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  • Geschlechtliche Lebensrealitäten – die Perspektive des 17. Kinder- und Jugendberichts

    Geschlechtliche Lebensrealitäten – die Perspektive des 17. Kinder- und Jugendberichts

    Eren Konrad und Gina Marie Heinemann

    In den Kinder- und Jugendberichten werden erst seit dem 15. Bericht die unterschiedlichen geschlechtlichen Lebensrealitäten systematisch betrachtet. Dabei sind junge Menschen weiterhin mit den traditionellen Geschlechterstereotypen konfrontiert, welche deren Teilhabemöglichkeiten und die Rollenverteilung in der Gesellschaft beeinflussen. Abweichungen von geschlechtlichen und sexuellen Normen werden geahndet (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2024, S. 215 f.), beispielsweise bei Mädchen, die sich nicht vermeintlich „weiblich“ genug verhalten. Es ist wichtig, dass geschlechtliche Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen in der Kinder- und Jugendarbeit anerkannt und beachtet werden (vgl. ebd., S. 219f.).

    Die Entwicklung geschlechtlicher Identität ist ein wichtiger Teil der Identitätsfindung im Kindes- und Jugendalter. Diversitätsreflexive Angebote in der Kinder- und Jugendhilfe sind notwendig, um die Teilhabe aller junger Menschen unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung zu ermöglichen. Geschlechtliche Vielfalt muss nicht nur rechtlich, sondern auch kulturell und institutionell anerkannt werden (vgl. ebd., S. 222f.).

    Unser Projekt zu geschlechtlichen Lebensrealitäten von Mädchen

    Unser Projekt zum 17. Kinder- und Jugendbericht befasste sich mit den geschlechtsbezogenen Erfahrungen von Mädchen. Es ist wichtig, anzumerken, dass geschlechtliche Diskriminierung neben cisgeschlechtlichen Mädchen auch transgeschlechtliche Jugendliche betrifft, die wir aufgrund des fehlenden Zugangs leider nicht auffassen konnten. Das Projekt wäre aber durchaus auch für sie geeignet gewesen. Hierbei war geplant, sich auf 12- bis 18-Jährige zu beziehen. Wir wollten also die Altersgruppe ansprechen, die sich langsam dem Erwachsenwerden nähert. Besonders interessierte uns, wie Geschlecht und Geschlechtswahrnehmung den Alltag und die Zukunftsvorstellungen der Jugendlichen beeinflussen. Durchführen wollten wir das Projekt mit einer gemischten Gruppe im September 2025 in einem Kinder- und Jugendzentrum. Ziel war es, Ansätze für die Kinder- und Jugendhilfe zu finden, bei welchen Geschlecht als Identitäts- und Gesellschaftsfaktor Beachtung findet.

    Unser Projektplan

    Unsere Leitfragen:

    Für unser Projekt planten wir eine Schreib- und Diskussionsrunde. Angedacht war, dass die Mädchen hierbei anonymisiert einen Brief an sich selbst schreiben, wobei wir ebenfalls bei der Schreibrunde teilnehmen wollten. Die darin beschriebenen Erfahrungen sollten anschließend in der Diskussionsrunde auf freiwilliger Basis geteilt werden. Um diesen Prozess zu erleichtern, erstellten wir einen Leitfaden mit zehn Orientierungsfragen, welcher als Gedankenstütze dienen sollte. Die Briefe konnten in dem Format geschrieben werden, die die jugendliche Person für angemessen hielt. Dabei wollten wir eine offene und gemütliche Atmosphäre schaffen, in der freie Äußerung und gegenseitige Achtsamkeit Verbindung finden.

    Unsere Leitfragen:

    • Wie beeinflusst dein Geschlecht deine Zukunftsplanung? (Ausbildung /Studium, Berufswünsche, Familienplanung, etc.)
    • Wie beeinflusst dein Geschlecht deinen Schulalltag?
    • Wie beeinflusst dein Geschlecht deinen Familienalltag?
    • Wie beeinflusst dein Geschlecht dein soziales Umfeld und Erleben?
    • Wie beeinflusst dein Geschlecht deine Freizeit?
    • Hast du schon einmal Diskriminierungserfahrungen aufgrund deines Geschlechts gemacht?
    • Hattest du schonmal positive Erfahrungen aufgrund deines Geschlechts?
    • Ist dir dein Geschlecht wichtig? Nimmst du es als wichtigen Teil deiner Identität wahr?
    • Warst du schonmal aufgrund deines Geschlechts beziehungsweise in Bezug auf dein Geschlecht verunsichert?
    • Wie beeinflusst dein Geschlecht deine Sexualität?

    Auf Anmerkung unserer Kontaktpersonen im Jugendtreff fügten wir außerdem noch eine kleine Runde zu den Begriffen „Geschlecht“ und „Misogynie“ bzw. „Sexismus“ ein, um eine gute Wissensgrundlage sicherzustellen. Ausgewertet werden sollten sowohl die Briefe selbst als auch die Inhalte der Diskussionsrunde.

    Durchführung

    Während der Durchführung mussten wir einige Anpassungen vornehmen, um den Interessen der Teilnehmenden gerecht zu werden. Wir sprachen in zwei Runden mit insgesamt drei Mädchen von 13 bis 14 Jahren, also am Beginn des „Teenageralters“. Die erste Runde führten wir im Interviewformat durch. In der zweiten Runde konnten wir unser Projekt wie geplant durchführen, wobei beide Mädchen sich dafür entschieden, das Briefformat auszulassen und die Leitfragen einzeln zu besprechen. Bei beiden Gesprächen gingen wir flexibel mit dem Leitfaden um.

    Wir hatten den Eindruck, dass das Projekt nach den vorgenommenen Anpassungen bei den Mädchen gut ankam und ihnen Raum bot, sich offen und ehrlich gegenüber uns auszudrücken. Dazu beigetragen hat sicherlich auch, dass wir eigene Erfahrungen eingebracht haben, wodurch der Gesprächsfluss aufrechterhalten und die Atmosphäre lockerer gestaltet werden konnte. Ein noch intensiverer Austausch innerhalb der Gruppe wäre vermutlich möglich gewesen, wenn die Projektdurchführenden den Jugendlichen bereits vertrauter oder die Teilnehmenden etwas älter gewesen wären. Trotz dieser Einschränkungen empfanden wir sowohl den Ablauf des Projekts als auch die gewonnenen Ergebnisse insgesamt als gelungen.

    Die Inhalte unserer Gespräche mit den Mädchen

    Über die Gespräche wurde uns deutlich, dass die Mädchen zum Teil ähnliche und zum Teil sehr unterschiedliche Wahrnehmungen und Einstellungen zum Thema Geschlecht haben.

    Geschlecht im familiären und schulischen Kontext

    Ein von den Mädchen angesprochenes Thema betraf die Erwartungshaltungen im familiären und schulischen Kontext. Eine Jugendliche berichtete beispielsweise von einem sehr egalitären Familienbild: Hier wünschen sich Eltern vor allem, dass ihre Kinder glücklich und erfolgreich sind. Gleichzeitig hörten wir aber auch von widersprüchlichen Erwartungen innerhalb der Familie: Während ein Elternteil eine berufliche Karriere befürwortete, wünschten sich andere eher, dass die Tochter eine klassische Hausfrauen- und Mutterrolle einnimmt. Insgesamt sprachen die Mädchen von der Erwartung von zukünftigen Ehemännern und Kindern, dass sie Haus- und Carearbeit übernehmen – auch wenn diese Vorstellungen nicht unbedingt ihren eigenen Zukunftswünschen entsprach. Auch beschrieben sie die Erwartung, schon jetzt eine erhöhte Verantwortung im Haushalt sowie gegenüber Brüdern und jüngeren Geschwistern zu übernehmen.

    In Studien zeigt sich, dass Männer nicht nur weniger Hausarbeit als Frauen übernehmen, sondern dass sie auch ihren Anteil an der Hausarbeit überschätzen: Wird die Aufgabenverteilung von beiden Seiten als ungefähr gleich eingeschätzt, übernehmen Frauen in der Realität dennoch etwas mehr als 60 % der Hausarbeit (Bertelsmann Stiftung 2025). Dieses Verständnis von Aufgabenverteilung überträgt sich häufig auch auf die Kinder innerhalb des Haushalts. Die größere Unzufriedenheit vieler Frauen mit der Verteilung von Hausarbeit spiegelt sich möglicherweise auch in den Aussagen der Mädchen wider. Ebenso ist die eher karriereorientierte Zukunftsvision mütterlicherseits im Vergleich zu den traditionelleren Vorstellungen väterlicherseits Ausdruck eines Ungleichgewichts.

    Die Bedeutung des Geschlechts im Freundeskreis und geschlechtliche Identität

    Im schulischen Kontext berichteten die Mädchen von überwiegend geschlechtlich getrennten Freundesgruppen, während dies im digitalen Raum weniger stark ausgeprägt sei. In den Gesprächen entstand zudem der Eindruck, dass Mädchenfreundschaften und gemischte Freundschaften für die Mädchen unterschiedliche Funktionen erfüllen und unterschiedlich erlebt werden. Ein Mädchen erzählte zudem, dass sie aufgrund ihres sportlichen Interesses überwiegend mit Jungen befreundet sei. Dabei fiel ihr ihr eigenes Gefühl auf, sozial dafür abgestraft zu werden, sich nicht „typisch mädchenhaft“ zu verhalten. Dies führe teilweise sogar zu Selbstzweifeln und Selbstablehnung. Sowohl positive als auch negative Erfahrungen bezogen sich in den Berichten der Mädchen häufig auf das äußere Erscheinungsbild, insbesondere auf Kleidung und Frisur.

    Studien zeigen, dass Jugendliche nach sozialer Akzeptanz, Sicherheit und Kontrolle streben. Laut dem Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW) ist Kosmetik- und Schönheitspflege für 73% der befragten jungen Menschen wichtig, um diese Gefühle zu erreichen (IKW 2016). Auch berichteten die Mädchen, aufgrund ihres Geschlechts oft als schwächer wahrgenommen zu werden. Viele äußerten den Wunsch, sich selbst und anderen das Gegenteil zu beweisen. Besonders wichtig war ihnen die Aussage, dass Mädchen grundsätzlich alles erreichen können, was auch Jungen erreichen können. Insgesamt entstand bei uns der Eindruck, dass sich alle befragten Mädchen nach mehr Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung sehnen.

    Interessant war außerdem festzustellen, dass alle Teilnehmenden grundsätzlich zufrieden damit waren, Mädchen zu sein. Zwar gab es unterschiedliche Meinungen darüber, wie wichtig das eigene Geschlecht für die persönliche Identität ist, dennoch wurde deutlich, welchen hohen Stellenwert Mädchenfreundschaften für alle Befragten besitzen – auch für jene, denen das eigene Geschlecht eher unwichtig erschien. Auch nach Breitenbach (2008) haben Mädchenfreundschaften in der Adoleszenz neben der Familie und männlichen Bezugspersonen einen besonders hohen Stellenwert (Breitenbach 2008, S. 132).

    Diskriminierungserfahrungen

    Ein weiterer wichtiger Themenbereich im Gespräch waren allgemeine Diskriminierungserfahrungen. Die Teilnehmenden berichteten von diskriminierender Sprache und geschlechtsspezifischen Beleidigungen wie „Schlampe“. Gleichzeitig wurde thematisiert, dass Begriffe wie „hässlich“ besonders häufig gegen Mädchen verwendet werden. Dies kann besonders verletzend wirken, da das äußere Erscheinungsbild für viele eine zentrale Bedeutung in ihrem Alltag hat. Darüber hinaus wurden Erfahrungen mit Catcalling sowie sexualisierter Gewalt in sozialen Medien angesprochen, die nach Aussagen der Mädchen häufig von älteren Jungen ausgehen.

    Eine Studie von Das Nettz zeigt, dass 49% der befragten Personen bereits online beleidigt wurden. Besonders betroffen sind Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund (30%), junge Frauen (30%) sowie Personen mit homosexueller (28%) oder bisexueller Orientierung (36%) (Das Nettz 2024). In den Gesprächen wurde auch ein generelles Unsicherheitsgefühl thematisiert. Ein Mädchen berichtete beispielsweise, dass sie nur eingeschränkt allein rausgehen dürfe, da ihre Eltern Angst hätten, ihr könnte etwas passieren. Das Bundeskriminalamt berichtet für das Jahr 2024 von rund 1.000 bekannten Fällen sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen. Etwa 95% der Täter waren männlich und rund 75% der Opfer weiblich (BKA 2025). Vor diesem Hintergrund erscheinen sowohl die geschilderten Erfahrungen als auch die generelle Vorsicht vieler Eltern nachvollziehbar, auch wenn die Mädchen selbst diese Ängste teilweise nicht in gleichem Maße teilten.

    Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass einige der geschilderten Erfahrungen von negativen Erlebnissen geprägt waren. Gleichzeitig berichteten die Mädchen jedoch auch von positiven Erfahrungen, insbesondere im zwischenmenschlichen Miteinander. Insgesamt nahmen wir die Gespräche trotz der ernsten Themen als offen, reflektiert und stellenweise auch humorvoll wahr.

    Ausblick und Fazit

    Durch unsere sehr begrenzte Teilnehmendenzahl haben wir nur einen kleinen Einblick in die Erfahrungen von Mädchen erhalten. Trotzdem spiegeln sie den aktuellen Wissensstand über Geschlecht und Jugend auf jugendliche Mädchen wider. Kinder- und Jugendhilfe sollte Räume bieten, um über oben beschriebene Erfahrungen, Erwartungshaltungen und Wahrnehmungen ins Gespräch zu kommen. Sie sollte Jugendliche befähigen, diese kritisch zu reflektieren. Unser Projekt war erfolgreich, weil wir den Rahmen für ebenjene kritische Reflexion schaffen konnten. Wir sehen ein hohes Potenzial in derartigen Projekten. Wir müssen Räume schaffen für junge Menschen, in denen sie ihre geschlechtlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen teilen und in denen Mädchen bei ihrer geschlechtlichen Identitätsbildung unterstützt können. Lasst uns diese Räume dafür nutzen, Diskriminierung entschieden entgegenzutreten!

    Literatur

    Bertelsmann-Stiftung (2025): Männer überschätzen ihren Beitrag zur Hausarbeit – ungleiche Verteilung hemmt Erwerbsarbeit von Frauen. Online unter: https://www.bertelsmann- stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2025/januar/maenner-ueberschaetzen-ihren- beitrag-zur-hausarbeit-ungleiche-verteilung-hemmt-erwerbsarbeit-von-frauen (Letzter Zugriff: 21.10.2025).

    Breitenbach, Eva (2008): Wege durch die Adoleszenz. Mädchenfreundschaften als zentrale weibliche Bezugspraxis. In: Rendtorff, B./Burckhart, S. (Hrsg.): Schule, Jugend und Gesellschaft. Ein Studienbuch zur Pädagogik der Sekundarstufe, Stuttgart: W. Kohlhammer, S. 132-143.

    Bundeskriminalamt (BKA) (2024): Bundeslagebild Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen. Online unter: https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/SexualdeliktezNvKindernuJugendlichen/BLBSexualdeliktezNvKindernuJugendl2024_Infograf ik.html?nn=222052 (Letzter Zugriff: 21.10.2025).

    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Online unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/service/publikationen/17-kinder-und-jugendbericht-244628 (Letzter Zugriff: 21.10.2025).

    Das NETTZ, Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur, HateAid und Neue deutsche Medienmacher*innen als Teil des Kompetenznetzwerks gegen Hass im Netz (Hrsg.) (2024): Lauter Hass – leiser Rückzug. Wie Hass im Netz den demokratischen Diskurs bedroht. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung. https://neuemedienmacher.de/aktuelles/beitrag/studie-zu-hass-im-netz/ (Letzter Zugriff: 21.10.2025).

    Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel e. V. (IKW) (2016): Jugend ungeschminkt. Selbstbild und Selbstwert von Jugendlichen. Online unter: https://www.ikw.org/schoenheitspflege/services/studien/jugend-ungeschminkt (Letzter Zugriff: 21.10.2025).

  • Digitalität bei Mädchen und Jungen im Jugendalter – Gespräch in  einer Jugendwohngruppe

    Digitalität bei Mädchen und Jungen im Jugendalter – Gespräch in  einer Jugendwohngruppe

    Kiara Schulz

    Was ist der Kinder- und Jugendbericht?

    „Der 17. Kinder- und Jugendbericht ist ein Gesamtbericht, der […] die aktuelle Lage junger Menschen in Deutschland beschreiben und analysieren und dabei auch ihre Bedürfnisse, Interessen und Wünsche sichtbar machen soll“ (BMFSFJ 2024, S. 39). Ein neuer Kinder- und Jugendbericht wird alle vier Jahre vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlicht.

    Hintergrund

    Im Rahmen des Bachelor-Seminars Der 17. Kinder- und Jugendbericht an der Universität Hildesheim hatten wir die Aufgabe, ein praxisorientiertes Projekt zu einem Thema, welches im 17. Kinder- und Jugendbericht aufgegriffen wird, zu planen und durchzuführen. Drei Kommilitoninnen und ich entschieden uns dazu, gemeinsam ein Projekt in einer Wohngruppe durchzuführen. Schnell waren wir uns einig, dass wir uns mit dem Thema Digitalität und Medienkonsum bei Jugendlichen beschäftigen möchten, weil dieses Thema pädagogisch relevant ist und wir es als wichtig empfanden, der Thematik Aufmerksamkeit zu schenken. Unseren vorherigen Beobachtungen zufolge scheint der Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen nämlich immer weiter zu steigen – und dem wollten wir auf den Grund gehen. Entschieden haben wir uns konkret für das Thema „Digitalität bei Mädchen und Jungen im Jugendalter“.

    Unsere Planung

    Im ersten Schritt überlegten wir, wo wir das Projekt überhaupt durchführen könnten. Wichtig dabei war es uns, mit Jugendlichen direkt ins Gespräch zu kommen, weshalb wir uns entschieden, in einer Wohngruppe anzufragen. Die Möglichkeit, in dem Rahmen auch etwas über die Perspektiven und Eindrücke der Mitarbeitenden zu erfahren, bestärkte uns zusätzlich darin, das Projekt in einer Wohngruppe durchzuführen.

    Nachdem wir die Zusage der Wohngruppe erhielten, sind wir in die Planung des Projekts gegangen. Wir hatten vor, mit den Jugendlichen und Mitarbeitenden zum Thema ins Gespräch zu kommen. Die Idee, im Gespräch mit den Jugendlichen und Mitarbeitenden Daten teilweise digitalgestützt zu erheben, erschien uns aufgrund des Themas passend. Wir entwickelten Fragen sowohl an die Jugendlichen als auch an die Mitarbeitenden. Für eine Frage nutzen wir daher das Onlineprogramm „Menti“. Die Ergebnisse werden mit diesem Programm visualisiert.

    Unsere zentralen Fragen lauteten wie folgt:

    Fragen an die Jugendlichen:                                   

    • Wie lange ungefähr nutzt ihr digitale Medien am Tag?
    • Welche Endgeräte nutzt ihr am meisten?
    • Was nutzt ihr (z.B. welche Apps)? → Menti-Abfrage
    • Welche Inhalte schaut ihr euch dort an?
    • Konsumiert ihr Bildungsinhalte? Wenn ja, welche, wofür und wie viel? Falls nicht, warum nicht?
    • Wie ist die Nutzung digitaler Medien in die Wohngruppe eingebunden (werden digitale Medien z.B. auch gemeinsam genutzt)?
    • Was wünscht ihr euch im Umgang mit digitalen Medien in der Wohngruppe?

    Fragen an die Mitarbeitenden:                            

    • Hat sich das Nutzungsverhalten von Jugendlichen in den letzten (10) Jahren gewandelt?
    • Wie lange nutzen die Jugendlichen die Medien im Verhältnis zu anderen Aktivitäten (und im Gegensatz zu Jugendlichen außerhalb der Wohngruppe)?
    • Hat das Verhalten der Jugendlichen mit digitalen Medien positive oder negative Auswirkungen?
    • Welche Effekte haben diese Auswirkungen auf euch? Wie arbeitet ihr damit?
    • Wie geht ihr in der Wohngruppe mit dem Thema Digitalität um?
    • Reflexion über digitale Bildungsinhalte: Beobachtet ihr, dass die Jugendlichen sich digital bilden bzw. ermutigt ihr sie dazu?

    Unterschiede im Nutzungsverhalten zwischen Mädchen und Jungen

    Erfahren wollten wir auch, wie sich das Nutzungsverhalten von digitalen Medien zwischen Mädchen und Jungen unterscheidet. Deshalb haben wir auch hier die Jugendlichen und Mitarbeitenden zu ihren Einschätzungen befragt. In diesem Blogbeitrag stelle ich vor allem die geschlechtsspezifischen Unterschiede der Mediennutzung vor.

    Grundlage für das Projekt waren zwei Thesen, die ich aufgestellt habe und die auch in der Literatur zur Mediennutzung von Jugendlichen belegt sind. Die Thesen lauteten wie folgt:

    These 1: Jungen verbringen in ihrer Freizeit mehr Zeit mit digitalen Medien als Mädchen.

    These 2: Mädchen verbringen mehr Medienzeit mit sozialen Medien wie TikTok, Instagram usw., während Jungen mehr Medienzeit mit Videospielen und Gaming-Videos (z.B. auf YouTube) verbringen.


    Verweis auf die Blogbeiträge meiner Kommilitoninnen

    Falls euch ein weiterer Blogbeitrag zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden im Medienkonsum interessiert, lest euch gerne den Blogbeitrag von Charlotte Kersten durch. Sandy Heller und Sophie Mainka thematisierten in ihrem Blogbeitrag insbesondere die Position der Mitarbeitenden der Wohngruppe. Falls euch das interessiert, lest euch gerne auch diesen Blogbeitrag durch.


    Die Durchführung des Projekts

    Foto: privat

    Am 03. Juli 2025 fuhren wir gemeinsam mit dem Auto zu der Wohngruppe. Wir brachten leckere Snacks wie Gummibärchen, Kekse und Salzstangen mit, um eine lockere Atmosphäre zu schaffen. Wir konnten das Projekt vor Ort mit vier Jugendlichen (zwei Mädchen und zwei Jungen) sowie mit drei Mitarbeitenden durchführen. Zuerst kamen wir mit den Jugendlichen ins Gespräch. Bevor wir mit den eigentlichen Fragen starteten, machten wir eine kleine Vorstellungsrunde und eine erste Menti-Umfrage zu „Was fällt euch ein, wenn ihr an digitale Medien denkt?“. Danach stiegen wir mit den Fragen ein und konnten in einem lockeren Gespräch Antworten auf unsere Fragen sammeln.

    Danach führten wir ein interessantes Gespräch mit drei Mitarbeitenden der Wohngruppe, die uns unsere Fragen sehr ausführlich beantworteten und ihre (Berufs-)Erfahrungen mit uns teilten.

    Ergebnisse der Jugendlichen

    Das waren die Stichworte der Jugendlichen auf die Frage „Was fällt euch ein, wenn ihr an digitale Medien denkt?“.

    Bei der Frage, welche Medien genutzt werden, gaben alle WhatsApp und TikTok an. Auch YouTube, Instagram, Spotify, Mobile Games und Duolingo werden häufig genutzt. Sonstige Lernapps, Facebook oder Mediatheken vom ARD oder ZDF werden hingegen von den Jugendlichen gar nicht genutzt.

    Im Folgenden fasse ich die Antworten auf die anderen Fragen zusammen:

    • Die tägliche Bildschirmzeit der Jugendlichen liegt zwischen 8 und 15 Stunden.
    • Genutzt werden das Smartphone, das IPad und der PC.
    • Bildungsinhalte werden nur begrenzt konsumiert und beschränken sich auf die App Duolingo (Sprachen lernen), Dokumentationen (vor allem True Crime) sowie Podcasts über alltägliches Wissen. Die Jugendlichen gaben an, keine Lust zu haben, sich außerhalb der Schule mit „solchen Themen“ zu beschäftigen; wenn sie etwas wissen möchten, würden sie einfach schnell googlen oder ChatGPT fragen.
    • In der Wohngruppe werden digitale Medien auch zusammen genutzt, z.B. wenn gemeinsam eine Serie geschaut wird.
    • In der Wohngruppe sind die Nutzungsregeln digitaler Medien der Jugendlichen individuell.
    • Die Jugendlichen nehmen eine Ablenkung vom Unterricht durch die Einbindung digitaler Medien und Endgeräte in der Schule wahr.
    • Die Jugendlichen nehmen eine Zunahme von Mobbing wahr, was durch digitale Medien gestützt wird.
    • Die Jugendlichen vermuten, sie seien weniger medienbezogen als Jugendliche, die in ihren Familien leben, weil es in Familien oftmals gar keine Medienregeln gäbe.

    Geschlechtsspezifische Unterschiede und Bezug zu meinen Thesen

    Sowohl die Jugendlichen als auch die Mitarbeitenden konnten bestätigen, dass sich die Inhalte digitaler Medien zwischen Mädchen und Jungen unterscheiden. Jungen scheinen mehr Zeit am PC zu verbringen, während Mädchen digitale Medien eher über das Smartphone konsumieren. Jungen nutzen weniger Social Media als Mädchen und spielen stattdessen mehr Video- und Onlinespiele als die Mädchen. Gaming-Videos werden ebenso mehr von den Jungen konsumiert. Auch Video-Streaming-Dienste werden von Jungen häufiger genutzt. Lediglich TikTok scheint von beiden Geschlechtern ähnlich viel verwendet zu werden.

    Die Annahme, Jungen würden in ihrer Freizeit mehr digitale Medien konsumieren als Mädchen, konnte nicht bestätigt werden. Die Jugendlichen und Mitarbeitenden gehen davon aus, dass die Nutzungszeit nicht vom Geschlecht abhängt und Mädchen und Jungen demnach vergleichbare Medienzeiten aufzeigen.

    Somit konnte ich im Rahmen des Projekts meine erste These nicht bestätigen, mit meiner zweiten These konnte ich jedoch auf Übereinstimmungen treffen.

    Fazit des Projekts

    Im 17. KJB konnte ich keine Informationen zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden im Medienverhalten finden. Stattdessen habe ich wissenschaftliche Informationen aus Studien durch andere Quellen bezogen. Das Projekt war für mich persönlich eine interessante Erfahrung. Ich konnte neben dem spezifischen neuen Wissen zur Mediennutzung bei Jugendlichen auch einen kleinen Einblick in das Leben in einer Wohngruppe gewinnen. Die Gespräche empfand ich als sehr angenehm. In diesem Sinne noch einmal ein großes Dankeschön an die Wohngruppe, dass wir das Projekt dort durchführen durften!

    Literatur

    BMBFSFJ (2025): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 [Zuletzt abgerufen am: 30.09.2025].

    Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2023): JIM-Studie 2024. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart,https://mpfs.de/app/uploads/2024/10/JIM_2023_web_final_kor.pdf (Abfrage: 07.07.2026).

    Bildquelle

    Abbildung 1: BMBFSFJ (2025): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 [Zuletzt abgerufen am: 30.09.2025].