaftliche Strukturen und ist kein persönliches Versagen. Deshalb braucht es eine Kindergrundsicherung sowie mehr Investitionen in Bildung und eine bessere Versorgung. Dies ist essenziell, damit alle jungen Menschen genug zu essen, warme Mahlzeiten und Zugang zu außerschulischen Angeboten erhalten können.

    Umgang mit Diversität und Benachteiligung (vgl. auch BMFSFJ 2024, S. 503 f.)

    Vielfalt muss das A und O sein. Inklusion heißt, dass bei der konzeptionellen Planung von Räumen (z.B. barrierefreie Zugänge), Programmen (z.B. Workshops und zielgruppenspezifische Programme) und Fortbildungen (z.B. diskriminierungskritische Qualifizierungsmaßnahmen) unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt werden müssen. Es sollten diskriminierungskritische Fortbildungen angeboten werden und Räume, in denen sich benachteiligte junge Menschen selbstwirksam einbringen können.

    Eine solidarische Gesellschaft gestalten – alle sind gefragt

    Soziale Gerechtigkeit ist nicht nur eine Aufgabe für die Politik, sondern für die ganze Gesellschaft. Bildungseinrichtungen, Familien, Angebote der Kinder- und Jugendhilfe – alle haben Verantwortung für die Bedingungen, unter denen junge Menschen aufwachsen. Der 17. Kinder- und Jugendbericht fordert deshalb nicht nur strukturelle Reformen, sondern auch eine „Kultur der Anerkennung und Beteiligung“ (vgl. BMFSFJ 2024, S. 501–504). Kinder und Jugendliche müssen mitreden dürfen – nicht nur in Jugendparlamenten oder Beteiligungsprojekten, sondern überall dort, wo über ihr Leben entschieden wird. Eine gerechte Gesellschaft kümmert sich um diejenigen, die Hilfe benötigen, und verleiht ihnen eine Stimme.

    Unsere Schlussfolgerungen und Pläne für die Zukunft

    Die Zukunft junger Menschen ist auch die Zukunft unserer Gesellschaft. Wenn wir eine gerechte Teilhabe ermöglichen wollen, müssen wir die sozialen Rahmenbedingungen grundlegend verändern. Wir brauchen ein starkes Zusammenspiel von Politik, Praxis und Gesellschaft – mit jungen Menschen im Mittelpunkt. Die Ergebnisse unseres Projekts und die Analysen des 17. Kinder- und Jugendberichts zeigen: Teilhabe, Schutz und Förderung dürfen kein Privileg sein – sie sind ein Recht!

    Wir möchten uns von ganzem Herzen bei allen Kindern und Jugendlichen bedanken, die mit uns über ihre Zukunftspläne gesprochen haben. Ein großes Dankeschön geht auch an alle Fachkräfte und Akteur*innen, die sich jeden Tag mit vollem Einsatz für ihre Anliegen einsetzen.

    Setzt Euch aktiv für Kinder und Jugendliche ein, teilt unseren Beitrag und gebt Ihnen eine starke Stimme – so werdet Ihr zum Motor des Fortschritts!

    Literatur

    Andresen, Sabine/ Bellmann, Johannes/ Caruso, Marcelo (2022): Die Corona-Pandemie als pädagogisch relevantes Ereignis? Einleitung in den Thementeil. In: Zeitschrift für Pädagogik, 68. Jg., H. 3, S. 283–289.

    Autor:innengruppe Kinder- und Jugendhilfestatistik (2024): Kinder- und Jugendhilfereport 2024. Eine kennzahlenbasierte Analyse mit dem Schwerpunkt zum Fachkräftemangel. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich. (Abfrage: 16.06.2025)

    Beierle, Stefanie/Tillmann, Frank/Reißig, Birgit (2016): Abschlussbericht der Studie „Jugend im Blick“ – Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen. Projektergebnisse und Handlungsempfehlungen. München: Deutsches Jugendinstitut. (Abfrage: 27.05.2025)

    Bundesjugendkuratorium (2023): Mehr Kinder- und Jugendpolitik gerade jetzt wagen – Kinder- und jugendpolitische Halbzeitbilanz der Bundesregierung (Halbzeitbilanz 12/2023). Abfrage: 27.05.2025)

    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht: Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Berlin.

    Deutscher Bundestag (2005): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Zwölfter Kinder- und Jugendbericht. Stellungnahme der Bundesregierung. BT-Drucksache 15/6014. Berlin. (Abfrage: 26.05.2025)

    Gaupp, Nora/ Holthusen, Bernd/ Milbradt, Björn/ Lüders, Christian/ Seckinger, Mike (Hrsg.) (2021): Jugend ermöglichen – auch unter den Bedingungen des Pandemieschutzes. München

    Huebener, Mathias/Schmitz, Simone/Spieß, Katharina/Binger, Lea (2023): Frühe Ungleichheiten – Zugang zu Kindertagesbetreuung aus bildungs- und gleichstellungspolitischer Perspektive. In: FES Diskurs, November 2023. (Abfrage: 16.06.2025)

    Kaupert, Michael (2023): Stadtplanung jung gedacht: Freiräume und Beteiligung. In: jugendgerecht.de.(Abfrage: 26.05.2025)

    Luhmann, Maike/Brickau, Dennis/Schäfer, Benno/Mohr, Paul/Schmitz, Max/Neumann, Annika/Steinmayer, Ralf (2023): Einsamkeit unter Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen nach der Pandemie. Verfügbar unter(Abfrage: 27.05.2025)

    Saary, Kristin/Fuchs, Sarah (2019): Platz zum Wachsen: Stadtgestaltung für Kinder und Jugendliche. In: Kinderfreundliche Kommune.(Abfrage: 13.06.2025)

    Statistisches Bundesamt (2024): Gefährdung durch Armut oder soziale Ausgrenzung: AROPE-Indikator nach Geschlecht und Alter im Zeitvergleich. (Abfrage: 26.05.2025)

    Statistisches Bundesamt (o.J.): Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC). (Abfrage: 07.12.2025)

    Stuttgarter Jugendhaus gGmbH (Hrsg.) (2023): Jugend im öffentlichen Raum. Veränderungen vor und durch die Covid-19 Pandemie, Handlungsempfehlungen für Stadtverwaltung und Jugendarbeit (Abfrage: 28.05.2025)

  • Digitalität als Hauptbeschäftigung von Jugendlichen – stimmt das?

    Digitalität als Hauptbeschäftigung von Jugendlichen – stimmt das?

    Sophie Mainka und Sandy Heller

    Digitale Medien werden von uns im Alltag immer häufiger genutzt, nicht nur im Privaten, sondern auch in der Schule, in der Universität oder im Beruf. Und auch Kinder und vor allem Jugendliche nutzen diese Medien immer häufiger und länger, sodass auch im 17. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2024) das Thema aufgegriffen wurde. Aber kann überhaupt davon geredet werden, dass die Digitalität heutzutage eine der Hauptbeschäftigungen von Jugendlichen ist?

    Was ist der 17. Kinder und Jugendbericht?

    Nach dem §84 SGB VIII muss die Bundesregierung dem Bundestag sowie dem Bundesrat in jeder Legislaturperiode, also alle vier Jahre, einen Kinder und Jugendbericht vorlegen und darauf Stellung beziehen (BMFSFJ 2024). Der Bericht wird durch eine unabhängige Sachverständigenkommission erarbeitet (ebd.). Der 17. Kinder und Jugendbericht ist ein Gesamtbericht, welcher weiträumig die Lage der jungen Generation in Bezug auf die Situation der Kinder und Jugendhilfe darstellt. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den Einbezug von möglichst vielen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen (ebd.).

    Digitalität im Kinder- und Jugendbericht

    Der 17. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2024) beschäftigt sich mit vielen Fragen rund um die Digitalisierung, beispielsweise mit den Themen „Jungsein in einer digitalisierten Welt und mediatisierten Umwelten“ (ebd., S. 275 ff.) und „Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe“ (ebd., S. 355 ff.) Besonders in dem erstgenannten Kapitel wird dargestellt, dass viele Aktivitäten – wie die Alltagsorganisation, Freizeitgestaltung, geschlechtliche und sexuelle Identitätsfindung sowie die berufliche Orientierung – immer mehr im digitalen Raum stattfinden (vgl. ebd.). Das Leben ohne die Digitale Welt ist für Kinder und Jugendliche unvorstellbar. Daher muss sich mehr mit den Risiken des Aufwachsens in der digitalen Welt beschäftigt werden (vgl. ebd., S. 355). Auch zeigt der 17. Kinder- und Jugendbericht auf, dass ebenfalls in der Kinder- und Jugendhilfe die Digitalisierung einen großen Fortschritt mit sich bringt. Zum einen können nun Hilfeleistungen auch hybrid angeboten werden, was eine deutliche Barrierefreiheit schafft (vgl. ebd.). Zum anderen ergeben sich durch die Digitalisierung auch neue soziale Probleme, welche durch die digitale Lebenswelt entstehen. Diese muss ebenfalls die Kinder- und Jugendhilfe mit aufgreifen (vgl. ebd., S. 356).

    Digitalität in der heutigen Gesellschaft in Deutschland

    Nicht nur in der Politik gibt es ein großes Interesse an der Digitalität, auch in der gesamten Gesellschaft ist dies ein großes Thema. Mittlerweile gibt es nur noch vereinzelt Lebensbereiche, in denen es keinen Wandel und Weiterentwicklung durch die Digitalisierung gegeben hat (vgl. vbw 2017, S. 71). Die Nutzung vom Internet oder von mobilen Endgeräten ist in den letzten Jahren in allen Altersstufen angestiegen, sodass im Jahre 2023 etwa 68 Millionen Bürger*innen in Deutschland ab 14 Jahren ein Smartphone nutzten, die Tendenz ist dabei für die nächsten Jahre steigend (vgl. Statista 2024).

    In Deutschland kommen nicht nur Erwachsene fast durchgehend in den Kontakt mit der Digitalität, sondern auch Kinder und Jugendliche. Diese verwenden auch in der Schule digitale Medien, da mit diesen der Unterricht unterstützt oder geführt wird (vgl. vbw 2017, S. 77). Wichtig dabei ist, dass nicht nur den Schüler*innen ein verantwortungsvoller Umgang mit den Medien beigebracht wird, sondern dass auch Lehrkräfte geschult werden, wie verschiedene Technologien genutzt werden können und wie sie geschickt mit verschiedenen pädagogischen und didaktischen Aufgaben verbunden werden können (vgl. ebd., S. 78).

    Weshalb nun ein Projekt dazu?

    Im Rahmen des Seminars „Der 17. Kinder und Jugendbericht“ an der Universität Hildesheim im BA Erziehungswissenschaft haben wir uns mit dem Thema Digitalität in der Wohngruppe beschäftigt. Dabei verfolgten wir das Ziel zu erfahren, wie Jugendliche digitale Medien im Bildungskontext, vor allem in Situationen außerhalb von Bildungseinrichtungen oder dazugehörigen Aufgaben, nutzen. Bei der Zielgruppe handelte es sich um Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren, welche in einer Wohngruppe leben. Hierzu besuchten wir eine Wohngruppe und kamen mit den Bewohner*innen zu verschiedenem Fragen rund um die Bildschirmzeit ins Gespräch: Welche sozialen Medien werden genutzt, welche Bildungsinhalte angesehen und welche Endgeräte genutzt? Gibt es Einschränkungen bei der Nutzung in der Wohngruppe. Zudem kamen wir auch mit pädagogischen Fachkräften ins Gespräch. Beispielsweise fragten wir sie, wie sich das Nutzungsverhalten verändert hat und ob die Digitalisierung sowohl positive als auch negative Auswirkungen mit sich bringt.

    Was ist eine Wohngruppe?

    Wenn von einer Einrichtung gesprochen wird, bei der Kinder und Jugendliche außerhalb ihrer Familien wohnen, also Tag und Nacht verbringen, sprechen viele Menschen von Heimen. So steht es auch im SGB VIII. Allerdings ist dieser Begriff nicht sonderlich wertschätzend gegenüber den Kindern und Jugendlichen, sodass hier der Begriff Wohngruppe genutzt wird. Das Konzept ist in den Hilfen zur Erziehung (§27 SGB VIII) zu verorten, sodass in Wohngruppen Kinder und Jugendliche wohnen, „wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist“ (ebd.). Außerdem ist das allgemeine Ziel bei der Unterbringung in einer Wohngruppe, dass die Betroffenen in ihre Familien zurückkehren können, die Erziehung in einer anderen Familie vorbereitet wird oder das für längere Zeit in der Wohngruppe gelebt wird. Es soll auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden, wobei bei Jugendlichen auch ein Fokus auf der Unterstützung bei Fragen der Ausbildung, Beschäftigung und allgemeinen Fragen der Lebensführung liegt (vgl. §34 SGB VIII).

    Meinungen der Fachkräfte: Wie hat sich das Nutzungsverhalten in den letzten Jahren verändert?

    Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass es nach Meinung der befragten Fachkräfte in den letzten Jahren einen deutlichen Wandel im Nutzungsverhalten der Jugendlichen mit digitalen Medien gegeben hat. So sei vor etwa fünf Jahren in der Wohngruppe die Nutzung von Smartphones noch kein großes Thema gewesen, denn häufig haben nicht viele der Jugendlichen ein Smartphone besessen. Durch den Besitz eines Smartphones, der zum Teil auch erzwungen wird durch die Nutzung von digitalen Angeboten, wie beispielsweise dem Deutschlandticket, komme es auch dazu, dass der allgemeine Medienkonsum und damit auch die Nutzung stark zunimmt. Vor allem haben die Fachkräfte beobachtet, dass heutzutage insbesondere Shorts, Reels und die App TikTok konsumiert werden. Somit komme es auch zu einer extremen Gefahr durch die Kurzlebigkeit, „die vielleicht auch nicht jede Fachkraft oder Einrichtung präsent vor Augen habe“.

    Allgemein gelte, dass es immer weniger Interesse an Angeboten gibt, die nicht digital stattfinden. So müssen die Fachkräfte immer wieder neue Angebote schaffen, die zum Teil mit den digitalen Medien mithalten können. Allerdings gestalte sich dies als schwierig, denn bei vielen Jugendlichen liege mittlerweile eine „Hyperfixierung“ vor, was sich auch im Vergleich zwischen der Nutzung von digitalen Medien und anderweitigen Angeboten widerspiegelt, denn dort würde das Verhältnis bei 80 zu 20 liegen.

    Ist die Digitalität wirklich die Hauptbeschäftigung geworden?

    Es lässt sich ganz klar sagen, dass aus Perspektive der befragten Fachkräfte die Nutzung von digitalen Medien die Hauptbeschäftigung von Jugendlichen ist. Selten werden noch Angebote angenommen, bei denen die Digitalität überhaupt keine Rolle spielt, was auch die Fachkräfte vor große Schwierigkeiten stellt.

    Schlussfolgerungen

    Wichtig aus unserer Perspektive ist, dass sowohl im schulischen als auch im außerschulischen Rahmen die Kinder und Jugendlichen über mögliche Gefahren aufgeklärt werden und der Umgang mit Medien erklärt und angeleitet wird. Wie das geschieht, muss in jedem Bereich gut ausgearbeitet werden. Die Politik sowie die Gesellschaft sollten unserer Meinung nach ein Hauptaugenmerk darauf legen, denn wenn jetzt nicht aufgepasst und gehandelt wird, könnte das schwerwiegende Folgen. Für uns pädagogische Fachkräfte kann das bedeuten, für die Kinder und Jugendlichen als Vorbilder voranzugehen, indem wir unser eigenes Verhalten und den Umgang mit digitalen Medien kritisch überdenken, reflektieren und gegebenenfalls anpassen.

    Literatur

    BMBFSFJ (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 (Abfrage: 30.09.2025).

    Statista (2024): Anzahl der Smartphone-Nutzer*innen Deutschland in den Jahren 2009 bis 2023 und Prognose bis 2030 (in Millionen). Statista. Statista GmbH. Zugriff: 30. Juli 2025. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/198959/umfrage/anzahl-der- smartphonenutzer-in-deutschland-seit-2010/ (Abfrage: 30.09.2025).

    Vbw – Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft e.V. (Hrsg.) (2017): Bildung 2030 – veränderte Welt. Fragen an die Bildungspolitik. Gutachten. Aktionsrat Bildung. Münster: Waxmann.

  • Digitalität bei Mädchen und Jungen im Jugendalter – Gespräch in  einer Jugendwohngruppe

    Digitalität bei Mädchen und Jungen im Jugendalter – Gespräch in  einer Jugendwohngruppe

    Kiara Schulz

    Was ist der Kinder- und Jugendbericht?

    „Der 17. Kinder- und Jugendbericht ist ein Gesamtbericht, der […] die aktuelle Lage junger Menschen in Deutschland beschreiben und analysieren und dabei auch ihre Bedürfnisse, Interessen und Wünsche sichtbar machen soll“ (BMFSFJ 2024, S. 39). Ein neuer Kinder- und Jugendbericht wird alle vier Jahre vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlicht.

    Hintergrund

    Im Rahmen des Bachelor-Seminars Der 17. Kinder- und Jugendbericht an der Universität Hildesheim hatten wir die Aufgabe, ein praxisorientiertes Projekt zu einem Thema, welches im 17. Kinder- und Jugendbericht aufgegriffen wird, zu planen und durchzuführen. Drei Kommilitoninnen und ich entschieden uns dazu, gemeinsam ein Projekt in einer Wohngruppe durchzuführen. Schnell waren wir uns einig, dass wir uns mit dem Thema Digitalität und Medienkonsum bei Jugendlichen beschäftigen möchten, weil dieses Thema pädagogisch relevant ist und wir es als wichtig empfanden, der Thematik Aufmerksamkeit zu schenken. Unseren vorherigen Beobachtungen zufolge scheint der Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen nämlich immer weiter zu steigen – und dem wollten wir auf den Grund gehen. Entschieden haben wir uns konkret für das Thema „Digitalität bei Mädchen und Jungen im Jugendalter“.

    Unsere Planung

    Im ersten Schritt überlegten wir, wo wir das Projekt überhaupt durchführen könnten. Wichtig dabei war es uns, mit Jugendlichen direkt ins Gespräch zu kommen, weshalb wir uns entschieden, in einer Wohngruppe anzufragen. Die Möglichkeit, in dem Rahmen auch etwas über die Perspektiven und Eindrücke der Mitarbeitenden zu erfahren, bestärkte uns zusätzlich darin, das Projekt in einer Wohngruppe durchzuführen.

    Nachdem wir die Zusage der Wohngruppe erhielten, sind wir in die Planung des Projekts gegangen. Wir hatten vor, mit den Jugendlichen und Mitarbeitenden zum Thema ins Gespräch zu kommen. Die Idee, im Gespräch mit den Jugendlichen und Mitarbeitenden Daten teilweise digitalgestützt zu erheben, erschien uns aufgrund des Themas passend. Wir entwickelten Fragen sowohl an die Jugendlichen als auch an die Mitarbeitenden. Für eine Frage nutzen wir daher das Onlineprogramm „Menti“. Die Ergebnisse werden mit diesem Programm visualisiert.

    Unsere zentralen Fragen lauteten wie folgt:

    Fragen an die Jugendlichen:                                   

    • Wie lange ungefähr nutzt ihr digitale Medien am Tag?
    • Welche Endgeräte nutzt ihr am meisten?
    • Was nutzt ihr (z.B. welche Apps)? → Menti-Abfrage
    • Welche Inhalte schaut ihr euch dort an?
    • Konsumiert ihr Bildungsinhalte? Wenn ja, welche, wofür und wie viel? Falls nicht, warum nicht?
    • Wie ist die Nutzung digitaler Medien in die Wohngruppe eingebunden (werden digitale Medien z.B. auch gemeinsam genutzt)?
    • Was wünscht ihr euch im Umgang mit digitalen Medien in der Wohngruppe?

    Fragen an die Mitarbeitenden:                            

    • Hat sich das Nutzungsverhalten von Jugendlichen in den letzten (10) Jahren gewandelt?
    • Wie lange nutzen die Jugendlichen die Medien im Verhältnis zu anderen Aktivitäten (und im Gegensatz zu Jugendlichen außerhalb der Wohngruppe)?
    • Hat das Verhalten der Jugendlichen mit digitalen Medien positive oder negative Auswirkungen?
    • Welche Effekte haben diese Auswirkungen auf euch? Wie arbeitet ihr damit?
    • Wie geht ihr in der Wohngruppe mit dem Thema Digitalität um?
    • Reflexion über digitale Bildungsinhalte: Beobachtet ihr, dass die Jugendlichen sich digital bilden bzw. ermutigt ihr sie dazu?

    Unterschiede im Nutzungsverhalten zwischen Mädchen und Jungen

    Erfahren wollten wir auch, wie sich das Nutzungsverhalten von digitalen Medien zwischen Mädchen und Jungen unterscheidet. Deshalb haben wir auch hier die Jugendlichen und Mitarbeitenden zu ihren Einschätzungen befragt. In diesem Blogbeitrag stelle ich vor allem die geschlechtsspezifischen Unterschiede der Mediennutzung vor.

    Grundlage für das Projekt waren zwei Thesen, die ich aufgestellt habe und die auch in der Literatur zur Mediennutzung von Jugendlichen belegt sind. Die Thesen lauteten wie folgt:

    These 1: Jungen verbringen in ihrer Freizeit mehr Zeit mit digitalen Medien als Mädchen.

    These 2: Mädchen verbringen mehr Medienzeit mit sozialen Medien wie TikTok, Instagram usw., während Jungen mehr Medienzeit mit Videospielen und Gaming-Videos (z.B. auf YouTube) verbringen.


    Verweis auf die Blogbeiträge meiner Kommilitoninnen

    Falls euch ein weiterer Blogbeitrag zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden im Medienkonsum interessiert, lest euch gerne den Blogbeitrag von Charlotte Kersten durch. Sandy Heller und Sophie Mainka thematisierten in ihrem Blogbeitrag insbesondere die Position der Mitarbeitenden der Wohngruppe. Falls euch das interessiert, lest euch gerne auch diesen Blogbeitrag durch.


    Die Durchführung des Projekts

    Foto: privat

    Am 03. Juli 2025 fuhren wir gemeinsam mit dem Auto zu der Wohngruppe. Wir brachten leckere Snacks wie Gummibärchen, Kekse und Salzstangen mit, um eine lockere Atmosphäre zu schaffen. Wir konnten das Projekt vor Ort mit vier Jugendlichen (zwei Mädchen und zwei Jungen) sowie mit drei Mitarbeitenden durchführen. Zuerst kamen wir mit den Jugendlichen ins Gespräch. Bevor wir mit den eigentlichen Fragen starteten, machten wir eine kleine Vorstellungsrunde und eine erste Menti-Umfrage zu „Was fällt euch ein, wenn ihr an digitale Medien denkt?“. Danach stiegen wir mit den Fragen ein und konnten in einem lockeren Gespräch Antworten auf unsere Fragen sammeln.

    Danach führten wir ein interessantes Gespräch mit drei Mitarbeitenden der Wohngruppe, die uns unsere Fragen sehr ausführlich beantworteten und ihre (Berufs-)Erfahrungen mit uns teilten.

    Ergebnisse der Jugendlichen

    Das waren die Stichworte der Jugendlichen auf die Frage „Was fällt euch ein, wenn ihr an digitale Medien denkt?“.

    Bei der Frage, welche Medien genutzt werden, gaben alle WhatsApp und TikTok an. Auch YouTube, Instagram, Spotify, Mobile Games und Duolingo werden häufig genutzt. Sonstige Lernapps, Facebook oder Mediatheken vom ARD oder ZDF werden hingegen von den Jugendlichen gar nicht genutzt.

    Im Folgenden fasse ich die Antworten auf die anderen Fragen zusammen:

    • Die tägliche Bildschirmzeit der Jugendlichen liegt zwischen 8 und 15 Stunden.
    • Genutzt werden das Smartphone, das IPad und der PC.
    • Bildungsinhalte werden nur begrenzt konsumiert und beschränken sich auf die App Duolingo (Sprachen lernen), Dokumentationen (vor allem True Crime) sowie Podcasts über alltägliches Wissen. Die Jugendlichen gaben an, keine Lust zu haben, sich außerhalb der Schule mit „solchen Themen“ zu beschäftigen; wenn sie etwas wissen möchten, würden sie einfach schnell googlen oder ChatGPT fragen.
    • In der Wohngruppe werden digitale Medien auch zusammen genutzt, z.B. wenn gemeinsam eine Serie geschaut wird.
    • In der Wohngruppe sind die Nutzungsregeln digitaler Medien der Jugendlichen individuell.
    • Die Jugendlichen nehmen eine Ablenkung vom Unterricht durch die Einbindung digitaler Medien und Endgeräte in der Schule wahr.
    • Die Jugendlichen nehmen eine Zunahme von Mobbing wahr, was durch digitale Medien gestützt wird.
    • Die Jugendlichen vermuten, sie seien weniger medienbezogen als Jugendliche, die in ihren Familien leben, weil es in Familien oftmals gar keine Medienregeln gäbe.

    Geschlechtsspezifische Unterschiede und Bezug zu meinen Thesen

    Sowohl die Jugendlichen als auch die Mitarbeitenden konnten bestätigen, dass sich die Inhalte digitaler Medien zwischen Mädchen und Jungen unterscheiden. Jungen scheinen mehr Zeit am PC zu verbringen, während Mädchen digitale Medien eher über das Smartphone konsumieren. Jungen nutzen weniger Social Media als Mädchen und spielen stattdessen mehr Video- und Onlinespiele als die Mädchen. Gaming-Videos werden ebenso mehr von den Jungen konsumiert. Auch Video-Streaming-Dienste werden von Jungen häufiger genutzt. Lediglich TikTok scheint von beiden Geschlechtern ähnlich viel verwendet zu werden.

    Die Annahme, Jungen würden in ihrer Freizeit mehr digitale Medien konsumieren als Mädchen, konnte nicht bestätigt werden. Die Jugendlichen und Mitarbeitenden gehen davon aus, dass die Nutzungszeit nicht vom Geschlecht abhängt und Mädchen und Jungen demnach vergleichbare Medienzeiten aufzeigen.

    Somit konnte ich im Rahmen des Projekts meine erste These nicht bestätigen, mit meiner zweiten These konnte ich jedoch auf Übereinstimmungen treffen.

    Fazit des Projekts

    Im 17. KJB konnte ich keine Informationen zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden im Medienverhalten finden. Stattdessen habe ich wissenschaftliche Informationen aus Studien durch andere Quellen bezogen. Das Projekt war für mich persönlich eine interessante Erfahrung. Ich konnte neben dem spezifischen neuen Wissen zur Mediennutzung bei Jugendlichen auch einen kleinen Einblick in das Leben in einer Wohngruppe gewinnen. Die Gespräche empfand ich als sehr angenehm. In diesem Sinne noch einmal ein großes Dankeschön an die Wohngruppe, dass wir das Projekt dort durchführen durften!

    Literatur

    BMBFSFJ (2025): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 [Zuletzt abgerufen am: 30.09.2025].

    Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2023): JIM-Studie 2024. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart,https://mpfs.de/app/uploads/2024/10/JIM_2023_web_final_kor.pdf (Abfrage: 07.07.2026).

    Bildquelle

    Abbildung 1: BMBFSFJ (2025): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 [Zuletzt abgerufen am: 30.09.2025].

  • Digitale Lebenswelten – Ein Gespräch mit Mädchen und Jungen im Jugendalter in einer Wohngruppe

    Digitale Lebenswelten – Ein Gespräch mit Mädchen und Jungen im Jugendalter in einer Wohngruppe

    Charlotte Kersten

    Was ist der 17. Kinder- und Jugendbericht?

    Der 17. Kinder- und Jugendbericht analysiert auf rund 600 Seiten zu vielen unterschiedlichen Themen die Lage von jungen Menschen in Deutschland. Dazu beschreibt er die Leistungen und die Bestrebungen der Kinder- und Jugendhilfe. Der Bericht erscheint alle vier Jahre. Die neuste Auflage erschien am 18.09.2024. Die Kernbotschaft ist Zuversicht braucht Vertrauen. Dies bedeutet, dass Kinder- und Jugendliche Zuversicht und Vertrauen nur dann erhalten können, wenn die Erwachsenen und die Politik sie dabei unterstützen und Verantwortung übernehmen und ihnen dadurch Vertrauen geschenkt werden kann (vgl. BMBFSFJ 2024).  

    Abb. 1: Titelseite BMBFSFJ 2024

    Digitalität im 17. Kinder- und Jugendbericht

    Der 17. Kinder- und Jugendbericht beschäftigt sich neben vielen anderen Themen auch mit dem Thema Digitalität. Bereits seit dem 12. Kinder. und Jugendbericht wird das Thema Digitalität alle vier Jahre mit einem anderen Fokus in der Berichterstattung behandelt. Daran kann erkannt werden, dass die Digitalisierung als sozialer Wandlungsprozess gesehen wird und somit auch Folgen in der Kinder- und Jugendhilfe hat (vgl. BMFSFJ 2024: S. 275). Der aktuelle Bericht zeigt zum Thema Mediennutzung und zum Onlinehandeln von Kindern und Jugendlichen, dass der Umgang mit Medien für die Mehrheit dieser Altersgruppe alltäglich geworden ist. Er bezieht sich bei seiner Recherche insbesondere auf die sogenannte KIM-Studie aus 2024 (mpfs 2024) Diese konnte empirisch aufzeigen, dass in nahezu allen Haushalten Fernsehgeräte, Smartphones, Computer, sowie Laptops und ein Internetzugang zur Verfügung stehen. Zudem kann im Onlinehandeln beobachtet werden, dass Jugendliche am häufigsten hierzu ihr Smartphone benutzen (vgl. ebd., S. 276). Auch bezieht sich der Bericht auf die JIM-Studie aus 2023 (vgl. mpfs 2023). In dieser wird festgestellt, dass die Onlinenutzungsdauer bei den 12- bis 19-Jährigen im Schnitt im Jahr 2023 bei 224 Minuten pro Tag gelegen hat. Zusätzlich konnte erfasst werden werden, dass die durchschnittliche Onlinenutzungsdauer pro Tag mit steigendem Alter zunimmt. Beliebte Onlineaktivitäten sind bei den Jugendlichen online sein, Musik hören, Internetvideos schauen und digitale Spiele konsumieren. Die wichtigste App bei den befragten Jugendlichen war WhatsApp, danach folgten Instagram, TikTok und YouTube (vgl. BMFSFJ 2024, S. 277).

    Auswahl und Kontext für die Auswahl unseres Themas für unser Projekt

    Im Kontext unseres Bachelor-Seminars im Studiengang Erziehungswissenschaft mit dem Titel Der 17. Kinder- und Jugendbericht an der Universität Hildesheim hatten wir die Aufgabe, ein Thema im Bericht zu identifizieren, dass uns erstens interessant erscheint und dass zweitens dazu dienen kann, in einem Projekt mit unterschiedlichen Gruppen an Personen aus der Kinder- und Jugendhilfe in Kontakt treten zu können. Gemeinsam in unserer Gruppe haben wir zuerst Themen gesammelt, die uns am meisten interessierten. Recht schnell wurde deutlich, dass wir uns alle vier für das Thema Digitalität interessieren. Dadurch wurde uns deutlich, dass wir in die Richtung Digitalität bei Mädchen und Jungen unser Projekt durchführen möchten und somit begannen wir unser Projekt zu gestalten.

    Planung und Durchführung des Projekts

    Gemeinsam haben wir zu viert als Gruppe überlegt, wo wir unser Projekt am besten durchführen können. Wir haben uns entschieden, mit Jugendlichen und nicht mit jüngeren Kindern unser Projekt durchzuführen, deshalb sind wir auf die Idee gekommen, unser Projekt in einer Wohngruppe zu gestalten. Zudem dachten wir, dass es bestimmt interessant sei, wenn wir noch den Mitarbeitenden in der Einrichtung Fragen stellen können, um einen anderen Einblick in die Thematik zu bekommen. Durch diese Überlegung fühlten wir uns zusätzlich bestätigt, unser Projekt in einer Wohngruppe durchzuführen. Nach der erfreulichen Zusage einer Wohngruppe haben wir begonnen, Ideen und Fragen für unser Projekt zu entwickeln.

    Für die Durchführung unseres Projektes sind wir zu viert als Gruppe zu einer Wohngruppe in der Nähe von Hannover gefahren. In dieser Wohngruppe leben Mädchen und Jungen zusammen. Wir haben mit einer kleinen Vorstellungsrunde begonnen. Nach dieser sind wir mit den Jugendlichen ins Gespräch gekommen. Dieses haben wir mit einer Eröffnungsfrage über das Onlinetool Mentimeter gestartet. Diese lautete:,,Was fällt euch ein, wenn ihr an digitale Medien denkt?“ Insgesamt haben wir mit zwei Mädchen und zwei Jungen aus der Wohngruppe gesprochen. Wir haben die Antworten der Jugendlichen zum Anlass genommen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wir konnten ein gutes Gespräch führen und viele Informationen sammeln. Nachdem wir mit den Jugendlichen gesprochen haben, durften wir unsere Fragen an die Mitarbeitenden stellen. Auch hier haben wir neue Erkenntnisse und Informationen erhalten.


    Fragen an die Jugendlichen

    • Wie lange nutzt ihr ungefähr am Tag digitale Medien?
    • Welche Endgeräte nutzt ihr am meisten?
    • Was nutzt ihr? (Welche Apps werden gerne genutzt) → Menti – Abfrage
    • Näher eingehen auf → Was für Inhalte schaut ihr euch in den jeweiligen Apps an?
    • Wenn Bildungsinhalte konsumiert werden → Für was, welche und wie viel?
    • Wenn keine Bildungsinhalte konsumiert werden → Warum benutzt ihr das nicht für Bildungszwecke?
    • Wie ist die Nutzung von digitalen Medien in die Wohngruppe eingebunden? (Alle zusammen oder jeder einzeln)
    • Was wünscht ihr euch im Umgang mit den Medien in der Wohngruppe

    Die Erkenntnisse aus dem Gespräch mit den Jugendlichen

    Die befragten Jugendlichen gaben an, dass ihre Bildschirmzeit durchschnittlich bei 9 Stunden pro Tag liegt. Bei der Nutzung wurden Endgeräte wie Handy, Tablet und PC am häufigsten genannt. Als wir im Gespräch näher draufeingegangen sind, was sie davon gerne benutzen und welche Inhalte sie sich am meisten anschauen, wurde deutlich, dass die Jungen häufiger den PC benutzen, um online Spiele, wie Fortnite und Minecraft, zu spielen. Bei den Mädchen hingegen konnten wir erkennen, dass sie häufiger soziale Medien, wie Instagram, TikTok und Snapchat oder Apps, wie Pinterest benutzen, um dort Inspirationen für Outfits zu erhalten. Des Weiteren haben wir herausgefunden, dass die Jugendlichen digitale Medien selten zu Bildungszwecken benutzen. Dennoch haben zwei Jugendliche erzählt, dass sie die App Duolingo benutzen, um Sprachen zu lernen. Eine Jugendliche gab an, dass sie politische Inhalte oft über TikTok konsumiert. Sie berichtet auch, dass sie der Tagesschau auf Instagram folgt, um über Aktuelles informiert zu sein. Des Weiteren werden Dokumentationen oder Podcasts genutzt. Dies passiert nach den Aussagen der Jugendlichen meistens spontan, je nachdem, was die befragte Person gerade anspricht. Zudem werden bestimmte Apps, wie ChatGPT oder Google für die Schule genutzt. Außerdem konnten die Jugendlichen uns bestätigen, dass sie digitale Medien lieber zum Entertainen und Spielen benutzen als für Bildungszwecke.

    Fazit

    Insgesamt zeigt sich, dass alle Jugendlichen, mit denen wir im Gespräch waren, eine hohe Bildschirmzeit aufweisen. Sie weisen sogar eine mehr als doppelt so hohe Bildschirmzeit auf, wie in dem aktuellen Kinder- und Jugendbericht festgestellt wird. Dennoch sollte aber auch bedacht werden, dass das Gespräch in der Wohngruppe nur mit vier Jugendlichen stattgefunden hat und das dies daher nicht repräsentativ ist. Unsere Vermutung, dass Mädchen häufiger in sozialen Medien unterwegs sind und Jungen hingegen lieber online Spiele spielen (umgangssprachlich das sogenannte Zocken), konnte uns von einem Mitarbeiter in der Wohngruppe bestätigt werden. Außerdem konnten wir erkennen, dass die Jugendlichen nicht oft digitale Medien für Bildungszwecke nutzen. Des Weiteren war es sehr interessant, einen Einblick in eine Wohngruppe zu bekommen und um nicht nur zu schauen, was die Jugendlichen für Angaben und Antworten geben, sondern auch, wie sie den Umgang generell mit digitalen Medien in ihrer Wohngruppe finden und was die Mitarbeitenden zu diesem Thema sagen. In der Wohngruppe ist der Umgang so geregelt, dass die Jugendlichen gelegentlich zusammen einen Film schauen. Weitere Regelungen werden individuell festgelegt.  

    Wenn du noch mehr darüber lesen willst, was die Mitarbeitenden zu dem Thema Digitalität bei Mädchen und Jungen im Jugendalter gesagt haben, dann schaue dir gerne den Blogbeitrag von Sandy Heller und Sophie Mainka an. Zudem kannst du dich ebenfalls über den Blogbeitrag von Kiara Schulz zum Thema weiter informieren. Mehrere Infos zu dem Thema Digitalität im Jugendalter finden sich im aktuellen Kinder- und Jugendbericht. Viel Spaß beim Lesen!

    Literatur

    BMBFSFJ (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 (Abfrage: 30.09.2025).

    Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2023): JIM-Studie 2024. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart,https://mpfs.de/app/uploads/2024/10/JIM_2023_web_final_kor.pdf (Abfrage: 07.07.2026).

    Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2024): KIM-Studie 2024. Kindheit, Internet, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger. Stuttgart. https://mpfs.de/app/uploads/2025/05/KIM-Studie-2024.pdf (Abfrage: 07.07.2026).

    Abbildungsverzeichnis

    Abbildung 1: BMBFSFJ (2025): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 [Zuletzt abgerufen am: 30.09.2025].