Kategorie: reloaded – 17. Kinder- und Jugendbericht

  • Jungsein in Zeiten des Wandels: Zwischen Krise und Hoffnung – Jugend gestaltet Zukunft

    Jungsein in Zeiten des Wandels: Zwischen Krise und Hoffnung – Jugend gestaltet Zukunft

    Anna-Maria Correggia, Saskia Hensel und Carolin Marie Clara Oelkers

    Unsere Zukunft – aber wer schützt sie eigentlich?

    Das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist heute stärker denn je von multiplen Krisen geprägt. Krieg, Pandemie, Klimawandel und ein akuter Fachkräftemangel schaffen ein Gefühl der Unsicherheit und Überforderung, das sich besonders auf sozial benachteiligte junge Menschen auswirkt (vgl. BMFSFJ 2024, S. 83). Diese sogenannte „Polykrise“ ist mehr als eine Aneinanderreihung einzelner Probleme; sie stellt ein komplexes Geflecht dar, das die Lebensrealitäten junger Menschen grundlegend verändert und ihre Vulnerabilität (die potenzielle Verletzlichkeit) multipliziert.
    Trotz der tiefgreifenden Auswirkungen dieser Krisen auf Kinder und Jugendliche, insbesondere auf jene aus ökonomisch benachteiligten Verhältnissen, werden ihre Anliegen und Interessen im öffentlichen Diskurs oft kaum berücksichtigt (vgl. BMFSFJ 2024, S. 251). Während der Corona-Pandemie beispielsweise lag der politische Fokus primär auf psychischen Belastungen, anstatt die sozialen Folgen und ungleichen Lebensbedingungen umfassend zu thematisieren. Es ist von entscheidender Bedeutung, diese Situation detailliert zu beleuchten, da die Zukunft junger Menschen auch die Zukunft unserer Gesellschaft ist. Eine Vernachlässigung ihrer Bedürfnisse kann langfristig das Vertrauen in gesellschaftliche und demokratische Prozesse untergraben.

    Ausgangspunkt und Zielsetzung des Beitrags

    Der vorliegende Beitrag basiert auf den umfassenden Analysen und Erkenntnissen des 17. Kinder- und Jugendberichts (vgl. BMFSFJ 2024). Dieser Bericht dient als zentrales Analyseinstrument, um die Lebenslagen junger Menschen systematisch zu erfassen und zu bewerten. Er legt die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Aufwachsens offen und zeigt auf, welche tiefgreifenden Folgen die aktuellen Entwicklungen für benachteiligte junge Menschen haben. Gleichzeitig untersucht er die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe und macht sichtbar, wie diese auf die unterschiedlichen Herausforderungen reagiert.
    Dieser Beitrag wird die vielschichtigen Herausforderungen des Jungseins in krisenhaften Zeiten beleuchten, die Bedeutung von Partizipation hervorheben und konkrete Handlungsempfehlungen für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft ableiten.
    Dabei fließen auch Einblicke aus unserem studentischen Projekt „Zukunft(s)fragen – Wie Kinder und Jugendliche in prekären Lebenslagen ihre Zukunft sehen“ ein, welches die subjektiven Perspektiven von Kindern und Jugendlichen aus sozioökonomisch herausfordernden Lebenslagen auf ihre eigene Zukunft in einer unsicheren Gesellschaft in Deutschland untersucht hat.

    Teil 1: Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und soziale Ungleichheiten

    Kinderarmut im Kontext multipler Krisen – Herausforderungen und strukturelle Ungleichheiten

    In den letzten Jahren hat sich die Lebensrealität vieler Kinder und Jugendlicher in Deutschland deutlich verschärft. Der 17. Kinder- und Jugendbericht zeigt auf, wie sich multiple Krisen, wie etwa die Corona-Pandemie, die bewaffneten Konflikte, der Klimawandel oder der Fachkräftemangel, verstärkt negativ auf das Aufwachsen junger Menschen auswirken. Dabei trifft es nicht alle gleich: Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien sind von diesen Entwicklungen überproportional betroffen (vgl. BMFSFJ 2024, S. 83 f.).

    Soziale Ungleichheit durch Krisen verschärft

    Während der Corona-Pandemie traten soziale Ungleichheiten besonders deutlich zutage. Der Wegfall von Bildungs- und Betreuungsinfrastrukturen wie Schulen, Kitas oder Kinder- und Jugendzentren traf vor allem jene, die bereits zuvor wenig Ressourcen zur Verfügung hatten. Homeschooling war ohne Zugang zu digitalen Geräten, stabilem Internet oder Unterstützung durch Eltern kaum möglich – ein deutlicher Nachteil für jene, die ohnehin mit wenig Ressourcen auskommen mussten (vgl. BMFSFJ 2024, S. 84 ff.).
    Parallel zu dieser Krise zeigen aktuelle Daten, dass es auch jenseits von Pandemiefolgen an Betreuungsplätzen mangelt. Im Jahr 2022 besteht ein rechnerischer Platzmangel von 321 000 Betreuungsplätzen für Unter-Dreijährige, und das bei einer Betreuungsquote von 35,5 % bei 49 % elterlichem Betreuungswunsch. Außerdem fehlen 109 000 Plätze für Drei- bis Unter-Sechsjährige. Obwohl 96 % der Sorgeberechtigten eine Betreuung wünschen, liegt die tatsächliche Betreuungsquote hier bei nur 92 %. Kinder mit Migrationsgeschichte nutzen Angebote für unter Dreijährige seltener (22 % vs. 43 %) und bei Drei- bis Unter-Sechsjährigen verhältnismäßig mehr (78 % vs. 100 %) (vgl. Autor:innengruppe Kinder- und Jugendhilfestatistik 2024, S. 52, 56 ff.).
    Auch der Fachkräftemangel in sozialen und pädagogischen Berufen verschlechtert die Situation. Gerade Kinder und Jugendliche, die auf Unterstützung in besonderem Maße angewiesen wären, erhalten weniger individuelle Förderung, Schutz und Teilhabemöglichkeiten (vgl. ebd., S. 87 f.). Hinzu kommen finanzielle Sorgen durch Inflation und steigende Energiepreise, die viele Familien zusätzlich belasten. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Kinderarmut nicht lediglich eine Begleiterscheinung einzelner Krisen ist, sondern ein tief verwurzeltes Problem, das langfristige gesellschaftliche Konsequenzen nach sich zieht.

    Kinderarmut: Ein strukturelles Problem

    Laut Statistischem Bundesamt (2024) waren im Jahr 2023 in Deutschland 23,6 % der unter 18-Jährigen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. In dieser Statistik umfasst soziale Ausgrenzung nicht nur finanzielle Armut, sondern auch Herausforderungen, die sich in der Wohnsituation, bei materiellen Ressourcen und in den Möglichkeiten zur sozialen Teilnahme zeigen (vgl. Statistisches Bundesamt o.J.). Minderjährige stellen damit die am stärksten armutsgefährdete Bevölkerungsgruppe dar. Diese Armut ist selten ein kurzfristiger Zustand und oft bleibt sie über Generationen bestehen. Die soziale Mobilität nimmt ab, und viele junge Menschen haben kaum Chancen, ihre Lebenslage aus eigener Kraft zu verbessern.
    Zudem zeigt sich, dass Kinderarmut mehr als ein Problem mit dem Einkommen ist. Sie bedeutet eingeschränkten Zugang zu Bildung, Teilhabe, angemessenem Wohnraum, gesunder Ernährung und gesellschaftlicher Anerkennung. Folglich fehlen in sozial benachteiligten Wohngebieten häufig öffentliche Grünflächen oder niedrigschwellige Treffpunkte, an denen sich junge Menschen begegnen können. Diese fehlenden Rückzugs- und Erlebnisräume verstärken das Gefühl sozialer Isolation – insbesondere in ohnehin belasteten Lebenslagen (vgl. Luhmann et al. 2023, S. 60 f.). Besonders gravierend ist, dass armutsbetroffene Kinder und Jugendliche in mehrfacher Hinsicht benachteiligt sein können: Merkmale wie Behinderung, Migrationsgeschichte oder Alleinerziehenden-Status potenzieren die soziale Ausgrenzung (vgl. BMFSFJ 2024, S. 112).

    Lebensrealitäten und Belastungen benachteiligter Jugendlicher

    Die strukturelle Benachteiligung lässt sich jedoch nicht allein über Daten und Kategorien erfassen, sie zeigt sich auch deutlich in den alltäglichen Lebenswelten junger Menschen. Der 17. Kinder- und Jugendbericht verdeutlicht eindrücklich, wie sich diese Realität konkret gestaltet und welche emotionalen, sozialen und psychischen Folgen sich daraus ergeben. Krisen sind Verstärker sozialer Probleme, denn Lockdowns und Kontaktbeschränkungen haben bei Jugendlichen zu massivem Stress, Überforderung und psychischen Belastungen geführt. Einsamkeit betraf vor allem junge Menschen aus einkommensschwachen Familien (vgl. BMFSFJ 2024, S. 251). Eine Studie in Nordrhein-Westfalen dokumentierte, dass 78 % der Befragten sich „etwas“ oder „stark einsam“ fühlten (vgl. Luhmann et al. 2023, S. 59 ff.). Finanzielle Unsicherheit und fehlende Freizeitangebote verstärken Zukunftsängste, indem sie bestehende Probleme zu echten Krisen eskalieren ließen (vgl. Andresen et al. 2022, S. 16 f.). Online-Aktivitäten, Musikhören, Treffen mit Freunden und Sport dominieren die Freizeit junger Menschen, daher wünschen sie sich mehr sichere und auch für sie sozial zugänglichere Begegnungsorte (vgl. Stuttgarter Jugendhaus 2023, S. 22 ff.). Armut schränkt nicht nur die materielle Teilhabe ein, sondern erschwert zusätzlich Zugang zu Freizeit- und Sportangeboten, was die soziale und emotionale Isolation der Kinder- und Jugendlichen aus ökonomisch benachteiligten Lebenslagen verstärkt. Diese individuellen Erfahrungen verdeutlichen einmal mehr, dass strukturelle Kinderarmut nicht nur eine ökonomische, sondern eine tiefgreifende gesellschaftliche Herausforderung darstellt.

    Digitale Spaltung als neue Dimension der Ungleichheit

    Die Digitalisierung birgt große Chancen, insbesondere für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Zugleich wird deutlich, dass gesellschaftliche Ungleichheiten auch im digitalen Umfeld Ausdruck finden: Junge Menschen aus ökonomisch benachteiligten Haushalten haben nicht nur seltener Zugang zu Geräten oder Internet (First-level digital
    divide), sondern nutzen digitale Angebote auch anders (Second-level digital divide). Zusätzlich wirken algorithmische Mechanismen im Hintergrund (Third-level digital divide), welche bestehende Ungleichheiten im digitalen Raum weiter zementieren (vgl. BMFSFJ 2024, S. 105).

    Soziale Klasse als zentrales Analysekriterium

    Statt von „sozialer Herkunft“ spricht der Bericht bewusst von
    sozialer Klasse. Neben Einkommen und Bildung umfasst dieser Begriff auch kulturelle Werte, Netzwerke und Machtverhältnisse als zentrale Elemente, die die Chance auf Teilhabe prägen. Soziale Klasse wirkt dabei oft suprakategorial, d. h. sie überschneidet sich mit anderen Differenzmerkmalen wie Geschlecht, Migration oder zugeschriebener Behinderung und verstärkt bestehende Benachteiligungen (vgl. BMFSFJ 2024, S. 112 f.). In der Konsequenz heißt dies für die Kinder- und Jugendhilfe, dass Angebote und Beteiligungsformate so gestaltet werden müssen, dass sie unterschiedliche soziale Lebenslagen berücksichtigen. Ein rein formaler Zugang reicht nicht aus, wenn kulturelle Codes, fehlende Netzwerke oder institutionelle Hürden jungen Menschen den tatsächlichen Zugang zu Teilhabe erschweren.

    Anerkennung, Teilhabe und Gerechtigkeit als Leitprinzipien

    Der Bericht betont, dass Teilhabe mehr ist als bloßer Zugang zu Angeboten, wie Bildungs- und Betreuungsangeboten. Es geht um reale Wahlmöglichkeiten, selbstbestimmte Lebensführung und gesellschaftliche Anerkennung. Diese Beispiele gelten als Rechte, die gerade benachteiligten jungen Menschen oft verwehrt bleiben. Deshalb soll die Kinder- und Jugendhilfe nicht nur auf Krisen reagieren, sondern aktiv Bedingungen für ein gerechtes Aufwachsen schaffen. Hierzu gehören inklusive Konzepte, stabile Strukturen und ein expliziter Fokus auf soziale Gerechtigkeit (vgl. BMFSFJ 2024, S. 83).
    Wichtig ist außerdem auch die politische Repräsentation junger Menschen. Vor allem jene aus benachteiligten Lebenslagen haben wenig Einfluss auf politische Entscheidungen und das, obwohl sie besonders stark betroffen sind. Der Bericht fordert daher eine stärkere Berücksichtigung ihrer Stimmen und Bedürfnisse in Politik und Gesellschaft.

    Fazit: Armut junger Menschen ist politisch und veränderbar

    Wer in Armut aufwächst, erfährt nicht nur materielle Einschränkungen, sondern oft auch soziale Ausgrenzung und geringere Chancen auf eine sichere, selbstbestimmte Zukunft. Der Bericht zeigt eindrücklich, dass es politische und gesellschaftliche Anstrengungen braucht, um die Lebenslagen junger Menschen nachhaltig zu verbessern.
    Das bedeutet: Wir müssen Armut konsequent bekämpfen, Ressourcen gerechter verteilen und die Kinder- und Jugendhilfe so ausstatten, dass sie ihrer zentralen Aufgabe, der Ermöglichung von Teilhabe, nachkommen kann. Im weiteren Verlauf dieses Blogs greifen wir mögliche Handlungsoptionen auf und skizzieren konkrete Maßnahmen, denn ob eine Gesellschaft gerecht ist, entscheidet sich früh bei den Jüngsten.

    Teil 2: Lebenswelten und Zukunftsperspektiven junger Menschen

    Zukunftsperspektiven und Vertrauen

    Junge Menschen, die in sozial benachteiligten Lebenslagen aufwachsen, schätzen ihre persönliche Zukunft pessimistischer ein als die gesellschaftliche (vgl. BMFSJ 2024, S. 150 f.). Das Vertrauen in politische Lösungen ist nicht da. Viele bezweifeln, dass die Politik ihre Lage verbessern kann. Diese Resignation spiegelt eine systemische Untergrabung demokratischer Handlungsfähigkeit wider. Neben materieller Unterstützung muss die Politik das Vertrauen in demokratische Prozesse und das Selbstwirksamkeitserleben junger Menschen wiederherstellen, um eine „verlorene Generation“ zu verhindern (vgl. Gaupp et al. 2021, S. 7 ff.).

    Bedeutung der Partizipation und notwendige Verbesserungen

    Die Beteiligung junger Menschen ist in Deutschland rechtlich verankert, insbesondere im Sozialgesetzbuch VIII, und wurde durch das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (2021) weiter konkretisiert (vgl. BMFSFJ 2024, S. 361). Trotz dieser rechtlichen Grundlage zeigt sich in der Praxis jedoch, dass Partizipation häufig nur formal umgesetzt wird. Die Corona-Pandemie hat bestehende Ungleichheiten sichtbar verschärft, da zentrale Unterstützungsangebote temporär eingestellt wurden und die Kinder- und Jugendhilfe nur eingeschränkt handlungsfähig war (vgl. BMFSFJ 2024, S. 88). Hinzu kommen regionale Unterschiede in der Infrastruktur, die insbesondere in strukturell benachteiligten Räumen den Zugang zu Unterstützungsangeboten erschweren. Darüber hinaus stellt die Zugänglichkeit sozialstaatlicher Leistungen für Familien eine zentrale Herausforderung dar: Komplexe Antragsverfahren und unübersichtliche Zuständigkeiten erschweren einigen Familien die Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten.
    Armut beeinflusst nicht nur materielle Lebenslagen, sondern auch die Möglichkeiten junger Menschen, ihre Interessen sichtbar zu machen und gesellschaftlich wirksam einzubringen. Vor diesem Hintergrund berücksichtigt die Armutsforschung zunehmend die Perspektive von Kindern und Jugendlichen als eigenständige Akteur*innen, da Armut spezifische Auswirkungen auf ihr Wohlergehen, ihre Mitbestimmung und ihre Teilhabe in Familie, Schule und Ausbildung hat (vgl. BMFSFJ 2024, S. 153).
    Um tragfähige Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen, bedarf es sensibler Zugänge, die Schamgefühle, gesellschaftlichen Druck und ungleiche Machtverhältnisse berücksichtigen. Forschung, Politik und Praxis sind gleichermaßen gefordert, Methoden und Beteiligungsformate zu entwickeln, die an den Lebensrealitäten junger Menschen aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen anknüpfen. Partizipation ist damit nicht nur ein sozialpädagogisches Prinzip, sondern eine strategische Voraussetzung, um demokratische Prozesse zu stärken und gesellschaftliche Resilienz zu erhöhen.

    Zukunft aus erster Hand: Kinder und Jugendliche teilen ihre Sicht

    Wie erleben junge Menschen ihre Zukunft, wenn sie täglich mit Unsicherheiten, Diskriminierungserfahrungen und Benachteiligungen konfrontiert sind? Genau dieser Frage sind wir in unserem Projekt „Zukunft(s)fragen“ nachgegangen. Entscheidend war uns dabei, nicht über, sondern mit den Kindern und Jugendlichen zu sprechen und gemeinsam ihre Perspektiven sichtbar zu machen. Ein Satz, der immer wieder auftauchte, bringt das auf den Punkt: “Ich wünsche mir, dass Erwachsene uns öfter zuhören und uns ernst nehmen”.
    Im Fokus standen die eigenen Stimmen der teilnehmenden jungen Menschen einer stationären Wohngruppe in Niedersachsen im August 2025. Die Gruppe war vielfältig zusammengesetzt: Sechs junge Menschen im Alter von acht bis siebzehn Jahren brachten unterschiedliche Lebenserfahrungen ein.
    Durchgeführt wurde das Projekt von zwei Studierenden der Universität Hildesheim, begleitet von einer pädagogischen Fachkraft der Wohngruppe. Dabei wurde gezielt ein vertrauensvoller, diskriminierungssensibler Rahmen geschaffen, in dem persönliche Themen sicher thematisiert werden konnten. Um die individuellen Zukunftsperspektiven möglichst vielfältig sichtbar zu machen, kombinierten wir spielerische, literarische und kreative Methoden: Das „Zukunftsbingo“ stimmte mit einfachen Aussagen auf das Thema ein, anschließend konnten die Teilnehmenden in einem „Brief an mein Zukunfts-Ich“ ihre Hoffnungen, Sorgen und Wünsche aufschreiben oder zeichnen. Die „Talk-Wand“ schließlich sammelte Anliegen, Alltagsstrategien und Veränderungswünsche und schuf eine Gesprächsgrundlage zwischen den jungen Menschen, der Fachkraft und uns Studierenden.


    Was junge Menschen bewegt

    Die Auswertung der Gespräche und Beiträge zeigten ein wiederkehrendes Spannungsverhältnis: Neugier und Zukunftsinteresse stehen neben konkreten Unsicherheiten und Ängsten. Aus dem Zukunftsbingo kam häufiger Zustimmung zu Aussagen wie “Ich möchte später sagen dürfen, was ich denke, ohne dass es komisch ist” oder “Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich anders bin als andere, und das ist okay”. Gleichzeitig fanden sich in den Briefen und an der Talk-Wand klare Sorgen: “Ich habe Angst, älter zu werden” und “Ich mache mir Sorgen, dass ich die dritte Klasse nicht schaffe”. Für viele ist Freundschaft und Musik eine tägliche Stütze. Ein junger Mensch schrieb: “Musik und Freunde helfen mir, wenn’s schwer ist”. Andere formulierten Hoffnungen, die ganz konkret sind, etwa “Ich will später einen Stall mit einem eigenen Pferd” oder “Ich wünsche mir, dass es meinen Eltern besser geht”.

    Diese persönlichen Aussagen verweisen immer wieder auf materielle und infrastrukturelle Bedingungen. Alle Teilnehmenden nannten schlechte Nahverkehrsangebote und eingeschränkte Freizeitmöglichkeiten in ihrer Umgebung. Mehrfach wurde betont, dass die Stadt mehr Chancen zu bieten scheint, weil dort Angebote und Wege besser erreichbar sind. Aus dieser Perspektive erscheinen Forderungen nach finanzieller Sicherheit und verlässlicher Infrastruktur nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung dafür, überhaupt an Zukunft denken zu können. Die jungen Menschen formulierten das so: materielle Ressourcen sind nötig, damit man teilnehmen kann.

    Anonymisierte Ideenskizzen von zwei jungen Menschen für den “Brief an mein Zukunfts-Ich” (Fotoquelle: privat)


    Partizipation wurde von den Teilnehmenden nicht als bloße Formulierung verstanden. Viele kritisierten symbolische Beteiligung und forderten ernst zu nehmende Mitsprache. “Wir sollen nicht nur sagen dürfen, was wir mitentscheiden, sondern dass uns auch zugehört wird”, sagte eine Teilnehmender in der Murmelrunde. Die Fachkraft bestätigte diese Einschätzung und wies zugleich auf strukturelle Hürden hin, etwa bürokratische Vorgaben, fehlende Mittel und stigmatisierende Erfahrungen, die echte Teilhabe erschweren..

    Trotz der genannten Einschränkungen zeigen die Beiträge zahlreiche Ressourcen und Selbstwirksamkeitserfahrungen. Kinder und Jugendliche berichteten davon, wie Routinen, kleine Erfolge und soziale Unterstützung helfen, schwierige Situationen zu bewältigen. Einige beschrieben, wie sie Ängste überwunden oder neue Interessen entdeckt haben. Solche Aussagen machen deutlich, dass Resilienz nicht allein individuelle Anpassung bedeutet, sondern oft das Produkt konkreter sozialer Beziehungen und erreichbarer Angebote ist.

    Was bedeuten diese Befunde?

    Die Ergebnisse machen deutlich, dass Hoffnungen und Ängste junger Menschen untrennbar mit strukturellen Rahmenbedingungen verbunden sind. Materielle Unsicherheit, eingeschränkte Infrastruktur und begrenzte Teilhabechancen formen das Zukunftsbild und verstärken bestehende Benachteiligungen.
    Partizipation verliert an Wirksamkeit, wenn die grundlegenden materiellen und räumlichen Voraussetzungen fehlen. Ohne erreichbare Infrastruktur und finanzielle Absicherung bleibt Beteiligung häufig symbolisch. Echte Selbstwirksamkeit entsteht nur dort, wo verlässliche Beziehungen, sichere Orte und ausreichende Ressourcen vorhanden sind.
    Die Stimmen der Teilnehmenden belegen zugleich große Widerstandskraft und formulieren deutlich, welche Veränderungen sie benötigen. Sie zeigen, welche Rahmenbedingungen verändert werden müssen: mehr wirkungsvolle Beteiligungsmöglichkeiten, niedrigschwellige Freizeit- und Begegnungsorte sowie Maßnahmen zur materiellen Absicherung.
    Kurz zusammengefasst bestätigen die Ergebnisse, dass individuelle Förderung und strukturelle Reformen zusammengedacht werden müssen, um Anerkennung, Teilhabe und verlässliche Zukunftsperspektiven für alle jungen Menschen zu ermöglichen.
    Die Projektergebnisse sind weit mehr als Momentaufnahmen individueller Erlebnisse. Sie belegen, dass gesellschaftliche Krisen und soziale Ungleichheit nicht abstrakt sind, sondern die Lebens- und Entwicklungschancen unserer Kinder schon heute massiv beeinflussen. Die Wünsche und Forderungen der jungen Menschen nach Stabilität, Sicherheit, echter Teilhabe und materieller Absicherung markieren den klaren Auftrag an Politik, Fachpraxis und Gesellschaft. Es bedarf grundlegender Veränderungen – im Sinne einer gerechten Verteilung von Ressourcen, der Stärkung sozialer Infrastruktur, der konsequenten Bekämpfung von Armut und der Förderung echter Partizipation. Die nun folgenden Handlungsempfehlungen und Perspektiven für eine gerechtere Gesellschaft leiten sich auch direkt aus diesen empirisch fundierten Erkenntnissen und aus den theoretischen Grundlagen ab.

    Teil 3: Handlungsempfehlungen und Ausblick für eine gerechte Gesellschaft

    Die Notwendigkeit einer gerechten Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen

    Bisherige Ansätze behandeln oft nur die Symptome der sozialen Ungleichheit und es fehlt eine deutlich übergreifende kinder- und jugendpolitische Strategie. Dies hat das Sachverständigengremium, welches von der Bundesregierung eingesetzt wurde, um Empfehlungen zur Kinder- und Jugendhilfe und zu Querschnittsfragen der Kinder- und Jugendpolitik zu geben, herausgearbeitet (vgl. Bundesjugendkuratorium 2023, S. 1 f.). Es reicht nicht aus, nur formale Zugänge zu schaffen, denn Teilhabe sollte in sozialer Hinsicht das oberste Gebot sein.
    Um eine solidarische Gesellschaft zu werden, brauchen wir eine langfristige Vision. Wir brauchen präventive Maßnahmen, die Benachteiligung verhindern, und Strukturen, die allen jungen Menschen die Entfaltung ihrer Potenziale ermöglichen. Dies erfordert eine grundlegende Neuausrichtung der Politik.
    Ein ganzheitlicher Ansatz, der verschiedene Bereiche einbezieht, ist zentral, denn junge Menschen haben sehr individuelle Bedürfnisse. Die Politik braucht dafür einen klaren Plan und muss sich um entscheidende Themen wie Bildung, Infrastruktur, Digitalisierung, Kinder- und Jugendhilfe, Armutsbekämpfung und Vielfalt kümmern. Eine grundlegende Neuausrichtung der Politik ist notwendig, um strukturelle Benachteiligungen langfristig abzubauen und echte Teilhabechancen für alle jungen Menschen zu sichern. Dafür braucht es zudem abgestimmte Strategien, die systemisch ineinandergreifen.

    Konkrete Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft

    Damit wir die Probleme, die der Bericht zeigt, in den Griff kriegen und eine Kinder- und Jugendpolitik machen, die auch in Zukunft etwas taugt, brauchen wir umfassende Maßnahmen in verschiedenen Bereichen:

    Wir müssen Bildung und frühkindliche Förderung stärken

    Damit soziale Ungleichheiten nicht noch größer werden, muss die Förderung von jungen Menschen in den Bildungsinstitutionen wie Kitas und Schulen verbessert werden. Sie soll überall stattfinden und sich nach den unterschiedlichen Lebensrealitäten und Bedarfen der jungen Menschen richten (vgl. BMFSFJ 2024, S. 12, 500 f.; Deutscher Bundestag 2005, S. 29 ff.).
    Wie im ersten Teil unseres Blogs aufgezeigt wurde, sind gerade Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien mehrfach belastet – sei es durch fehlende Infrastruktur, eingeschränkten Zugang zu frühkindlicher Bildung oder durch soziale Ausgrenzung. Frühkindliche Förderung kann hier ein entscheidender Hebel sein, um ungleiche Startchancen frühzeitig auszugleichen.
    Neben dem quantitativen Ausbau braucht es jedoch vor allem qualitativ hochwertige Angebote: gut ausgebildetes, divers zusammengesetztes Fachpersonal und bedarfsgerechte Betreuungsschlüssel sind zentrale Voraussetzungen dafür, dass alle Kinder, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status, die gleichen Chancen auf Bildung und Teilhabe erhalten (vgl. Huebener et al. 2023, S. 41 ff.).

    Wir müssen uns auch um die soziale Infrastruktur kümmern (vgl. auch BMFSFJ 2024, S. 504 f.)

    Damit Kinder und Jugendliche sich in ihrer Nachbarschaft wohl und sicher fühlen, braucht es Orte zum Spielen, für Sport, Kultur und Begegnung. Darauf verweist unter anderem auch der Fachbeitrag von Katalin Saary und Susanne Fuchs (vgl. 2019; vgl. auch Beierle & Tillmann 2022, S. 46 ff.). Nach dem Leitgedanken „Stadtplanung jung gedacht“ müssen kommunale Bebauungspläne niedrigschwellige, partizipative Orte hinzufügen und das Quartiersmanagement gezielt an den Bedürfnissen junger Menschen ausrichten (vgl. Kaupert 2023).

    Wir müssen die Digitalisierung gerecht gestalten (vgl. auch BMFSFJ 2024, S. 508)

    Digitale Teilhabe ist äußerst wichtig für Bildung, soziale Kontakte und demokratische Beteiligung. Die Politik und die Kommunen müssen nicht nur die nötige Hardware bereitstellen, sondern auch einfach zugängliche Schulungen in Schulen und Jugendzentren anbieten. So können wir gemeinsam die digitalen Räume selbstbestimmt nutzen.

    Wir müssen die Kinder- und Jugendhilfe stärken (vgl. auch BMFSFJ 2024, S. 505 ff.)r müssen Bildung und frühkindliche Förderung stärken

    Die Politik muss die strukturellen Ursachen von Ungleichheit bekämpfen und Teilhabe in allen Politikfeldern verankern. Die Kinder- und Jugendhilfe darf sich nicht nur um die Symptome kümmern, sondern muss aktiv Bedingungen schaffen, damit Kinder und Jugendliche gerecht aufwachsen können. Dafür müssen wir gezielt auf Fachkräfte setzen, ihre Arbeitsbedingungen verbessern und die diversitätsreflexive Kompetenz fördern. So können wir barrierefreie und kultursensible Angebote sicherstellen – insbesondere für junge Menschen mit Flucht – oder Migrationsgeschichte, zugeschriebener Behinderung oder queerer Identität.

    Hier sind ein paar Ideen, wie wir die Armut bekämpfen können

    Armut entsteht durch gesellschaftliche Strukturen und ist kein persönliches Versagen. Deshalb braucht es eine Kindergrundsicherung sowie mehr Investitionen in Bildung und eine bessere Versorgung. Dies ist essenziell, damit alle jungen Menschen genug zu essen, warme Mahlzeiten und Zugang zu außerschulischen Angeboten erhalten können.

    Umgang mit Diversität und Benachteiligung (vgl. auch BMFSFJ 2024, S. 503 f.)

    Vielfalt muss das A und O sein. Inklusion heißt, dass bei der konzeptionellen Planung von Räumen (z.B. barrierefreie Zugänge), Programmen (z.B. Workshops und zielgruppenspezifische Programme) und Fortbildungen (z.B. diskriminierungskritische Qualifizierungsmaßnahmen) unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt werden müssen. Es sollten diskriminierungskritische Fortbildungen angeboten werden und Räume, in denen sich benachteiligte junge Menschen selbstwirksam einbringen können.

    Eine solidarische Gesellschaft gestalten – alle sind gefragt

    Soziale Gerechtigkeit ist nicht nur eine Aufgabe für die Politik, sondern für die ganze Gesellschaft. Bildungseinrichtungen, Familien, Angebote der Kinder- und Jugendhilfe – alle haben Verantwortung für die Bedingungen, unter denen junge Menschen aufwachsen. Der 17. Kinder- und Jugendbericht fordert deshalb nicht nur strukturelle Reformen, sondern auch eine „Kultur der Anerkennung und Beteiligung“ (vgl. BMFSFJ 2024, S. 501–504). Kinder und Jugendliche müssen mitreden dürfen – nicht nur in Jugendparlamenten oder Beteiligungsprojekten, sondern überall dort, wo über ihr Leben entschieden wird. Eine gerechte Gesellschaft kümmert sich um diejenigen, die Hilfe benötigen, und verleiht ihnen eine Stimme.

    Unsere Schlussfolgerungen und Pläne für die Zukunft

    Die Zukunft junger Menschen ist auch die Zukunft unserer Gesellschaft. Wenn wir eine gerechte Teilhabe ermöglichen wollen, müssen wir die sozialen Rahmenbedingungen grundlegend verändern. Wir brauchen ein starkes Zusammenspiel von Politik, Praxis und Gesellschaft – mit jungen Menschen im Mittelpunkt. Die Ergebnisse unseres Projekts und die Analysen des 17. Kinder- und Jugendberichts zeigen: Teilhabe, Schutz und Förderung dürfen kein Privileg sein – sie sind ein Recht!

    Wir möchten uns von ganzem Herzen bei allen Kindern und Jugendlichen bedanken, die mit uns über ihre Zukunftspläne gesprochen haben. Ein großes Dankeschön geht auch an alle Fachkräfte und Akteur*innen, die sich jeden Tag mit vollem Einsatz für ihre Anliegen einsetzen.

    Setzt Euch aktiv für Kinder und Jugendliche ein, teilt unseren Beitrag und gebt Ihnen eine starke Stimme – so werdet Ihr zum Motor des Fortschritts!

    Literatur

    Andresen, Sabine/ Bellmann, Johannes/ Caruso, Marcelo (2022): Die Corona-Pandemie als pädagogisch relevantes Ereignis? Einleitung in den Thementeil. In: Zeitschrift für Pädagogik, 68. Jg., H. 3, S. 283–289.

    Autor:innengruppe Kinder- und Jugendhilfestatistik (2024): Kinder- und Jugendhilfereport 2024. Eine kennzahlenbasierte Analyse mit dem Schwerpunkt zum Fachkräftemangel. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich. (Abfrage: 16.06.2025)

    Beierle, Stefanie/Tillmann, Frank/Reißig, Birgit (2016): Abschlussbericht der Studie „Jugend im Blick“ – Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen. Projektergebnisse und Handlungsempfehlungen. München: Deutsches Jugendinstitut. (Abfrage: 27.05.2025)

    Bundesjugendkuratorium (2023): Mehr Kinder- und Jugendpolitik gerade jetzt wagen – Kinder- und jugendpolitische Halbzeitbilanz der Bundesregierung (Halbzeitbilanz 12/2023). Abfrage: 27.05.2025)

    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht: Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Berlin.

    Deutscher Bundestag (2005): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Zwölfter Kinder- und Jugendbericht. Stellungnahme der Bundesregierung. BT-Drucksache 15/6014. Berlin. (Abfrage: 26.05.2025)

    Gaupp, Nora/ Holthusen, Bernd/ Milbradt, Björn/ Lüders, Christian/ Seckinger, Mike (Hrsg.) (2021): Jugend ermöglichen – auch unter den Bedingungen des Pandemieschutzes. München

    Huebener, Mathias/Schmitz, Simone/Spieß, Katharina/Binger, Lea (2023): Frühe Ungleichheiten – Zugang zu Kindertagesbetreuung aus bildungs- und gleichstellungspolitischer Perspektive. In: FES Diskurs, November 2023. (Abfrage: 16.06.2025)

    Kaupert, Michael (2023): Stadtplanung jung gedacht: Freiräume und Beteiligung. In: jugendgerecht.de.(Abfrage: 26.05.2025)

    Luhmann, Maike/Brickau, Dennis/Schäfer, Benno/Mohr, Paul/Schmitz, Max/Neumann, Annika/Steinmayer, Ralf (2023): Einsamkeit unter Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen nach der Pandemie. Verfügbar unter(Abfrage: 27.05.2025)

    Saary, Kristin/Fuchs, Sarah (2019): Platz zum Wachsen: Stadtgestaltung für Kinder und Jugendliche. In: Kinderfreundliche Kommune.(Abfrage: 13.06.2025)

    Statistisches Bundesamt (2024): Gefährdung durch Armut oder soziale Ausgrenzung: AROPE-Indikator nach Geschlecht und Alter im Zeitvergleich. (Abfrage: 26.05.2025)

    Statistisches Bundesamt (o.J.): Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC). (Abfrage: 07.12.2025)

    Stuttgarter Jugendhaus gGmbH (Hrsg.) (2023): Jugend im öffentlichen Raum. Veränderungen vor und durch die Covid-19 Pandemie, Handlungsempfehlungen für Stadtverwaltung und Jugendarbeit (Abfrage: 28.05.2025)

  • Geschlechtliche Lebensrealitäten – die Perspektive des 17. Kinder- und Jugendberichts

    Geschlechtliche Lebensrealitäten – die Perspektive des 17. Kinder- und Jugendberichts

    Eren Konrad und Gina Marie Heinemann

    In den Kinder- und Jugendberichten werden erst seit dem 15. Bericht die unterschiedlichen geschlechtlichen Lebensrealitäten systematisch betrachtet. Dabei sind junge Menschen weiterhin mit den traditionellen Geschlechterstereotypen konfrontiert, welche deren Teilhabemöglichkeiten und die Rollenverteilung in der Gesellschaft beeinflussen. Abweichungen von geschlechtlichen und sexuellen Normen werden geahndet (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2024, S. 215 f.), beispielsweise bei Mädchen, die sich nicht vermeintlich „weiblich“ genug verhalten. Es ist wichtig, dass geschlechtliche Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen in der Kinder- und Jugendarbeit anerkannt und beachtet werden (vgl. ebd., S. 219f.).

    Die Entwicklung geschlechtlicher Identität ist ein wichtiger Teil der Identitätsfindung im Kindes- und Jugendalter. Diversitätsreflexive Angebote in der Kinder- und Jugendhilfe sind notwendig, um die Teilhabe aller junger Menschen unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung zu ermöglichen. Geschlechtliche Vielfalt muss nicht nur rechtlich, sondern auch kulturell und institutionell anerkannt werden (vgl. ebd., S. 222f.).

    Unser Projekt zu geschlechtlichen Lebensrealitäten von Mädchen

    Unser Projekt zum 17. Kinder- und Jugendbericht befasste sich mit den geschlechtsbezogenen Erfahrungen von Mädchen. Es ist wichtig, anzumerken, dass geschlechtliche Diskriminierung neben cisgeschlechtlichen Mädchen auch transgeschlechtliche Jugendliche betrifft, die wir aufgrund des fehlenden Zugangs leider nicht auffassen konnten. Das Projekt wäre aber durchaus auch für sie geeignet gewesen. Hierbei war geplant, sich auf 12- bis 18-Jährige zu beziehen. Wir wollten also die Altersgruppe ansprechen, die sich langsam dem Erwachsenwerden nähert. Besonders interessierte uns, wie Geschlecht und Geschlechtswahrnehmung den Alltag und die Zukunftsvorstellungen der Jugendlichen beeinflussen. Durchführen wollten wir das Projekt mit einer gemischten Gruppe im September 2025 in einem Kinder- und Jugendzentrum. Ziel war es, Ansätze für die Kinder- und Jugendhilfe zu finden, bei welchen Geschlecht als Identitäts- und Gesellschaftsfaktor Beachtung findet.

    Unser Projektplan

    Unsere Leitfragen:

    Für unser Projekt planten wir eine Schreib- und Diskussionsrunde. Angedacht war, dass die Mädchen hierbei anonymisiert einen Brief an sich selbst schreiben, wobei wir ebenfalls bei der Schreibrunde teilnehmen wollten. Die darin beschriebenen Erfahrungen sollten anschließend in der Diskussionsrunde auf freiwilliger Basis geteilt werden. Um diesen Prozess zu erleichtern, erstellten wir einen Leitfaden mit zehn Orientierungsfragen, welcher als Gedankenstütze dienen sollte. Die Briefe konnten in dem Format geschrieben werden, die die jugendliche Person für angemessen hielt. Dabei wollten wir eine offene und gemütliche Atmosphäre schaffen, in der freie Äußerung und gegenseitige Achtsamkeit Verbindung finden.

    Unsere Leitfragen:

    • Wie beeinflusst dein Geschlecht deine Zukunftsplanung? (Ausbildung /Studium, Berufswünsche, Familienplanung, etc.)
    • Wie beeinflusst dein Geschlecht deinen Schulalltag?
    • Wie beeinflusst dein Geschlecht deinen Familienalltag?
    • Wie beeinflusst dein Geschlecht dein soziales Umfeld und Erleben?
    • Wie beeinflusst dein Geschlecht deine Freizeit?
    • Hast du schon einmal Diskriminierungserfahrungen aufgrund deines Geschlechts gemacht?
    • Hattest du schonmal positive Erfahrungen aufgrund deines Geschlechts?
    • Ist dir dein Geschlecht wichtig? Nimmst du es als wichtigen Teil deiner Identität wahr?
    • Warst du schonmal aufgrund deines Geschlechts beziehungsweise in Bezug auf dein Geschlecht verunsichert?
    • Wie beeinflusst dein Geschlecht deine Sexualität?

    Auf Anmerkung unserer Kontaktpersonen im Jugendtreff fügten wir außerdem noch eine kleine Runde zu den Begriffen „Geschlecht“ und „Misogynie“ bzw. „Sexismus“ ein, um eine gute Wissensgrundlage sicherzustellen. Ausgewertet werden sollten sowohl die Briefe selbst als auch die Inhalte der Diskussionsrunde.

    Durchführung

    Während der Durchführung mussten wir einige Anpassungen vornehmen, um den Interessen der Teilnehmenden gerecht zu werden. Wir sprachen in zwei Runden mit insgesamt drei Mädchen von 13 bis 14 Jahren, also am Beginn des „Teenageralters“. Die erste Runde führten wir im Interviewformat durch. In der zweiten Runde konnten wir unser Projekt wie geplant durchführen, wobei beide Mädchen sich dafür entschieden, das Briefformat auszulassen und die Leitfragen einzeln zu besprechen. Bei beiden Gesprächen gingen wir flexibel mit dem Leitfaden um.

    Wir hatten den Eindruck, dass das Projekt nach den vorgenommenen Anpassungen bei den Mädchen gut ankam und ihnen Raum bot, sich offen und ehrlich gegenüber uns auszudrücken. Dazu beigetragen hat sicherlich auch, dass wir eigene Erfahrungen eingebracht haben, wodurch der Gesprächsfluss aufrechterhalten und die Atmosphäre lockerer gestaltet werden konnte. Ein noch intensiverer Austausch innerhalb der Gruppe wäre vermutlich möglich gewesen, wenn die Projektdurchführenden den Jugendlichen bereits vertrauter oder die Teilnehmenden etwas älter gewesen wären. Trotz dieser Einschränkungen empfanden wir sowohl den Ablauf des Projekts als auch die gewonnenen Ergebnisse insgesamt als gelungen.

    Die Inhalte unserer Gespräche mit den Mädchen

    Über die Gespräche wurde uns deutlich, dass die Mädchen zum Teil ähnliche und zum Teil sehr unterschiedliche Wahrnehmungen und Einstellungen zum Thema Geschlecht haben.

    Geschlecht im familiären und schulischen Kontext

    Ein von den Mädchen angesprochenes Thema betraf die Erwartungshaltungen im familiären und schulischen Kontext. Eine Jugendliche berichtete beispielsweise von einem sehr egalitären Familienbild: Hier wünschen sich Eltern vor allem, dass ihre Kinder glücklich und erfolgreich sind. Gleichzeitig hörten wir aber auch von widersprüchlichen Erwartungen innerhalb der Familie: Während ein Elternteil eine berufliche Karriere befürwortete, wünschten sich andere eher, dass die Tochter eine klassische Hausfrauen- und Mutterrolle einnimmt. Insgesamt sprachen die Mädchen von der Erwartung von zukünftigen Ehemännern und Kindern, dass sie Haus- und Carearbeit übernehmen – auch wenn diese Vorstellungen nicht unbedingt ihren eigenen Zukunftswünschen entsprach. Auch beschrieben sie die Erwartung, schon jetzt eine erhöhte Verantwortung im Haushalt sowie gegenüber Brüdern und jüngeren Geschwistern zu übernehmen.

    In Studien zeigt sich, dass Männer nicht nur weniger Hausarbeit als Frauen übernehmen, sondern dass sie auch ihren Anteil an der Hausarbeit überschätzen: Wird die Aufgabenverteilung von beiden Seiten als ungefähr gleich eingeschätzt, übernehmen Frauen in der Realität dennoch etwas mehr als 60 % der Hausarbeit (Bertelsmann Stiftung 2025). Dieses Verständnis von Aufgabenverteilung überträgt sich häufig auch auf die Kinder innerhalb des Haushalts. Die größere Unzufriedenheit vieler Frauen mit der Verteilung von Hausarbeit spiegelt sich möglicherweise auch in den Aussagen der Mädchen wider. Ebenso ist die eher karriereorientierte Zukunftsvision mütterlicherseits im Vergleich zu den traditionelleren Vorstellungen väterlicherseits Ausdruck eines Ungleichgewichts.

    Die Bedeutung des Geschlechts im Freundeskreis und geschlechtliche Identität

    Im schulischen Kontext berichteten die Mädchen von überwiegend geschlechtlich getrennten Freundesgruppen, während dies im digitalen Raum weniger stark ausgeprägt sei. In den Gesprächen entstand zudem der Eindruck, dass Mädchenfreundschaften und gemischte Freundschaften für die Mädchen unterschiedliche Funktionen erfüllen und unterschiedlich erlebt werden. Ein Mädchen erzählte zudem, dass sie aufgrund ihres sportlichen Interesses überwiegend mit Jungen befreundet sei. Dabei fiel ihr ihr eigenes Gefühl auf, sozial dafür abgestraft zu werden, sich nicht „typisch mädchenhaft“ zu verhalten. Dies führe teilweise sogar zu Selbstzweifeln und Selbstablehnung. Sowohl positive als auch negative Erfahrungen bezogen sich in den Berichten der Mädchen häufig auf das äußere Erscheinungsbild, insbesondere auf Kleidung und Frisur.

    Studien zeigen, dass Jugendliche nach sozialer Akzeptanz, Sicherheit und Kontrolle streben. Laut dem Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW) ist Kosmetik- und Schönheitspflege für 73% der befragten jungen Menschen wichtig, um diese Gefühle zu erreichen (IKW 2016). Auch berichteten die Mädchen, aufgrund ihres Geschlechts oft als schwächer wahrgenommen zu werden. Viele äußerten den Wunsch, sich selbst und anderen das Gegenteil zu beweisen. Besonders wichtig war ihnen die Aussage, dass Mädchen grundsätzlich alles erreichen können, was auch Jungen erreichen können. Insgesamt entstand bei uns der Eindruck, dass sich alle befragten Mädchen nach mehr Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung sehnen.

    Interessant war außerdem festzustellen, dass alle Teilnehmenden grundsätzlich zufrieden damit waren, Mädchen zu sein. Zwar gab es unterschiedliche Meinungen darüber, wie wichtig das eigene Geschlecht für die persönliche Identität ist, dennoch wurde deutlich, welchen hohen Stellenwert Mädchenfreundschaften für alle Befragten besitzen – auch für jene, denen das eigene Geschlecht eher unwichtig erschien. Auch nach Breitenbach (2008) haben Mädchenfreundschaften in der Adoleszenz neben der Familie und männlichen Bezugspersonen einen besonders hohen Stellenwert (Breitenbach 2008, S. 132).

    Diskriminierungserfahrungen

    Ein weiterer wichtiger Themenbereich im Gespräch waren allgemeine Diskriminierungserfahrungen. Die Teilnehmenden berichteten von diskriminierender Sprache und geschlechtsspezifischen Beleidigungen wie „Schlampe“. Gleichzeitig wurde thematisiert, dass Begriffe wie „hässlich“ besonders häufig gegen Mädchen verwendet werden. Dies kann besonders verletzend wirken, da das äußere Erscheinungsbild für viele eine zentrale Bedeutung in ihrem Alltag hat. Darüber hinaus wurden Erfahrungen mit Catcalling sowie sexualisierter Gewalt in sozialen Medien angesprochen, die nach Aussagen der Mädchen häufig von älteren Jungen ausgehen.

    Eine Studie von Das Nettz zeigt, dass 49% der befragten Personen bereits online beleidigt wurden. Besonders betroffen sind Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund (30%), junge Frauen (30%) sowie Personen mit homosexueller (28%) oder bisexueller Orientierung (36%) (Das Nettz 2024). In den Gesprächen wurde auch ein generelles Unsicherheitsgefühl thematisiert. Ein Mädchen berichtete beispielsweise, dass sie nur eingeschränkt allein rausgehen dürfe, da ihre Eltern Angst hätten, ihr könnte etwas passieren. Das Bundeskriminalamt berichtet für das Jahr 2024 von rund 1.000 bekannten Fällen sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen. Etwa 95% der Täter waren männlich und rund 75% der Opfer weiblich (BKA 2025). Vor diesem Hintergrund erscheinen sowohl die geschilderten Erfahrungen als auch die generelle Vorsicht vieler Eltern nachvollziehbar, auch wenn die Mädchen selbst diese Ängste teilweise nicht in gleichem Maße teilten.

    Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass einige der geschilderten Erfahrungen von negativen Erlebnissen geprägt waren. Gleichzeitig berichteten die Mädchen jedoch auch von positiven Erfahrungen, insbesondere im zwischenmenschlichen Miteinander. Insgesamt nahmen wir die Gespräche trotz der ernsten Themen als offen, reflektiert und stellenweise auch humorvoll wahr.

    Ausblick und Fazit

    Durch unsere sehr begrenzte Teilnehmendenzahl haben wir nur einen kleinen Einblick in die Erfahrungen von Mädchen erhalten. Trotzdem spiegeln sie den aktuellen Wissensstand über Geschlecht und Jugend auf jugendliche Mädchen wider. Kinder- und Jugendhilfe sollte Räume bieten, um über oben beschriebene Erfahrungen, Erwartungshaltungen und Wahrnehmungen ins Gespräch zu kommen. Sie sollte Jugendliche befähigen, diese kritisch zu reflektieren. Unser Projekt war erfolgreich, weil wir den Rahmen für ebenjene kritische Reflexion schaffen konnten. Wir sehen ein hohes Potenzial in derartigen Projekten. Wir müssen Räume schaffen für junge Menschen, in denen sie ihre geschlechtlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen teilen und in denen Mädchen bei ihrer geschlechtlichen Identitätsbildung unterstützt können. Lasst uns diese Räume dafür nutzen, Diskriminierung entschieden entgegenzutreten!

    Literatur

    Bertelsmann-Stiftung (2025): Männer überschätzen ihren Beitrag zur Hausarbeit – ungleiche Verteilung hemmt Erwerbsarbeit von Frauen. Online unter: https://www.bertelsmann- stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2025/januar/maenner-ueberschaetzen-ihren- beitrag-zur-hausarbeit-ungleiche-verteilung-hemmt-erwerbsarbeit-von-frauen (Letzter Zugriff: 21.10.2025).

    Breitenbach, Eva (2008): Wege durch die Adoleszenz. Mädchenfreundschaften als zentrale weibliche Bezugspraxis. In: Rendtorff, B./Burckhart, S. (Hrsg.): Schule, Jugend und Gesellschaft. Ein Studienbuch zur Pädagogik der Sekundarstufe, Stuttgart: W. Kohlhammer, S. 132-143.

    Bundeskriminalamt (BKA) (2024): Bundeslagebild Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen. Online unter: https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/SexualdeliktezNvKindernuJugendlichen/BLBSexualdeliktezNvKindernuJugendl2024_Infograf ik.html?nn=222052 (Letzter Zugriff: 21.10.2025).

    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Online unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/service/publikationen/17-kinder-und-jugendbericht-244628 (Letzter Zugriff: 21.10.2025).

    Das NETTZ, Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur, HateAid und Neue deutsche Medienmacher*innen als Teil des Kompetenznetzwerks gegen Hass im Netz (Hrsg.) (2024): Lauter Hass – leiser Rückzug. Wie Hass im Netz den demokratischen Diskurs bedroht. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung. https://neuemedienmacher.de/aktuelles/beitrag/studie-zu-hass-im-netz/ (Letzter Zugriff: 21.10.2025).

    Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel e. V. (IKW) (2016): Jugend ungeschminkt. Selbstbild und Selbstwert von Jugendlichen. Online unter: https://www.ikw.org/schoenheitspflege/services/studien/jugend-ungeschminkt (Letzter Zugriff: 21.10.2025).

  • Zwischen Apfelschnitzen und Schokobrötchen: Was das Frühstück in der Kita über soziale Ungleichheit erzählt!

    Zwischen Apfelschnitzen und Schokobrötchen: Was das Frühstück in der Kita über soziale Ungleichheit erzählt!

    Janina Stamme und Lea Frühauf

    Was zeigt ein Frühstück?

    Das Frühstück beginnt, die Brotdosen werden geöffnet, Kinder vergleichen neugierig ihre Frühstücke, teilen oder blicken interessant in die Boxen der anderen. „Was hast du denn heute dabei?“ – eine Frage, die in vielen Kindertageseinrichtungen zum Morgen gehört. Auf den ersten Blick wirkt es wie eine normale Frühstücksituation in der Kita, doch bei genauerem Hinsehen eröffnet es uns einen tiefen Einblick in gesellschaftliche Ungleichheiten. Denn das, was die Kinder zum Frühstück mitbringen oder auch nicht, ist nicht nur ein Ausdruck individueller Vorlieben oder elterlicher Entscheidungen, sondern steht häufig auch in einem engen Zusammenhang mit sozialen, ökonomischen und kulturellen Lebensbedingungen.

    Zielsetzung des Blogbeitrags

    Der folgende Blogbeitrag greift diese alltägliche Szene auf und setzt sie in Beziehung zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, insbesondere zu den Befunden des 17. Kinder- und Jugendberichts (Deutscher Bundestag 2024). Ziel ist es zu vermitteln, dass Ernährung auch als pädagogisches Handlungsfeld begriffen werden kann, das zur gesellschaftlichen Teilhabe befähigt. Außerdem soll mit dem Thema eine wertfreie und sensible Perspektive auf soziale Ungleichheit entstehen. Die alltägliche Frühstücksituation wird hier nicht als individuelles Konsumverhalten verstanden, sondern als ein sozialer Indikator, der uns erlaubt, über Ungleichheit, Teilhabe und institutionelle Verantwortung nachzudenken.

    Soziale Ungleichheit und Ernährung

    Ernährung und soziale Ungleichheit sind eng miteinander verbunden. Dies ist ein zentrales strukturelles Problem, welches weit über individuelle Konsumentscheidungen hinausgeht. Demnach zählt Ernährung zum wesentlichen Bestandteil materieller Lebenslagen und ist ein Indikator für gesellschaftliche Teilhabechancen. In Deutschland wird meist von relativer Armut gesprochen, dabei wird das Problem der Ernährungsarmut als eine Form der absoluten Armut oft übersehen. Rund ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland (bis zu 2,8 Millionen) leben in Armut. Besonders einkommensschwache Haushalte, Alleinerziehende und kinderreiche Familien sind von steigenden Lebenshaltungskosten für Lebensmittel infolge von Inflation und Krisen betroffen (BMFSFJ 2024). In diesen Familien fehlt es oft an finanziellen Mitteln für eine ausgewogene Ernährung, was mit einem deutlich erhöhten Risiko für körperlichen und psychischen Erkrankungen bei sozial benachteiligten Kindern einhergehen kann (Kruse/Kueß 2022).

    Öffentliche Bildungseinrichtungen fungieren als entscheidende Instanz, um die Folgen sozialer Ungleichheit bei Ernährung abzumildern. Die Verpflegung in Kitas und Schulen wird explizit als „Sicherheitsnetz“ für eine gesunde Ernährung bezeichnet, insbesondere für Kinder aus armutsgefährdeten Haushalten. Während der Corona-Pandemie führte der Wegfall dieses Netzes (Schließung von Kitas, Schule und Tafeln) zu einer massiven Verschärfung der Ernährungsarmut (Deutscher Bundestag 2024). Obwohl das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) die Kosten für das Mittagessen in Kitas und Schulen übernehmen soll, erreicht diese Hilfe viele Bedürftige nicht. Nur etwa 43% der berechtigten Kinder profitieren tatsächlich von BuT-Leistungen. Bei Kindern unter sechs Jahren im SGB-II-Bezug erhalten sogar nur 33% die Mittel für die Mittagsverpflegung. Die Hauptgründe für die mangelnde Nutzung sind vor allem bürokratische Hürden, Intransparenz der Antragswege und mangelnde Informationen. Wenn keine Förderung vorhanden ist, so müssen Familien die Verpflegungskosten (im Schnitt 55 Euro pro Monat) selbst tragen, was für einkommensschwache Haushalte eine erhebliche Belastung darstellt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine ungleiche soziale Lage den Zugang zu gesunder Ernährung massiv einschränkt. Die Kinder- und Jugendhilfe ist gefordert, durch niedrigschwellige Angebote, den Abbau von Bürokratie und die Sicherung qualitativer Verpflegungsstandards für mehr Ernährungsgerechtigkeit zu sorgen (Espenhorst/Meinhold/Schabram 2025).

    Die Kita als Lern- und Lebensraum

    Ziel der Ernährungsbildung in Kitas ist es, Kindern zu vermitteln, auf die Signale ihres Körpers wie beispielsweise Hunger oder Sättigung zu achten und einen selbstbestimmten Umgang mit Essen zu erlernen. Gemeinsame Mahlzeiten in der Kita bieten Bildungsanlässe, fördern das Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe und ermöglichen den Austausch über verschiedene Esskulturen (Niedersächsisches Kultusministerium o. J., S. 25). Besonders für Kinder aus sozial benachteiligten Familien ist dies ein Ort, an dem sie regelmäßig einen Zugang zu ausgewogener Ernährung und einer festen Essstruktur haben. Eine gemeinsame Mahlzeit gilt dabei nicht nur als Versorgungssituation, sondern als sozialer Lernraum. Die Kinder erleben dabei eine Tischgemeinschaft, lernen Rücksichtnahme und können verschiedene Essgewohnheiten beobachten. Gleichzeitig werden Unterschiede aufgrund natio-ethno-kultureller Zugehörigkeit, aufgrund von unterschiedlichen Familienkulturen und sozialen Ungleichheiten sichtbar, etwa in der Auswahl und Fülle der mitgebrachten Brotboxen oder in Essritualen. Diese Vielfalt eröffnet pädagogische Ansatzmöglichkeiten, die Wertschätzung verschiedener Lebensweisen zu stärken und Ausgrenzung vorzubeugen. Ernährungsbildung in der Kita verfolgt somit nicht das alleinige Ziel der Vermittlung von gesundheitsbezogenem Wissen, sondern unterstützt die Entwicklung von Handlungskompetenzen und Selbstbestimmung. Die Kinder sollen darin gefördert werden, eigenständig Entscheidungen hinsichtlich ihres Essverhaltens zu treffen und ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Soziale Ungleichheit macht deutlich, dass Ernährung unter dem Aspekt der Bildungsgerechtigkeit betrachtet werden muss. Gemeinsame Mahlzeiten ermöglichen allen Kindern Teilhabe und unterstützen damit die Chancengleichheit (BZfE 2024, S. 10–11).

    Was bedeutet das für die pädagogische Praxis?

    Für die pädagogische Praxis ergibt sich daraus, Ernährung bewusst als Bildungsfeld zu gestalten. Pädagogische Fachkräfte prägen die Esssituationen durch ihre Handlungen und Haltung. Ein nicht moralisierender, respektvoller Umgang mit vielfältigen Ernährungskulturen ist hier zentral, um Stigmatisierungen vorzubeugen (BZfE, 2024, S.9 ). Durch gemeinsame Mahlzeiten werden vielfältige Ansatzpunkte für pädagogisches Handeln eröffnet. Die Kinder können in ihrer Ernährungskompetenz gefördert werden, indem sie über Lebensmittel sprechen, gemeinsam Essen zubereiten und neue Lebensmittel kennenlernen. Indem die Kinder bei Entscheidungen und bei der Zubereitung der Mahlzeiten miteinbezogen werden, werden sie zudem in ihrer Selbstwirksamkeit und ihren sozialen Fähigkeiten gestärkt (Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung 2025). Gleichzeitig werden Fachkräfte mit Herausforderungen wie Personalmangel, Zeitdruck und institutionellen Vorgaben konfrontiert, was sich auf die Umsetzung von Ernährungsbildung im Kita-Alltag auswirkt. Im 17. Kinder- und Jugendbericht wird darauf hingewiesen, dass die pädagogische Qualität stark von den Rahmenbedingungen abhängt und einzelne Bemühungen nur eingeschränkt wirksam sind, wenn strukturelle Unterstützung fehlt Deutscher Bundestag 2024).

    Kurze Einführung in unser Projekt

    In unserem Projekt untersuchten wir die Frühstückssituation in einer Kindertagesstätte. Unser Ziel bestand darin, anhand der alltäglichen Frühstückssituation zu untersuchen, wie sich soziale Unterschiede sichtbar machen und welche pädagogischen Handlungsmöglichkeiten bestehen. Im Rahmen eines Praktikums, in einem Zeitraum von über sieben Wochen, wurde die Frühstückssituation in einer Kita beobachtet. Wir legten unseren Fokus dabei auf das mitgebrachte Frühstück, den Umgang der Kinder untereinander sowie auf die Reaktionen der pädagogischen Fachkräfte. Ergänzend dazu führten wir regelmäßig Gespräche mit den Fachkräften, um ihre Einschätzung und Erfahrungen im Umgang mit dem Thema Ernährung zu erfassen. In unserem Projekt ging es nicht darum, die Ernährungsweisen zu bewerten, sondern sie als einen sozialen Indikator zu verstehen. Die theoretischen Grundlagen dafür bildeten unter anderem der 17. Kinder- und Jugendbericht (Deutscher Bundestag 2024).

    Reflexion

    Bei der Durchführung unseres Projekts zeigte sich, wie stark soziale Ungleichheiten im Kita- Alltag präsent sind und wie sie sich in alltäglichen Situationen wie dem Frühstück zeigen. Bereits bei der Projektplanung wurde uns deutlich, dass die Beobachtung der Frühstückssituation besondere Sensibilität voraussetzt. Ernährung gehört zwar zum pädagogischen Alltag, ist jedoch eng mit familiären Lebenslagen, kulturellen Prägungen und gesellschaftlichen Erwartungen verbunden. Dadurch war uns bewusst, dass eine wertfreie und reflektierte Haltung Voraussetzung ist. Unsere eingesetzte Methode, Beobachtung in Verbindung mit Gesprächen mit den Fachkräften, erwies sich als geeignet, um soziale Ungleichheit in Bezug auf Ernährung im Kita-Alltag zu untersuchen. Gleichzeitig zeigte sich eine Herausforderung darin, dass Vergleiche zwischen den Brotdosen schnell mit Bewertungen verbunden sind. Für uns bedeutete dies, unsere Wahrnehmung zu reflektieren und Beobachtungen von Interpretationen zu trennen. Eine weitere Herausforderung bestand darin, einen Ausgleich zwischen Strukturierung und Offenheit zu finden. Einerseits benötigten wir strukturierte Beobachtungskriterien, um systematisch vorgehen zu können, andererseits durften die Situationen nicht künstlich oder kontrollierend wirken. Als besonders wertvoll erwiesen sich in diesem Zusammenhang die Gespräche mit den Fachkräften. Dadurch wurde uns deutlich, dass auch pädagogische Fachkräfte im Alltag zwischen dem Anspruch der Ernährungsbildung und der Achtung familiärer Entscheidungen abwägen müssen. Rückblickend zeigte uns unser Projekt, dass Ernährung in der Kita nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern ein Ausdruck sozialer Ungleichheiten ist und zugleich ein pädagogisches Handlungsfeld. Zudem macht uns die Projektreflexion deutlich, wie wichtig professionelle und wertfreie Handlung ist, um allen Kindern Teilhabe zu ermöglichen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.

    Literatur

    Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2024): Zur Lage der jungen Generation: Die Jugendbroschüre zum 17. Kinder- und Jugendbericht. Berlin: BMFSFJ (Abruf: 15.06.2026).

    Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) (2024): Den Essalltag mit Kindern gestalten. Ernährungsbildung in der Kindertagespflege. Bonn und Stuttgart: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)/Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (Abruf: 15.06.2026).

    Deutscher Bundestag (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Drucksache 20/12900, 18.09.2024. Berlin (Abruf: 15.06.2026).

    Espenhorst, Niels/Meinhold, Juliane/Schabram, Greta (2025): Ungleichheit von Anfang an. Bericht zu Armut und Kita-Betreuung. Berlin: Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e. V. (Abruf 15.06.2026).

    Kruse, Michaela/Kueß, Norbert (2022). Eltern stärken und einbeziehen. Nifbe-Beiträge zur Professionalisierung 13. Osnabrück: Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (Abruf 15.06.2026).

    Niedersächsisches Kultusministerium. (o. J.). Die Arbeit mit Kindern unter drei Jahren. Handlungsempfehlungen zum Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich niedersächsischer Tageseinrichtungen für Kinder. Hannover. (Abruf: 15.06.2026).

    Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung NRW (2025): Was ist Ernährungsbildung? (Abruf: 15.06.2026).

  • Digitalität als Hauptbeschäftigung von Jugendlichen – stimmt das?

    Digitalität als Hauptbeschäftigung von Jugendlichen – stimmt das?

    Sophie Mainka und Sandy Heller

    Digitale Medien werden von uns im Alltag immer häufiger genutzt, nicht nur im Privaten, sondern auch in der Schule, in der Universität oder im Beruf. Und auch Kinder und vor allem Jugendliche nutzen diese Medien immer häufiger und länger, sodass auch im 17. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2024) das Thema aufgegriffen wurde. Aber kann überhaupt davon geredet werden, dass die Digitalität heutzutage eine der Hauptbeschäftigungen von Jugendlichen ist?

    Was ist der 17. Kinder und Jugendbericht?

    Nach dem §84 SGB VIII muss die Bundesregierung dem Bundestag sowie dem Bundesrat in jeder Legislaturperiode, also alle vier Jahre, einen Kinder und Jugendbericht vorlegen und darauf Stellung beziehen (BMFSFJ 2024). Der Bericht wird durch eine unabhängige Sachverständigenkommission erarbeitet (ebd.). Der 17. Kinder und Jugendbericht ist ein Gesamtbericht, welcher weiträumig die Lage der jungen Generation in Bezug auf die Situation der Kinder und Jugendhilfe darstellt. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den Einbezug von möglichst vielen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen (ebd.).

    Digitalität im Kinder- und Jugendbericht

    Der 17. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2024) beschäftigt sich mit vielen Fragen rund um die Digitalisierung, beispielsweise mit den Themen „Jungsein in einer digitalisierten Welt und mediatisierten Umwelten“ (ebd., S. 275 ff.) und „Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe“ (ebd., S. 355 ff.) Besonders in dem erstgenannten Kapitel wird dargestellt, dass viele Aktivitäten – wie die Alltagsorganisation, Freizeitgestaltung, geschlechtliche und sexuelle Identitätsfindung sowie die berufliche Orientierung – immer mehr im digitalen Raum stattfinden (vgl. ebd.). Das Leben ohne die Digitale Welt ist für Kinder und Jugendliche unvorstellbar. Daher muss sich mehr mit den Risiken des Aufwachsens in der digitalen Welt beschäftigt werden (vgl. ebd., S. 355). Auch zeigt der 17. Kinder- und Jugendbericht auf, dass ebenfalls in der Kinder- und Jugendhilfe die Digitalisierung einen großen Fortschritt mit sich bringt. Zum einen können nun Hilfeleistungen auch hybrid angeboten werden, was eine deutliche Barrierefreiheit schafft (vgl. ebd.). Zum anderen ergeben sich durch die Digitalisierung auch neue soziale Probleme, welche durch die digitale Lebenswelt entstehen. Diese muss ebenfalls die Kinder- und Jugendhilfe mit aufgreifen (vgl. ebd., S. 356).

    Digitalität in der heutigen Gesellschaft in Deutschland

    Nicht nur in der Politik gibt es ein großes Interesse an der Digitalität, auch in der gesamten Gesellschaft ist dies ein großes Thema. Mittlerweile gibt es nur noch vereinzelt Lebensbereiche, in denen es keinen Wandel und Weiterentwicklung durch die Digitalisierung gegeben hat (vgl. vbw 2017, S. 71). Die Nutzung vom Internet oder von mobilen Endgeräten ist in den letzten Jahren in allen Altersstufen angestiegen, sodass im Jahre 2023 etwa 68 Millionen Bürger*innen in Deutschland ab 14 Jahren ein Smartphone nutzten, die Tendenz ist dabei für die nächsten Jahre steigend (vgl. Statista 2024).

    In Deutschland kommen nicht nur Erwachsene fast durchgehend in den Kontakt mit der Digitalität, sondern auch Kinder und Jugendliche. Diese verwenden auch in der Schule digitale Medien, da mit diesen der Unterricht unterstützt oder geführt wird (vgl. vbw 2017, S. 77). Wichtig dabei ist, dass nicht nur den Schüler*innen ein verantwortungsvoller Umgang mit den Medien beigebracht wird, sondern dass auch Lehrkräfte geschult werden, wie verschiedene Technologien genutzt werden können und wie sie geschickt mit verschiedenen pädagogischen und didaktischen Aufgaben verbunden werden können (vgl. ebd., S. 78).

    Weshalb nun ein Projekt dazu?

    Im Rahmen des Seminars „Der 17. Kinder und Jugendbericht“ an der Universität Hildesheim im BA Erziehungswissenschaft haben wir uns mit dem Thema Digitalität in der Wohngruppe beschäftigt. Dabei verfolgten wir das Ziel zu erfahren, wie Jugendliche digitale Medien im Bildungskontext, vor allem in Situationen außerhalb von Bildungseinrichtungen oder dazugehörigen Aufgaben, nutzen. Bei der Zielgruppe handelte es sich um Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren, welche in einer Wohngruppe leben. Hierzu besuchten wir eine Wohngruppe und kamen mit den Bewohner*innen zu verschiedenem Fragen rund um die Bildschirmzeit ins Gespräch: Welche sozialen Medien werden genutzt, welche Bildungsinhalte angesehen und welche Endgeräte genutzt? Gibt es Einschränkungen bei der Nutzung in der Wohngruppe. Zudem kamen wir auch mit pädagogischen Fachkräften ins Gespräch. Beispielsweise fragten wir sie, wie sich das Nutzungsverhalten verändert hat und ob die Digitalisierung sowohl positive als auch negative Auswirkungen mit sich bringt.

    Was ist eine Wohngruppe?

    Wenn von einer Einrichtung gesprochen wird, bei der Kinder und Jugendliche außerhalb ihrer Familien wohnen, also Tag und Nacht verbringen, sprechen viele Menschen von Heimen. So steht es auch im SGB VIII. Allerdings ist dieser Begriff nicht sonderlich wertschätzend gegenüber den Kindern und Jugendlichen, sodass hier der Begriff Wohngruppe genutzt wird. Das Konzept ist in den Hilfen zur Erziehung (§27 SGB VIII) zu verorten, sodass in Wohngruppen Kinder und Jugendliche wohnen, „wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist“ (ebd.). Außerdem ist das allgemeine Ziel bei der Unterbringung in einer Wohngruppe, dass die Betroffenen in ihre Familien zurückkehren können, die Erziehung in einer anderen Familie vorbereitet wird oder das für längere Zeit in der Wohngruppe gelebt wird. Es soll auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden, wobei bei Jugendlichen auch ein Fokus auf der Unterstützung bei Fragen der Ausbildung, Beschäftigung und allgemeinen Fragen der Lebensführung liegt (vgl. §34 SGB VIII).

    Meinungen der Fachkräfte: Wie hat sich das Nutzungsverhalten in den letzten Jahren verändert?

    Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass es nach Meinung der befragten Fachkräfte in den letzten Jahren einen deutlichen Wandel im Nutzungsverhalten der Jugendlichen mit digitalen Medien gegeben hat. So sei vor etwa fünf Jahren in der Wohngruppe die Nutzung von Smartphones noch kein großes Thema gewesen, denn häufig haben nicht viele der Jugendlichen ein Smartphone besessen. Durch den Besitz eines Smartphones, der zum Teil auch erzwungen wird durch die Nutzung von digitalen Angeboten, wie beispielsweise dem Deutschlandticket, komme es auch dazu, dass der allgemeine Medienkonsum und damit auch die Nutzung stark zunimmt. Vor allem haben die Fachkräfte beobachtet, dass heutzutage insbesondere Shorts, Reels und die App TikTok konsumiert werden. Somit komme es auch zu einer extremen Gefahr durch die Kurzlebigkeit, „die vielleicht auch nicht jede Fachkraft oder Einrichtung präsent vor Augen habe“.

    Allgemein gelte, dass es immer weniger Interesse an Angeboten gibt, die nicht digital stattfinden. So müssen die Fachkräfte immer wieder neue Angebote schaffen, die zum Teil mit den digitalen Medien mithalten können. Allerdings gestalte sich dies als schwierig, denn bei vielen Jugendlichen liege mittlerweile eine „Hyperfixierung“ vor, was sich auch im Vergleich zwischen der Nutzung von digitalen Medien und anderweitigen Angeboten widerspiegelt, denn dort würde das Verhältnis bei 80 zu 20 liegen.

    Ist die Digitalität wirklich die Hauptbeschäftigung geworden?

    Es lässt sich ganz klar sagen, dass aus Perspektive der befragten Fachkräfte die Nutzung von digitalen Medien die Hauptbeschäftigung von Jugendlichen ist. Selten werden noch Angebote angenommen, bei denen die Digitalität überhaupt keine Rolle spielt, was auch die Fachkräfte vor große Schwierigkeiten stellt.

    Schlussfolgerungen

    Wichtig aus unserer Perspektive ist, dass sowohl im schulischen als auch im außerschulischen Rahmen die Kinder und Jugendlichen über mögliche Gefahren aufgeklärt werden und der Umgang mit Medien erklärt und angeleitet wird. Wie das geschieht, muss in jedem Bereich gut ausgearbeitet werden. Die Politik sowie die Gesellschaft sollten unserer Meinung nach ein Hauptaugenmerk darauf legen, denn wenn jetzt nicht aufgepasst und gehandelt wird, könnte das schwerwiegende Folgen. Für uns pädagogische Fachkräfte kann das bedeuten, für die Kinder und Jugendlichen als Vorbilder voranzugehen, indem wir unser eigenes Verhalten und den Umgang mit digitalen Medien kritisch überdenken, reflektieren und gegebenenfalls anpassen.

    Literatur

    BMBFSFJ (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 (Abfrage: 30.09.2025).

    Statista (2024): Anzahl der Smartphone-Nutzer*innen Deutschland in den Jahren 2009 bis 2023 und Prognose bis 2030 (in Millionen). Statista. Statista GmbH. Zugriff: 30. Juli 2025. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/198959/umfrage/anzahl-der- smartphonenutzer-in-deutschland-seit-2010/ (Abfrage: 30.09.2025).

    Vbw – Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft e.V. (Hrsg.) (2017): Bildung 2030 – veränderte Welt. Fragen an die Bildungspolitik. Gutachten. Aktionsrat Bildung. Münster: Waxmann.

  • Digitalität bei Mädchen und Jungen im Jugendalter – Gespräch in  einer Jugendwohngruppe

    Digitalität bei Mädchen und Jungen im Jugendalter – Gespräch in  einer Jugendwohngruppe

    Kiara Schulz

    Was ist der Kinder- und Jugendbericht?

    „Der 17. Kinder- und Jugendbericht ist ein Gesamtbericht, der […] die aktuelle Lage junger Menschen in Deutschland beschreiben und analysieren und dabei auch ihre Bedürfnisse, Interessen und Wünsche sichtbar machen soll“ (BMFSFJ 2024, S. 39). Ein neuer Kinder- und Jugendbericht wird alle vier Jahre vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlicht.

    Hintergrund

    Im Rahmen des Bachelor-Seminars Der 17. Kinder- und Jugendbericht an der Universität Hildesheim hatten wir die Aufgabe, ein praxisorientiertes Projekt zu einem Thema, welches im 17. Kinder- und Jugendbericht aufgegriffen wird, zu planen und durchzuführen. Drei Kommilitoninnen und ich entschieden uns dazu, gemeinsam ein Projekt in einer Wohngruppe durchzuführen. Schnell waren wir uns einig, dass wir uns mit dem Thema Digitalität und Medienkonsum bei Jugendlichen beschäftigen möchten, weil dieses Thema pädagogisch relevant ist und wir es als wichtig empfanden, der Thematik Aufmerksamkeit zu schenken. Unseren vorherigen Beobachtungen zufolge scheint der Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen nämlich immer weiter zu steigen – und dem wollten wir auf den Grund gehen. Entschieden haben wir uns konkret für das Thema „Digitalität bei Mädchen und Jungen im Jugendalter“.

    Unsere Planung

    Im ersten Schritt überlegten wir, wo wir das Projekt überhaupt durchführen könnten. Wichtig dabei war es uns, mit Jugendlichen direkt ins Gespräch zu kommen, weshalb wir uns entschieden, in einer Wohngruppe anzufragen. Die Möglichkeit, in dem Rahmen auch etwas über die Perspektiven und Eindrücke der Mitarbeitenden zu erfahren, bestärkte uns zusätzlich darin, das Projekt in einer Wohngruppe durchzuführen.

    Nachdem wir die Zusage der Wohngruppe erhielten, sind wir in die Planung des Projekts gegangen. Wir hatten vor, mit den Jugendlichen und Mitarbeitenden zum Thema ins Gespräch zu kommen. Die Idee, im Gespräch mit den Jugendlichen und Mitarbeitenden Daten teilweise digitalgestützt zu erheben, erschien uns aufgrund des Themas passend. Wir entwickelten Fragen sowohl an die Jugendlichen als auch an die Mitarbeitenden. Für eine Frage nutzen wir daher das Onlineprogramm „Menti“. Die Ergebnisse werden mit diesem Programm visualisiert.

    Unsere zentralen Fragen lauteten wie folgt:

    Fragen an die Jugendlichen:                                   

    • Wie lange ungefähr nutzt ihr digitale Medien am Tag?
    • Welche Endgeräte nutzt ihr am meisten?
    • Was nutzt ihr (z.B. welche Apps)? → Menti-Abfrage
    • Welche Inhalte schaut ihr euch dort an?
    • Konsumiert ihr Bildungsinhalte? Wenn ja, welche, wofür und wie viel? Falls nicht, warum nicht?
    • Wie ist die Nutzung digitaler Medien in die Wohngruppe eingebunden (werden digitale Medien z.B. auch gemeinsam genutzt)?
    • Was wünscht ihr euch im Umgang mit digitalen Medien in der Wohngruppe?

    Fragen an die Mitarbeitenden:                            

    • Hat sich das Nutzungsverhalten von Jugendlichen in den letzten (10) Jahren gewandelt?
    • Wie lange nutzen die Jugendlichen die Medien im Verhältnis zu anderen Aktivitäten (und im Gegensatz zu Jugendlichen außerhalb der Wohngruppe)?
    • Hat das Verhalten der Jugendlichen mit digitalen Medien positive oder negative Auswirkungen?
    • Welche Effekte haben diese Auswirkungen auf euch? Wie arbeitet ihr damit?
    • Wie geht ihr in der Wohngruppe mit dem Thema Digitalität um?
    • Reflexion über digitale Bildungsinhalte: Beobachtet ihr, dass die Jugendlichen sich digital bilden bzw. ermutigt ihr sie dazu?

    Unterschiede im Nutzungsverhalten zwischen Mädchen und Jungen

    Erfahren wollten wir auch, wie sich das Nutzungsverhalten von digitalen Medien zwischen Mädchen und Jungen unterscheidet. Deshalb haben wir auch hier die Jugendlichen und Mitarbeitenden zu ihren Einschätzungen befragt. In diesem Blogbeitrag stelle ich vor allem die geschlechtsspezifischen Unterschiede der Mediennutzung vor.

    Grundlage für das Projekt waren zwei Thesen, die ich aufgestellt habe und die auch in der Literatur zur Mediennutzung von Jugendlichen belegt sind. Die Thesen lauteten wie folgt:

    These 1: Jungen verbringen in ihrer Freizeit mehr Zeit mit digitalen Medien als Mädchen.

    These 2: Mädchen verbringen mehr Medienzeit mit sozialen Medien wie TikTok, Instagram usw., während Jungen mehr Medienzeit mit Videospielen und Gaming-Videos (z.B. auf YouTube) verbringen.


    Verweis auf die Blogbeiträge meiner Kommilitoninnen

    Falls euch ein weiterer Blogbeitrag zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden im Medienkonsum interessiert, lest euch gerne den Blogbeitrag von Charlotte Kersten durch. Sandy Heller und Sophie Mainka thematisierten in ihrem Blogbeitrag insbesondere die Position der Mitarbeitenden der Wohngruppe. Falls euch das interessiert, lest euch gerne auch diesen Blogbeitrag durch.


    Die Durchführung des Projekts

    Foto: privat

    Am 03. Juli 2025 fuhren wir gemeinsam mit dem Auto zu der Wohngruppe. Wir brachten leckere Snacks wie Gummibärchen, Kekse und Salzstangen mit, um eine lockere Atmosphäre zu schaffen. Wir konnten das Projekt vor Ort mit vier Jugendlichen (zwei Mädchen und zwei Jungen) sowie mit drei Mitarbeitenden durchführen. Zuerst kamen wir mit den Jugendlichen ins Gespräch. Bevor wir mit den eigentlichen Fragen starteten, machten wir eine kleine Vorstellungsrunde und eine erste Menti-Umfrage zu „Was fällt euch ein, wenn ihr an digitale Medien denkt?“. Danach stiegen wir mit den Fragen ein und konnten in einem lockeren Gespräch Antworten auf unsere Fragen sammeln.

    Danach führten wir ein interessantes Gespräch mit drei Mitarbeitenden der Wohngruppe, die uns unsere Fragen sehr ausführlich beantworteten und ihre (Berufs-)Erfahrungen mit uns teilten.

    Ergebnisse der Jugendlichen

    Das waren die Stichworte der Jugendlichen auf die Frage „Was fällt euch ein, wenn ihr an digitale Medien denkt?“.

    Bei der Frage, welche Medien genutzt werden, gaben alle WhatsApp und TikTok an. Auch YouTube, Instagram, Spotify, Mobile Games und Duolingo werden häufig genutzt. Sonstige Lernapps, Facebook oder Mediatheken vom ARD oder ZDF werden hingegen von den Jugendlichen gar nicht genutzt.

    Im Folgenden fasse ich die Antworten auf die anderen Fragen zusammen:

    • Die tägliche Bildschirmzeit der Jugendlichen liegt zwischen 8 und 15 Stunden.
    • Genutzt werden das Smartphone, das IPad und der PC.
    • Bildungsinhalte werden nur begrenzt konsumiert und beschränken sich auf die App Duolingo (Sprachen lernen), Dokumentationen (vor allem True Crime) sowie Podcasts über alltägliches Wissen. Die Jugendlichen gaben an, keine Lust zu haben, sich außerhalb der Schule mit „solchen Themen“ zu beschäftigen; wenn sie etwas wissen möchten, würden sie einfach schnell googlen oder ChatGPT fragen.
    • In der Wohngruppe werden digitale Medien auch zusammen genutzt, z.B. wenn gemeinsam eine Serie geschaut wird.
    • In der Wohngruppe sind die Nutzungsregeln digitaler Medien der Jugendlichen individuell.
    • Die Jugendlichen nehmen eine Ablenkung vom Unterricht durch die Einbindung digitaler Medien und Endgeräte in der Schule wahr.
    • Die Jugendlichen nehmen eine Zunahme von Mobbing wahr, was durch digitale Medien gestützt wird.
    • Die Jugendlichen vermuten, sie seien weniger medienbezogen als Jugendliche, die in ihren Familien leben, weil es in Familien oftmals gar keine Medienregeln gäbe.

    Geschlechtsspezifische Unterschiede und Bezug zu meinen Thesen

    Sowohl die Jugendlichen als auch die Mitarbeitenden konnten bestätigen, dass sich die Inhalte digitaler Medien zwischen Mädchen und Jungen unterscheiden. Jungen scheinen mehr Zeit am PC zu verbringen, während Mädchen digitale Medien eher über das Smartphone konsumieren. Jungen nutzen weniger Social Media als Mädchen und spielen stattdessen mehr Video- und Onlinespiele als die Mädchen. Gaming-Videos werden ebenso mehr von den Jungen konsumiert. Auch Video-Streaming-Dienste werden von Jungen häufiger genutzt. Lediglich TikTok scheint von beiden Geschlechtern ähnlich viel verwendet zu werden.

    Die Annahme, Jungen würden in ihrer Freizeit mehr digitale Medien konsumieren als Mädchen, konnte nicht bestätigt werden. Die Jugendlichen und Mitarbeitenden gehen davon aus, dass die Nutzungszeit nicht vom Geschlecht abhängt und Mädchen und Jungen demnach vergleichbare Medienzeiten aufzeigen.

    Somit konnte ich im Rahmen des Projekts meine erste These nicht bestätigen, mit meiner zweiten These konnte ich jedoch auf Übereinstimmungen treffen.

    Fazit des Projekts

    Im 17. KJB konnte ich keine Informationen zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden im Medienverhalten finden. Stattdessen habe ich wissenschaftliche Informationen aus Studien durch andere Quellen bezogen. Das Projekt war für mich persönlich eine interessante Erfahrung. Ich konnte neben dem spezifischen neuen Wissen zur Mediennutzung bei Jugendlichen auch einen kleinen Einblick in das Leben in einer Wohngruppe gewinnen. Die Gespräche empfand ich als sehr angenehm. In diesem Sinne noch einmal ein großes Dankeschön an die Wohngruppe, dass wir das Projekt dort durchführen durften!

    Literatur

    BMBFSFJ (2025): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 [Zuletzt abgerufen am: 30.09.2025].

    Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2023): JIM-Studie 2024. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart,https://mpfs.de/app/uploads/2024/10/JIM_2023_web_final_kor.pdf (Abfrage: 07.07.2026).

    Bildquelle

    Abbildung 1: BMBFSFJ (2025): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 [Zuletzt abgerufen am: 30.09.2025].

  • Digitale Lebenswelten – Ein Gespräch mit Mädchen und Jungen im Jugendalter in einer Wohngruppe

    Digitale Lebenswelten – Ein Gespräch mit Mädchen und Jungen im Jugendalter in einer Wohngruppe

    Charlotte Kersten

    Was ist der 17. Kinder- und Jugendbericht?

    Der 17. Kinder- und Jugendbericht analysiert auf rund 600 Seiten zu vielen unterschiedlichen Themen die Lage von jungen Menschen in Deutschland. Dazu beschreibt er die Leistungen und die Bestrebungen der Kinder- und Jugendhilfe. Der Bericht erscheint alle vier Jahre. Die neuste Auflage erschien am 18.09.2024. Die Kernbotschaft ist Zuversicht braucht Vertrauen. Dies bedeutet, dass Kinder- und Jugendliche Zuversicht und Vertrauen nur dann erhalten können, wenn die Erwachsenen und die Politik sie dabei unterstützen und Verantwortung übernehmen und ihnen dadurch Vertrauen geschenkt werden kann (vgl. BMBFSFJ 2024).  

    Abb. 1: Titelseite BMBFSFJ 2024

    Digitalität im 17. Kinder- und Jugendbericht

    Der 17. Kinder- und Jugendbericht beschäftigt sich neben vielen anderen Themen auch mit dem Thema Digitalität. Bereits seit dem 12. Kinder. und Jugendbericht wird das Thema Digitalität alle vier Jahre mit einem anderen Fokus in der Berichterstattung behandelt. Daran kann erkannt werden, dass die Digitalisierung als sozialer Wandlungsprozess gesehen wird und somit auch Folgen in der Kinder- und Jugendhilfe hat (vgl. BMFSFJ 2024: S. 275). Der aktuelle Bericht zeigt zum Thema Mediennutzung und zum Onlinehandeln von Kindern und Jugendlichen, dass der Umgang mit Medien für die Mehrheit dieser Altersgruppe alltäglich geworden ist. Er bezieht sich bei seiner Recherche insbesondere auf die sogenannte KIM-Studie aus 2024 (mpfs 2024) Diese konnte empirisch aufzeigen, dass in nahezu allen Haushalten Fernsehgeräte, Smartphones, Computer, sowie Laptops und ein Internetzugang zur Verfügung stehen. Zudem kann im Onlinehandeln beobachtet werden, dass Jugendliche am häufigsten hierzu ihr Smartphone benutzen (vgl. ebd., S. 276). Auch bezieht sich der Bericht auf die JIM-Studie aus 2023 (vgl. mpfs 2023). In dieser wird festgestellt, dass die Onlinenutzungsdauer bei den 12- bis 19-Jährigen im Schnitt im Jahr 2023 bei 224 Minuten pro Tag gelegen hat. Zusätzlich konnte erfasst werden werden, dass die durchschnittliche Onlinenutzungsdauer pro Tag mit steigendem Alter zunimmt. Beliebte Onlineaktivitäten sind bei den Jugendlichen online sein, Musik hören, Internetvideos schauen und digitale Spiele konsumieren. Die wichtigste App bei den befragten Jugendlichen war WhatsApp, danach folgten Instagram, TikTok und YouTube (vgl. BMFSFJ 2024, S. 277).

    Auswahl und Kontext für die Auswahl unseres Themas für unser Projekt

    Im Kontext unseres Bachelor-Seminars im Studiengang Erziehungswissenschaft mit dem Titel Der 17. Kinder- und Jugendbericht an der Universität Hildesheim hatten wir die Aufgabe, ein Thema im Bericht zu identifizieren, dass uns erstens interessant erscheint und dass zweitens dazu dienen kann, in einem Projekt mit unterschiedlichen Gruppen an Personen aus der Kinder- und Jugendhilfe in Kontakt treten zu können. Gemeinsam in unserer Gruppe haben wir zuerst Themen gesammelt, die uns am meisten interessierten. Recht schnell wurde deutlich, dass wir uns alle vier für das Thema Digitalität interessieren. Dadurch wurde uns deutlich, dass wir in die Richtung Digitalität bei Mädchen und Jungen unser Projekt durchführen möchten und somit begannen wir unser Projekt zu gestalten.

    Planung und Durchführung des Projekts

    Gemeinsam haben wir zu viert als Gruppe überlegt, wo wir unser Projekt am besten durchführen können. Wir haben uns entschieden, mit Jugendlichen und nicht mit jüngeren Kindern unser Projekt durchzuführen, deshalb sind wir auf die Idee gekommen, unser Projekt in einer Wohngruppe zu gestalten. Zudem dachten wir, dass es bestimmt interessant sei, wenn wir noch den Mitarbeitenden in der Einrichtung Fragen stellen können, um einen anderen Einblick in die Thematik zu bekommen. Durch diese Überlegung fühlten wir uns zusätzlich bestätigt, unser Projekt in einer Wohngruppe durchzuführen. Nach der erfreulichen Zusage einer Wohngruppe haben wir begonnen, Ideen und Fragen für unser Projekt zu entwickeln.

    Für die Durchführung unseres Projektes sind wir zu viert als Gruppe zu einer Wohngruppe in der Nähe von Hannover gefahren. In dieser Wohngruppe leben Mädchen und Jungen zusammen. Wir haben mit einer kleinen Vorstellungsrunde begonnen. Nach dieser sind wir mit den Jugendlichen ins Gespräch gekommen. Dieses haben wir mit einer Eröffnungsfrage über das Onlinetool Mentimeter gestartet. Diese lautete:,,Was fällt euch ein, wenn ihr an digitale Medien denkt?“ Insgesamt haben wir mit zwei Mädchen und zwei Jungen aus der Wohngruppe gesprochen. Wir haben die Antworten der Jugendlichen zum Anlass genommen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wir konnten ein gutes Gespräch führen und viele Informationen sammeln. Nachdem wir mit den Jugendlichen gesprochen haben, durften wir unsere Fragen an die Mitarbeitenden stellen. Auch hier haben wir neue Erkenntnisse und Informationen erhalten.


    Fragen an die Jugendlichen

    • Wie lange nutzt ihr ungefähr am Tag digitale Medien?
    • Welche Endgeräte nutzt ihr am meisten?
    • Was nutzt ihr? (Welche Apps werden gerne genutzt) → Menti – Abfrage
    • Näher eingehen auf → Was für Inhalte schaut ihr euch in den jeweiligen Apps an?
    • Wenn Bildungsinhalte konsumiert werden → Für was, welche und wie viel?
    • Wenn keine Bildungsinhalte konsumiert werden → Warum benutzt ihr das nicht für Bildungszwecke?
    • Wie ist die Nutzung von digitalen Medien in die Wohngruppe eingebunden? (Alle zusammen oder jeder einzeln)
    • Was wünscht ihr euch im Umgang mit den Medien in der Wohngruppe

    Die Erkenntnisse aus dem Gespräch mit den Jugendlichen

    Die befragten Jugendlichen gaben an, dass ihre Bildschirmzeit durchschnittlich bei 9 Stunden pro Tag liegt. Bei der Nutzung wurden Endgeräte wie Handy, Tablet und PC am häufigsten genannt. Als wir im Gespräch näher draufeingegangen sind, was sie davon gerne benutzen und welche Inhalte sie sich am meisten anschauen, wurde deutlich, dass die Jungen häufiger den PC benutzen, um online Spiele, wie Fortnite und Minecraft, zu spielen. Bei den Mädchen hingegen konnten wir erkennen, dass sie häufiger soziale Medien, wie Instagram, TikTok und Snapchat oder Apps, wie Pinterest benutzen, um dort Inspirationen für Outfits zu erhalten. Des Weiteren haben wir herausgefunden, dass die Jugendlichen digitale Medien selten zu Bildungszwecken benutzen. Dennoch haben zwei Jugendliche erzählt, dass sie die App Duolingo benutzen, um Sprachen zu lernen. Eine Jugendliche gab an, dass sie politische Inhalte oft über TikTok konsumiert. Sie berichtet auch, dass sie der Tagesschau auf Instagram folgt, um über Aktuelles informiert zu sein. Des Weiteren werden Dokumentationen oder Podcasts genutzt. Dies passiert nach den Aussagen der Jugendlichen meistens spontan, je nachdem, was die befragte Person gerade anspricht. Zudem werden bestimmte Apps, wie ChatGPT oder Google für die Schule genutzt. Außerdem konnten die Jugendlichen uns bestätigen, dass sie digitale Medien lieber zum Entertainen und Spielen benutzen als für Bildungszwecke.

    Fazit

    Insgesamt zeigt sich, dass alle Jugendlichen, mit denen wir im Gespräch waren, eine hohe Bildschirmzeit aufweisen. Sie weisen sogar eine mehr als doppelt so hohe Bildschirmzeit auf, wie in dem aktuellen Kinder- und Jugendbericht festgestellt wird. Dennoch sollte aber auch bedacht werden, dass das Gespräch in der Wohngruppe nur mit vier Jugendlichen stattgefunden hat und das dies daher nicht repräsentativ ist. Unsere Vermutung, dass Mädchen häufiger in sozialen Medien unterwegs sind und Jungen hingegen lieber online Spiele spielen (umgangssprachlich das sogenannte Zocken), konnte uns von einem Mitarbeiter in der Wohngruppe bestätigt werden. Außerdem konnten wir erkennen, dass die Jugendlichen nicht oft digitale Medien für Bildungszwecke nutzen. Des Weiteren war es sehr interessant, einen Einblick in eine Wohngruppe zu bekommen und um nicht nur zu schauen, was die Jugendlichen für Angaben und Antworten geben, sondern auch, wie sie den Umgang generell mit digitalen Medien in ihrer Wohngruppe finden und was die Mitarbeitenden zu diesem Thema sagen. In der Wohngruppe ist der Umgang so geregelt, dass die Jugendlichen gelegentlich zusammen einen Film schauen. Weitere Regelungen werden individuell festgelegt.  

    Wenn du noch mehr darüber lesen willst, was die Mitarbeitenden zu dem Thema Digitalität bei Mädchen und Jungen im Jugendalter gesagt haben, dann schaue dir gerne den Blogbeitrag von Sandy Heller und Sophie Mainka an. Zudem kannst du dich ebenfalls über den Blogbeitrag von Kiara Schulz zum Thema weiter informieren. Mehrere Infos zu dem Thema Digitalität im Jugendalter finden sich im aktuellen Kinder- und Jugendbericht. Viel Spaß beim Lesen!

    Literatur

    BMBFSFJ (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 (Abfrage: 30.09.2025).

    Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2023): JIM-Studie 2024. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart,https://mpfs.de/app/uploads/2024/10/JIM_2023_web_final_kor.pdf (Abfrage: 07.07.2026).

    Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2024): KIM-Studie 2024. Kindheit, Internet, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger. Stuttgart. https://mpfs.de/app/uploads/2025/05/KIM-Studie-2024.pdf (Abfrage: 07.07.2026).

    Abbildungsverzeichnis

    Abbildung 1: BMBFSFJ (2025): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmfsj/service/publikationen/17-kinder-und.jugendbericht-244628 [Zuletzt abgerufen am: 30.09.2025].

  • Kinder als Expert*innen in der Kindheitsforschung

    Kinder als Expert*innen in der Kindheitsforschung

    Kindheit neu denken: warum kindliche Perspektiven unverzichtbar sind

    Anonym

    Kinder erleben die Welt anders als Erwachsene – und genau darin liegt ein Wissen, das sich nicht durch fremde Deutungen ersetzen lässt. Soll Kindheit in ihrer Vielfalt verstanden werden, führt deshalb kein Weg daran vorbei, die Perspektiven von Kindern selbst einzubeziehen.

    Kindheit ist und war nie ein neutraler, statischer Abschnitt des Lebens. Wie wir über Kinder sprechen, wie wir sie erforschen und welche Bedeutungen wir ihrem Handeln zuschreiben, findet stets innerhalb von gesellschaftlichen Rahmungen statt. Dies geschah für eine lange Zeit stark erwachsenenzentriert. Dabei galten Kinder maßgeblich als „Werdende“, als noch nicht vollständig entwickelte Individuen, über die zwar gesprochen, aber mit denen kaum gesprochen wurde. Selbst die Forschung reproduzierte dieses Bild. Kinder waren nach diesem Verständnis lediglich Objekte wissenschaftlicher Beobachtung und keine aktiv handelnden Subjekte.

    Erst allmählich setzte sich ein Verständnis dafür durch, dass Kinder nicht nur Gegenstand gesellschaftlicher Ordnungen sind, sondern aktiv an diesen mitwirken. Spätestens mit dem 10. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 1998) wurde sichtbar, dass ein grundlegender Perspektivwechsel von Nöten war. Der 17. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2024) betont nun eindrücklich, dass kindliche Wahrnehmungen nicht durch erwachsene Deutungen ersetzt werden können, sondern nur dann tatsächlich sichtbar werden, wenn Kinder auch selbst zu Wort kommen (Heinzel et al. 2012; Mey 2013). Diese Verschiebung markiert eine zentrale Einsicht der sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung, nämlich Kinder als Expert*innen ihrer eigenen Lebenswelt anzuerkennen.

    Historische Entwicklungen: Von „Werdenden“ zu „aktiv Handelnden“

    Ein Blick in die Kindheitsforschung der letzten Jahrzehnte zeigt, wie sehr sich die wissenschaftliche Auffassung von Kindheit verändert hat. So begannen seit den 1960er-Jahren verschiedene Disziplinen, das bis dahin dominante Bild vom Kind kritisch zu hinterfragen (BMFSFJ 2024, S. 139 ff.).

    In der Soziologie richtete sich die Kritik vor allem gegen sozialisationstheoretische Modelle, die Kinder ausschließlich als passive Empfänger*innen äußerer Einflüsse begriffen. Folglich traten im Gegenzug neue Perspektiven in den Vordergrund, darunter Konzepte der Ko-Konstruktion und Ko-Produktion, die das aktive Handeln und Mitgestalten von Kindern hervorheben sollten.

    Parallel dazu setzte auch in der Psychologie ein Umdenken ein. Lineare Entwicklungsmodelle, die die kindliche Entwicklung in feste Stufen gliederten, gerieten vermehrt in die Kritik, da sie kaum den individuellen und kontextabhängigen Entwicklungsverläufen gerecht werden konnten. Statt nunmehr von einem einzigen „richtigen“ Entwicklungsweg auszugehen, rückte zunehmend das Verständnis in den Vordergrund, dass Kinder sich unterschiedlich und auf vielfältige Weise entwickeln können.

    In der Erziehungswissenschaft wiederum rückten Fragen nach Macht, Normierung und Kontrolle ins Zentrum der Debatte – insbesondere vor dem Hintergrund der autoritären Erziehungstraditionen des Nationalsozialismus. Es wurde deutlich gemacht, dass Pädagogik nie als neutral betrachtet werden könne und stattdessen gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität und Anpassung reproduziere.

    All diese Diskussionen führten dazu, dass sich der Blick auf Kindheit und damit auch auf Kinder grundlegend veränderte. Kinder wurden nicht länger als „noch nicht fertig“ gesehen, sondern als kompetente Akteur*innen, die ihre Welt aktiv mitgestalten (BMFSFJ 2024, S. 139 ff.).

    Kindheit als soziale Kategorie: Rahmenbedingungen

    Überlegungen dazu, was „Kindheit“ überhaupt bedeutet und welche sozialen Bedingungen sie prägen, bilden wesentliche Themen der sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung (Heinzel et al. 2012). Diese gehen mit der Einsicht einher, dass Kindheit selbst, als eine gesellschaftlich hervorgebrachte Kategorie zu verstehen sei. Somit ist das, was Kindheit ausmacht und unter Kindheit verstanden wird, stets abhängig von historischen, kulturellen und institutionellen Bedingungen (Heinzel et al. 2012; Nentwig-Gesemann 2024).

    Somit formen soziokulturelle Erwartungen darüber, wann ein Kind „fähig“ oder wann „schutzbedürftig“ ist, institutionelle Praktiken ebenso wie Forschungsperspektiven maßgeblich. Kindheit ist damit kein rein objektiver Entwicklungsabschnitt, vielmehr ist sie geprägt von derzeitigen gesellschaftlichen Normen, Machtverhältnissen und kulturellen Vorstellungen. Folglich sind auch die Handlungsmöglichkeiten von Kindern (bzw. ihre „Agency“) immer an institutionelle und kulturelle Rahmungen gebunden. Daher ist es unverzichtbar, Kinder im Kontext ihrer sozialen Gefüge zu betrachten und einen Blick darauf zu richten, wie sie sich innerhalb dieser Strukturen bewegen, Bedeutungen aushandeln und eigene Perspektiven entwickeln (Nentwig-Gesemann 2024).

    Am deutlichsten wird dieser Perspektivwechsel im Konzept der kindlichen Agency sichtbar. Hiernach werden Kinder sowohl als aktiv, deutungs- wie auch handlungsfähig verstanden (BetzEßer 2016; Bollig/Kelle 2014).

    Für die Kindheitsforschung bedeutet das:

    • Kinder gestalten ihre Lebenswelt aktiv mit;
    • ihre Sichtweisen sind nicht ergänzend zur Erwachsenenperspektive, sondern zentral für das Verständnis ihrer Wahrnehmung;
    • Erkenntnisse über Kindheit entstehen nicht aus erwachsenen Konstruktionen, sondern aus der konkreten Auskunft kindlicher Perspektiven.

    Agency bedeutet jedoch nicht, dass Kinder unbegrenzt handeln können. Ihre Handlungsfähigkeit wird durch gesellschaftliche Strukturen, Erwartungen und Machtverhältnisse stets beeinflusst und zum Teil begrenzt.

    In diesem Zusammenhang ist ebenso zu berücksichtigen, dass Kinder (aus anthropologischer Sicht) in vielen Bereichen weiterhin auf die Unterstützung, Fürsorge und den Schutz Erwachsener angewiesen sind. Ihre natürliche Abhängigkeit von erwachsenen Bezugspersonen (beispielsweise den Eltern) stellt daher eine wesentliche Dimension von Kindheit dar und muss stets bei der Partizipation von Kindern mitgedacht werden (Himmelbach 2013). Damit zeigt sich deutlich, dass Agency und Vulnerabilität nicht voneinander zu trennen sind. Zwar handeln Kinder aktiv, dies jedoch immer innerhalb von Bedingungen, die ihnen sowohl Möglichkeiten eröffnen als auch Grenzen setzen. Dabei bildet genau diese Einsicht einen zentralen Ausgangspunkt für neuere Ansätze der Kindheitsforschung.

    Neuere Entwicklungen: Kinder als zentrale Wissensquelle

    In der Kindheitsforschung lässt sich seit den 2000ern eine deutliche Bewegung hin zu solchen Forschungsdesigns erkennen, die Kinder als essenzielle Wissensquelle begreifen. Ob quantitative Survey-Studien, ethnografische Beobachtungen oder Mixed-Methods-Ansätze, sie alle gründen auf dem Verständnis, dass Kinder selbst Auskunft über ihr Leben geben können. So folgen auch Großstudien wie das DJI-Kinderpanel, AID:A, Children’s Worlds oder die World-Vision-Kinderstudien diesem Anspruch. Sie tragen damit, mit ihrer Repräsentation direkter kindlicher Wahrnehmungen, zu einem umfassenderen Bild kindlicher Lebensrealitäten bei (BMFSFJ 2024, S. 143 ff.). 

    Jedoch bleiben trotz angestrebter Idealer, gewisse Herausforderungen bestehen. Der Zugang zu jungen Kindern, insbesondere derer unter sechs Jahren, stellt weiterhin eine methodische Herausforderung dar (BMFSFJ 2024). Zugleich wächst jedoch das Bewusstsein dafür, dass auch bereits sehr junge Kinder über relevantes Wissen und über differenzierte Ausdrucksformen verfügen, um dieses mitzuteilen.

    Adultismus in Forschungssituationen: Machtverhältnisse sichtbar machen

    Trotz des Anspruchs einer kindzentrierten Forschung ist die Asymmetrie zwischen erwachsenen Forscher*innen und Kindern nicht zu leugnen. Ein problematisches Konzept ist hier der Adultismus, also die Annahme, dass Erwachsene allein aufgrund ihres Alters, Kindern generell überlegen seien (Ritz 2012). Dies zeigt sich beispielsweise in der Abwertung kindlicher Aussagen oder der Erwartungshaltung, Kinder müssten sich sprachlich erwachsen ausdrücken. Dies macht sich über die dominante Position der Forschenden wie auch in standardisierten Deutungsrahmen bermerkbar, die kindliche Interpretationen überlagern (Ritz 2012).

    Eine Forschung, die Kinder als soziale Akteur*innen ernst nimmt und Kindheit als Ergebnis gesellschaftlich gerahmter Praktiken versteht, ist daher grundsätzlich gefordert, kindliche Sichtweisen und Handlungen zum Ausgangspunkt ihres Gegenstandes zu machen. Gerade bei Themen, die explizit die Lebenswelten von Kindern betreffen, ist die Berücksichtigung ihrer Perspektiven nicht nur fachlich sinnvoll, sondern auch ethisch geboten (Reppin 2021). Dies spiegelt sich nicht zuletzt auch rechtlich in der UN-Kinderrechtskonvention wider, in der Kinder als eigenständige Subjekte anerkannt werden und ein Recht auf Meinungsäußerung in allen sie betreffenden Belangen erhalten. Daraus ergibt sich für Erwachsene – und demnach auch für Forscher*innen – die Verpflichtung, ihre Äußerungen wahrzunehmen und ernsthaft in ihre Arbeit einzubeziehen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Forschung mit Kindern immer auch von Rollenbildern, unterschiedlichen Kommunikationsweisen und bestehenden Machtgefällen beeinflusst wird. Um die Perspektive von Kindern tatsächlich ernst zu nehmen, ist daher eine kontinuierlich reflexive Haltung der Forschenden unverzichtbar (Reppin 2021). Damit stellt sich unmittelbar die Frage, wie Kinder sich überhaupt ausdrücken können und ob bestehende Methoden, diesen Ansprüchen gerecht werden können.

    Methodische Offenheit: Kinder sprechen nicht nur mit Worten

    Eine kindgerechte Forschung erfordert eine Erweiterung gängiger Methoden, da Kinder nicht, wie für Erwachsene üblich, zentral über die Sprache kommunizieren. Um Kindern die Möglichkeit zu bieten, wahrhaftig zu kommunizieren, bedarf es daher an vielfältigeren methodischen Zugängen, beispielsweise durch den Einsatz von kreativen Verfahren wie Zeichnungen, Bewegung, Fotografieren etc. (Nentwig-Gesemann 2024). Eine Forschung, die sich auf sprachdominante Methoden beschränkt, riskiert immer bestimmte Kinder (beispielsweise Schüchterne, weniger Wortgewandte) systematisch auszuschließen (Bollig/Kelle 2014). Wohingegen multimethodische Zugänge einen authentischen Einblick in kindliche Wahrnehmungen, die Anerkennung nonverbaler Ausdrucksformen und die Beteiligung jüngerer oder sprachlich unsicherer Kinder, ermöglichen. Zugleich macht diese methodische Offenheit deutlich, dass Forschung mit Kindern nie nur eine Frage der Methode ist, sondern vor allem eine der eigenen Haltung.

    Forschungsethik als Haltung

    Die Forschungsethik in der Zusammenarbeit mit Kindern, umfasst weit mehr als bloße standardisierte Einverständniserklärungen. Sie umfasst eine innere Haltung der Forschenden, die Kinder ernst nimmt, schützt und nicht überfordert. Kinder müssen in allen Forschungsabläufen altersgerecht informiert, geschützt und ebenso in ihrem Rückzugsrecht gestärkt werden. Dies bedeutet auch, dass nonverbale Ausdrucksformen wie Schweigen, Ausweichen von bestimmten Fragen oder abweisende Körpersprache ernst zu nehmen und nicht als Datenlücke zu werten sind, denn auch dies sind bedeutungsvolle Formen der Mitteilung (Wöhrer et al. 2018).

    Eine forschungsethische Haltung bedeutet des Weiteren, Machtverhältnisse sichtbar zu machen und sich dabei der eigenen Position als Forscher*in bewusst zu sein (Reppin 2021). Statt vorschneller Interpretation oder Bewertung braucht es hier die Bereitschaft dafür, kindliche Äußerungen verstehen zu wollen und sich auf einen unvorhersehbaren, Prozess des Miteinanders einzulassen (Mey 2013; Wöhrer et al. 2018). Nur so können Kinder wirklich aktiv in Forschungsprozesse einbezogen werden und das nicht lediglich als Datenlieferant*innen, sondern als eigenständige, handelnde Subjekte. Nur so entsteht ein Verständnis von Kindheit, das sowohl wissenschaftlich tragfähig als auch sozial verantwortungsvoll ist.

    Der 17. Kinder- und Jugendbericht verdeutlicht, warum kindliche Perspektiven unverzichtbar sind. Kindheit neu zu denken beginnt damit, Kinder nicht nur als Gegenstand von Forschung zu betrachten, sondern ihnen zuzuhören und ihre Sichtweisen ernst zu nehmen – eine Aufgabe, die Wissenschaft, Pädagogik und Gesellschaft gleichermaßen betrifft.

    Literatur

    Betz, Tanja/Eßer, Florian (2016): Kinder als Akteure – Forschungsbezogene Implikationen des erfolgreichen Agency-Konzepts. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 11, H. 3, S. 241–255.

    Bollig, Sabine/Kelle, Helga (2014): Kinder als Akteure oder als Partizipanden von Praktiken? Zu den Herausforderungen für eine akteurszentrierte Kindheitssoziologie durch Praxistheorien. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 34, H. 3, S. 263–279.

    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (1998): 10. Kinder- und Jugendbericht. Bundestags-Drucksache 13/11368. Bonn. https://www.dji.de/veroeffentlichungen/literatursuche/detailansicht/literatur/12719-10-kinder-und-jugendbericht.html (Abfrage: 08.07.2026).

    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht – Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Berlin. www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/17-kinder-und-jugendbericht-244628 (Abfrage: 07.07.2026).

    Heinzel, Friederike/Kränzl-Nagl, Renate/Mierendorff, Johanna (2012): Sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung – Annäherungen an einen komplexen Forschungsbereich. In: Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik 11, H. 1, S. 9–37.

    Himmelbach, Nicole (2013): Kindheit, Jugend und sozialer Wandel: Gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen für die internationale Kindheits- und Jugendforschung. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung / Discourse. Journal of Childhood and Adolescence Research 8, H. 2, S. 237–241.

    Mey, Günter (2013): „Aus der Perspektive der Kinder“: Ansprüche und Herausforderungen einer programmatischen Konzeption in der Kindheitsforschung. In: Psychologie und Gesellschaftskritik 37, H. 3/4, S. 53–71.

    Nentwig-Gesemann, Iris (2024): Herausforderungen und Methoden der Erforschung von Kinderperspektiven im Rahmen der Kindheitsforschung. In: Schierbaum, Anja/Diederichs, Meike/Schierbaum, Kathrin (Hrsg.): Kind(er) und Kindheit(en) im Blick der Forschung. Kinder, Kindheiten und Kindheitsforschung, Bd. 30. Wiesbaden: Springer VS, S. 225–242.

    Reppin, Jessica (2021): Ankerpunkte, Wegmarken und Herausforderungen einer ethischen Forschung mit Kindern. In: Hedderich, Ingeborg/Reppin, Jessica/Butschi, Corina (Hrsg.): Perspektiven auf Vielfalt in der frühen Kindheit. Mit Kindern Diversität erforschen. 2., durchgesehene Auflage. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt, S. 120–141.

    Ritz, Manuela (2012): Kindsein ist kein Kinderspiel. Adultismus – (un)bekanntes Phänomen. In: Wiener Netzwerk gegen sexuelle Gewalt an Mädchen, Buben und Jugendlichen (Hrsg.): Dokumentation der Fachtagung 2012: Sexuelle Grenzverletzungen unter Kindern – Herausforderungen für die Praxis. www.wienernetzwerk.at/dokumente/Netzwerk_Tagungsdokumentation_2012.pdf (Abfrage: 07.07.2026).

    Wöhrer, Veronika/Wintersteller, Teresa/Schneider, Karin/Harrasser, Doris/Arztmann, Doris (2018): Praxishandbuch Sozialwissenschaftliches Forschen mit Kindern und Jugendlichen. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

  • Hauptsache billig! – Fast Fashion und was junge Menschen wirklich wollen

    Thea Niemeyer, Anna Welterlich und Esther Muik

    Fotos: Esther Muik

    Alltägliche Entscheidung mit globaler Wirkung

    Die Entwicklung geschlechtlicher Identität ist ein wichtiger Teil der Identitätsfindung im Kindes- und Jugendalter. Diversitätsreflexive Angebote in der Kinder- und Jugendhilfe sind notwendig, um die Teilhabe aller junger Menschen unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung zu ermöglichen. Geschlechtliche Vielfalt muss nicht nur rechtlich, sondern auch kulturell und institutionell anerkannt werden (vgl. ebd., S. .Samstagvormittag in der Innenstadt. Mia und ihre Freundin Sara sind 16 Jahre alt und schlendern durch die Stadt an den einzelnen Schaufenstern vorbei. Als Mia vor einem Modegeschäft stehen bleibt und Tops für 5 Euro sieht, kommt ihr sofort der Gedanke „Das muss ich haben“ in den Kopf. Nach kurzer Zeit in der Umkleidekabine verlassen die beiden Freundinnen den Laden mit einer vollen Tüte Kleidungsstücke, die zu Hause direkt in den Schrank zu den anderen Dutzenden Shirts gehängt werden, die seit Monaten nicht mehr getragen werden. Was Mia dabei aber nicht bedacht hat ist: Woher kommen die Kleidungsstücke? Wer hat das genäht? Unter welchen Bedingungen wurde diese produziert?

    Was sagt der Kinder- und Jugendbericht du diesem Thema?

    Zwischen Nachhaltigkeit und Modekonsum: Was (nicht) im 17. Kinder- und Jugendbericht steht

    Der 17. Kinder- und Jugendbericht, veröffentlicht im September 2024, befasst sich mit der Lage junger Menschen unter dem Leitgedanken „Zuversicht braucht Vertrauen“. Die Verfasser*innen analysieren, wie Kinder und Jugendliche in einer Welt geprägt von Krisen, Unsicherheiten und komplexen Zukunftsfragen aufwachen.

    Ein zentrales Thema im Bericht ist die Klimagerechtigkeit. Dabei wird betont, dass junge Menschen besonders stark vom Klimawandel betroffen sind. Durch im Bericht formulierte Richtlinien wird gefordert, dass die Kinder- und Jugendhilfe klimagerecht handeln muss.

    „[…] Kinder- und Jugendhilfe repräsentiert sich demnach dadurch, […] dass sie klimagerecht ist“

    (BMFSFJ 2024, S. 44)

    Nachhaltigkeit soll dabei nicht als Einzelthema betrachtet werden, sondern als Querschnittsaufgabe in allen pädagogischen Feldern.

    In unserem Blogeintrag wollen wir konkret auf das Thema Fast Fashion und Recycling aufmerksam machen, denn in einer Zeit, in der soziale Medien unseren Alltag prägen, ist das Bedürfnis dazuzugehören größer denn je.

    Kleidung ist dabei mehr als nur praktisch, sie wird zum Ausdruck von Identität und Zugehörigkeit. Besonders unter Jugendlichen gewinnt Mode immer mehr an Bedeutung, da sich Trends über Plattformen wie Instagram, TikTok und Co. rasant verbreiten. Wer mithalten möchte, ist schon fast gezwungen, regelmäßig Neues zu kaufen.

    Genau hier fängt das Problem an: Fast Fashion bedient diesen Druck mit billig und schnell produzierten Kleidungsstücken, die kaum getragen und umso schneller entsorgt werden.

    Der 17. Kinder und Jugendbericht spricht zwar ausführlich über ökologische Herausforderungen (vgl. BMFSFJ 2024, S.100 ff und 282 ff.), aber das Thema Konsumverhalten, insbesondere Fast Fashion, wird kaum konkret behandelt. Dabei ist genau das ein Thema, mit dem junge Menschen tagtäglich in Berührung kommen, angefangen von Werbung auf Social Media, günstige Kleidung bei bekannten Marken und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit durch Kleidung. Ihr Konsumverhalten, so meinen wir, ist aber zugleich mit schlechtem Gewissen wegen der damit verbundenen Umweltauswirkungen und Ausbeutung geprägt.

    Diese Diskrepanz zwischen dem realen Konsumalltag Jugendlicher und der politischen Verantwortung für nachhaltige Entwicklungsprozesse stellt aus unserer Sicht eine Lücke im Bericht dar. Fast Fashion ist nicht nur ein Umweltthema, sondern aus unserer Perspektive auch ein pädagogisches, denn es berührt Fragen von Identität, Gruppenzugehörigkeit und Selbstwirksamkeit.

    Studien zum ThemaFast Fashion bei jungen Erwachsene

    Die Modewelt dreht sich immer schneller, besonders für Jugendliche. Kleidung ist günstig, leicht verfügbar und überall präsent. Was sagen Studien zu dem Konsumverhalten von Jugendlichen?

    Mehr Geld, mehr Kleidung- aber zu welchem Preis?

    6- bis 13-Jährige haben mehr Geld für Kleidung zur Verfügung als früher. Durchschnittlich 49 Euro bekommen sie jeden Monat, aus dem monatlichen Taschengeld und Geldgeschenken zu Weihnachten oder Geburtstagen. Allein die Modekette H&M hat einen monatlichen Umsatz von etwa 1,7 Milliarden Euro im Jahr 2024. Etwa 60% der Jugendlichen geben ihr Geld am liebsten für Kleidung aus, wobei das Motto meistens zu lauten scheint: Viele Teile für wenig Geld. Diese Einkäufe entstehen, anders als bei Erwachsenen, oft aus emotionalen Impulsen (Kammerer, o.D).

    Es fällt auch auf, dass die Jugend häufiger Produkte kauft, wenn sogenannte Influencer bereits dafür geworben haben. In diesem Fall spielen vor allem die Qualität, aber auch der Preis, nur eine untergeordnete Roll (Kammerer, o.D.).

    Laut Greenpeace (2015) ist das Bewusstsein über die sozialen und ökonomischen Missstände in der Textilproduktion vorhanden, wie über schlechte Arbeitsbedingungen, den Einsatz von gefährlichen Chemikalien und die Entstehung von Umweltproblemen aufgrund der Textilproduktion.  Aber es fehlt das Detailwissen, denn nur 3 bis 6 Prozent der Jugendlichen kennen grüne Labels (Abbildung 1).

    Abbildung 1: Worauf wird beim Kauf geachtet und wo wird überhaupt gekauft? (Greenpeace e. V. 2015, o.S.; eigene Darstellung).

    Jugendliche achten hauptsächlich auf zwei Faktoren: erstens auf das Design des Kleidungsstücks (81%) und andererseits auf den Preis (49%). Dahingegen wird kaum auf z.B. das Textilsiegel oder die Produktionsbedingungen geachtet.

    Gekauft wird überwiegend bei bekannten Modeketten, wie H&M, New Yorker oder Primark; heutzutage immer öfter bei Amazon, Zalando und Co. Aber wer nutzt nachhaltigere Alternativen? 13% der Jugendlichen nutzen Second-Hand Läden gelegentlich oder regelmäßig, 6% nutzen Upcycling-Kleidung und nur 5% erwerben eher vegane Mode (Greenpeace 2015).

    Und woher kommt es, dass nur wenige nachhaltige Mode nutzen? Laut Greenpeace hat Fair-Fashion ein Image Problem: Viele denken, dass faire Mode zu teuer, nicht schön und schwer zu finden sei. Außerdem schreckt es 68% ab, bereits von anderen Menschen getragene Kleidung, selbst zu tragen.

    Was passiert mit alter Kleidung?

    Wenn ein Kleidungsstück nicht mehr gefällt oder passt, landet es bei Jugendlichen zu 71% in Altkleidersammlungen. Etwa ein Drittel der Befragten verkauft es online weiter. Für sogar jeden Fünften ist alte Kleidung schlicht Müll (Greenpeace 2015).

    Forderungen

    Schluss mit der Wegwerf-Mentalität ist die Kernaussage von Greenpeace. Es sollte mehr Aufklärungsangebote für junge Menschen geben, wo gelernt wird, dass Leihen, Tauschen und Weitergeben besser und nachhaltiger sind, als immer nur neue Kleidung zu kaufen. Damit wird sogar Geld gespart.

    Fast Fashion trifft auf die Kinder- und Jugendhilfe (KJH)

    Fast Fashion, Klimakrise & Verantwortung: Was kann Jugendhilfe leisten- und was nicht?

    Die Klimakrise ist für Kinder und Jugendliche schon längst keine abstrakte Zukunftsbedrohung mehr, sondern spürbare Realität. Hitze, Naturkatastrophen und vor allem Angst vor dem Zukunftsverlust, all das betrifft Kinder und Jugendliche. Viele reagieren mit politischem Engagement, Protest und Forderungen nach konsequentem Handeln für mehr Klimagerechtigkeit (BMFSFJ 2024, S. 80). Diese Entwicklung fordert auch die Kinder- und Jugendhilfe heraus, denn sie soll junge Menschen stärken, begleiten und befähigen, sich in dieser komplexen Welt zurechtzufinden.

    Der Kinder- und Jugendbericht stellt dennoch klar, dass:

    „Obwohl die Kinder- und Jugendhilfe grundsätzlich für alle jungen Menschen und deren Familien zuständig ist, ist sie nicht für die Lösung aller gesellschaftlichen Probleme verantwortlich.“

    (BMFSFJ 2024, S. 77)

    Sozialarbeiter*innen und Pädagog*innen z.B. in Kinder- und Jugendzentren leisten wichtige Arbeit, aber sie sind nicht das Reparaturwerkzeug für eine Gesellschaft, die an vielen Stellen, wie beispielsweise beim Thema Klimagerechtigkeit, versagt.

    Trotzdem kann Kinder- und Jugendhilfe ein Ort sein, an dem junge Menschen lernen, wie sie selbst etwas ändern können. Sie kann Bildungsangebote schaffen, Räume eröffnen und Gespräche zu weltbewegenden Fragen eröffnen. Gerade wenn sich das Thema Fast Fashion anschaut wird, ist das wichtig, denn junge Menschen stehen unter ständigem Druck, mit Trends mitzuhalten. Dabei ist vielen nicht klar, was hinter diesen Kleidungsstücken steckt: Ausbeutung, Umweltzerstörung und Wegwerfmentalität. Genau hier kann Kinder- und Jugendhilfe ansetzen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit echten, kreativen Alternativen wie Upcycling, Kleidertausch und kritischen Diskussionen.

    Damit Kinder- und Jugendhilfe diese Themen wirksam aufgreifen kann, braucht es auch strukturelle Unterstützung, im Sinne von mehr Personal, mehr Räume und mehr Zeit (BMFSFJ 2024, S. 77). Es braucht auch politische Anerkennung dafür, dass Kinder- und Jugendhilfe mehr leistet als Freizeitgestaltung, denn sie bietet wichtige Bildungs- und Beteiligungsräume für Kinder und Jugendliche.

    Aber: Hier muss man auch ehrlich sein: Denn Kinder- und Jugendhilfe kann zwar wichtige Impulse setzen, stößt aber auch an Grenzen. Nicht jede Fachkraft hat das Wissen, Material oder die zeitlichen Ressourcen, um tief in die konsumkritische oder umweltpädagogische Arbeit einzusteigen. Viele Einrichtungen sind unterfinanziert, Personal überlastet und Projekte zu Kleidung und Klima gelten oft als „nice to have“ und nicht als bildungspolitische Notwendigkeit.

    Zudem bleibt offen, wie nachhaltig solche Angebote wirken, wenn die Rahmenbedingungen, wie beispielsweise Werbung oder politische Regulierung, unangetastet bleiben. Zwar können auch kleine Projekte Denkanstöße geben, in dem sie Raum für kritische Nachfragen schaffen. Aber diese Bildungsarbeit darf nicht zur Ausrede dafür werden, politische Verantwortung weiter auf Einrichtungen und Fachkräfte abzuwälzen.

    Wir denken: Die Kinder- und Jugendhilfe kann Teil der Lösung sein, aber sie darf nicht zum Lückenfüller für gesellschaftliches Versagen gemacht werden.

    Bei all dem darf nicht vergessen werden, dass die Kinder- und Jugendhilfe Teil der Lösung, aber nicht die ganze Lösung ist.

    Konsequenzen für die Pädagogik: Haltung zeigen, Handlung ermöglichen

    Fast Fashion hat weiterreichende Konsequenzen für die Pädagogik, besonders im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung, der Wertebildung und der Konsumkompetenz junger Menschen. Zunächst werden durch Fast Fashion die Bildungsrechte von Kindern in Produktionsländern stark verletzt. Häufig arbeiten Kinder in Textilfabriken, um ihre Familien zu unterstützen, wodurch ihnen der Schulbesuch verwehrt wird. Dadurch wird das Recht auf Bildung verletzt und der Kreislauf der Armut zementiert (Humanium 2023). Pädagogisch stellt dies eine Herausforderung dar, da es eine Auseinandersetzung mit globaler Gerechtigkeit und Kinderrechten beispielsweise im Unterricht erfordert.

    Werden die westlichen Länder betrachtet, wird deutlich, dass Fast Fashion besonders das Konsumverhalten junger Menschen tiefgehend beeinflusst. Kleidung wird oftmals nur wenige Male getragen und dann entsorgt. Laut einer Analyse des Bundesumweltamts tragen Konsument*innen ein Kleidungsstück im Durchschnitt nur 1,7-mal, bevor es aussortiert wird (Umweltbundesamt 2022). Diese Wegwerfmentalität erschwert es, ein Bewusstsein für Ressourcenschonung und nachhaltigen Konsum zu entwickeln. Daraus entsteht eine zentrale pädagogische Aufgabe: die Förderung kritischer Konsumkompetenz und die Reflexion eigener Verhaltensmuster.

    Fast Fashion kann auch zu psychologisch problematischen Verhalten führen. Studien ergaben, dass der Kauf von günstiger Kleidung kurzfristig zu Glücksgefühlen (Dopaminausschüttung) führt, auf die Reue folgt, ein Verhalten das süchtig machen kann (Buhl 2022). Diese Aspekte sind für die pädagogische Arbeit insofern bedeutsam, als Pädagogik einen achtsamen Umgang mit Konsum sowie mit der psychischen Gesundheit fördern sollte.

    Im Kontext der Bildung für nachhaltige Entwicklung zeigt sich eine Auffälligkeit, denn viele Jugendliche zeigen ein starkes Umweltbewusstsein, sie handeln aber dennoch nicht entsprechend. Dieses Phänomen wird als Attitude-Behavior-Gap bezeichnet (Kruse 2025). Für die Pädagogik bedeutet dies, dass Lernangebote nicht nur Wissen vermitteln sollten, sondern auch Handlungskompetenz und Selbstwirksamkeitserfahrungen beinhalten müssen. Dabei sollen Projekte wie Kleidertauschbörsen oder Repair-Cafés praxisnahe Zugänge schaffen (Jugendhilfeportal 2023).

    Hinsichtlich der ethischen Aspekte bietet das Thema Fast Fashion Anlass zur Auseinandersetzung mit verschiedenen Fragen wie: „Wer leidet unter unserem Konsum?“ oder „Wie fair ist die globale Modeproduktion?“ Diese Themen können als Anknüpfstelle im Gespräch im Jugendzentrum oder auch Unterricht dienen und fördern die moralische Urteilsbildung (Reinhold 2016).

    Fast Fashion ist nicht nur ein ökologisches oder wirtschaftliches Problem, sondern auch eine pädagogische Herausforderung. Schulen und weitere Bildungseinrichtungen sind gefordert, durch kritische Auseinandersetzung und reflektierende Lernformen ein Bewusstsein für nachhaltigen Konsum zu fördern und somit einen Beitrag zur Gestaltung einer gerechteren und nachhaltigeren Zukunft zu leisten.

    Aktion: Upcycling im Klecks

    Fotos: Esther Muik

    Ein konkretes Beispiel, wie die Kinder- und Jugendhilfe das Thema Fast Fashion aufgreifen kann, ist ein Projekt, das wir im Jugendzentrum Klecks in Sarstedt durchgeführt haben. Unter dem Titel „Hauptsache billig!? Fast Fashion und was junge Menschen wirklich wollen“, entwickelten wir einen Workshop für Kinder ab 10 Jahren. Geplant wurde die Aktion rund einen Monat im Voraus, in enger Absprache mit den Fachkräften vor Ort.

    Beworben wurde es über Flyer und über das Sommerpass-Programm des Jugendzentrums, sodass eine breite Zielgruppe angesprochen werden konnte. Die Altersgruppe ab 10 erwies sich als sinnvoll, da Kinder in diesem Alter meist bereits ein Smartphone besitzen und teilweise schon erste Erfahrungen mit sozialen Medien sammeln. Sie begegnen dort tagtäglich Werbeanzeigen und Influencer*innen, die Konsumtrends vermitteln. Dies ist ein Grund mehr, frühzeitig kritische Reflexion über Fast Fashion zu vermitteln. Obwohl ursprünglich mit etwa zehn Teilnehmenden gerechnet wurde, nahmen am Ende drei Mädchen teil. Diese kleine Gruppe erwies sich jedoch als Vorteil, da sie eine intensive Betreuung und mehr Raum für individuelle Kreativität ermöglichte. Zu Beginn erhielten die Kinder einen kurzen Impuls über Fast Fashion, zu ökologischen Folgen der Textilindustrie bis hin zu den Arbeitsbedingungen in Herstellungsländern. Anschließend stand die praktische Arbeit im Mittelpunkt. Alte T-Shirts wurden zu Jutebeuteln umgestaltet, andere Kleidungsstücke durch das Anbringen von Ösen kreativ aufgewertet. Wichtig war uns dabei, auf Materialien zurückzugreifen, die zuhause vorgefunden werden können.

    Auch wenn die Teilnehmendenzahl hinter den Erwartungen zurückblieb, war die Aktion ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich gesellschaftlich relevante Thema mit kreativen Methoden für Kinder und Jugendliche erschließen lassen. Auf diese Weise entstand ein niederschwelliges Bildungsangebot, das Wissen, Handlungsmöglichkeiten und Spaß miteinander verband. Rückblickend hätten wir uns zwar gewünscht, dass mehr Kinder und Jugendliche den Weg in den Workshop gefunden hätten. Gleichzeitig waren wir froh zu erleben, dass sowohl das Kinder- und Jugendzentrum selbst als auch die Teilnehmenden Mädchen echtes Interesse am Thema entwickelt haben. Dieses Interesse bildet eine wertvolle Grundlage, an die in Zukunft angeknüpft werden sollte, etwa durch weitere Projekte, die Nachhaltigkeit, Konsumkritik und Spaß miteinander verbinden. Ein besonderer Dank gilt dem Kinder- und Jugendzentrum Klecks, das uns bei der Planung und Umsetzung tatkräftig unterstützt hat. Durch diese Kooperation wurde sichtbar, wie lokale Einrichtungen einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, Kinder und Jugendliche frühzeitig für gesellschaftliche Fragen wie Konsum und Nachhaltigkeit zu sensibilisieren.

    Call to action

    Foto: Esther Muik

    Jetzt bist du dran – dein Konsum, deine Entscheidung und deinen Beitrag zu Veränderung.

    Fast Fashion ist mehr als nur ein Trend. Sie steht sinnbildlich für unser Konsumverhalten, das häufig auf Schnelligkeit, Masse und niedrige Preise ausgerichtet ist. Doch wir alle haben die Möglichkeit, etwas zu verändern, nachhaltiger zu handeln, bedeutet, nicht perfekt zu sein, sondern bewusster Entscheidungen zu treffen.

    Schon von klein auf kannst du Entscheidungen treffen, indem du dir beim nächsten Einkauf überlegst, ob du das neue T-Shirt wirklich brauchst. Schau vorher vielleicht, ob du in deinem Kleiderschrank etwas umgestalten, reparieren oder weitergeben kannst. Projekte, Kleidertauschpartys oder Secondhandshop sind einfache Wege, mit Mode nachhaltig umzugehen und dabei noch kreativ zu werden. Aber auch über den eigenen Kleiderschrank hinaus kann etwas bewegt werden. Sprich mit deinen Freund*innen über das Thema oder informiere dich über nachhaltige Angebote in deiner Nähe. Jede Aktion, jeder kleine Schritt trägt zur positiven Entwicklung bei. Die Kinder- und Jugendhilfe und die Politik können Impulse geben. Wandel wird erst möglich, wenn junge Menschen selbst aktiv werden und Verantwortung tragen.

    Also: Mach mit, denk um und setze Zeichen für faire Mode und nachhaltiges Handeln. Die Zukunft fängt bei uns an.

    Fazit

    Fast Fashion spielt im Alltag vieler Kinder und Jugendlicher eine große Rolle, da aktuelle Trends, Soziale Medien und immer günstigere Preise zu einem schnellen und oft unreflektierten Konsumverhalten verleiten. Gleichzeitig zeigt sich, dass viele Jugendliche zwar ein grundsätzliches Bewusstsein für Nachhaltigkeit besitzen, dies aber selten konsequent umgesetzt wird (Attitude-Behavior-Gap). Auch im 17. Kinder- und Jugendbericht wird diese Lücke im Handeln kaum thematisiert, obwohl sie für Kinder und Jugendliche unmittelbar relevant ist.

    Es wird deutlich, dass Kinder und Jugendliche vor allem auf den Preis und das Design achten. Viele nachhaltigere Alternativen werden aufgrund von Imageproblemen oder Unwissenheit gemieden. Die Kinder- und Jugendhilfe kann hier wichtige Impulse geben und Bewusstsein fördern, auch wenn sie strukturelle Probleme nicht allein lösen kann. Das Upcycling Projekt im Kinder- und Jugendzentrum Klecks hat gezeigt, dass niedrigschwellige, praktische Ansätze Kinder und Jugendliche motivieren können, ihr Konsumverhalten zu hinterfragen.

    Literatur

    Buhl, Gina (2022): Die Folgen der Billigmode – So wirkt sich Fast Fashion auf unsere Psyche aus. https://www.srf.ch/wissen/mensch/die-folgen-der-billigmode-so-wirkt-sich-fast-fashion-auf-unsere-psyche-aus (Abfrage 22.04.2026).

    Greenpeace e.V. (27.03.2015): Saubere Mode hat´s schwer. Repräsentative Greenpeace-Umfrage beleuchtet Modekonsum von Jugendlichen. Abrufbar unter: https://www.greenpeace.de/publikationen/mode-unter-jugendlichen-greenpeace-umfrage_zusammenfassung_1.pdf (Abfrage 22.04.2026).

    Humanium. (2023): Die schädlichen Auswirkungen von Fast Fashion auf Kinderrechte. https://www.humanium.org/de/die-schaedlichen-auswirkungen-von-fast-fashion-auf-kinderrechte/ (Abfrage 22.04.2026).

    Jugendhilfeportal (2023): Wie können Jugendliche zu nachhaltigem Konsumverhalten befähigt werden? https://jugendhilfeportal.de/artikel/wie-koennen-jugendliche-zu-nachhaltigem-konsumverhalten-befaehigt-werden(Abfrage 22.04.2026).

    Kammerer, C. (o.D.): Fast Fashion- Konsumverhalten Jugendlicher. https://www.lernando.de/magazin/555/Fast-Fashion-Konsumverhalten-Jugendlicher?srsltid=AfmBOopZkIQ9bhV402wJPJELbsfUjdzUF72dBHPyHAhaIGZBQH57giAg (Abfrage 10.07.2025).

    Kruse, Hauke (2025): Nachhaltiger Lebensmittelkonsum – Erklärungsansätze für den Attitude-Behavior-Gap von Studierenden in Norddeutschland. In: Standort 49, S. 3–12. https://doi.org/10.1007/s00548-024-00928-8

    Reinhold, Katharina (2016): Fashion Society – Mode trifft Moral. https://www.bpb.de/lernen/kulturelle-bildung/223869/fashion-society-mode-trifft-moral/ (Abfrage 22.04.2026).

    Umweltbundesamt (2022): Fast Fashion: Ein Problem für Mensch und Umwelt. https://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/produkte/fast-fashion-ein-problem-fuer-mensch-umwelt (Abfrage 22.04.2026).

  • „Ich darf nicht mal selbst entscheiden, wann ich schlafen gehe!“ – Partizipation im Alltag stationärer Jugendhilfe

    „Ich darf nicht mal selbst entscheiden, wann ich schlafen gehe!“ – Partizipation im Alltag stationärer Jugendhilfe

    WAS HEISST EIGENTLICH MITBESTIMMEN?

    Lilli Mählstädt

    „Ich darf nicht mal selbst entscheiden, wann ich schlafen gehe.“

    Der Satz kam leise – fast beiläufig. Gesagt wurde er von einem Jugendlichen während eines Gruppenabends in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung. Und doch blieb er hängen. Nicht, weil es um Schlafenszeiten ging. Sondern weil dieser Satz eine größere Frage aufwarf: Wie erleben junge Menschen Partizipation in einem Alltag, der von Struktur, Schutz und Vorgaben geprägt ist?
    Und: Welche Rolle spielen pädagogische Fachkräfte, wenn es um echte Mitbestimmung geht?

    Demokratiebildung beginnt im Nahraum

    Der 17. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (BMFSFJ 2024) macht deutlich:

    Demokratiebildung ist mehr als politische Bildung. Sie ist ein sozialpädagogischer Auftrag – und beginnt dort, wo junge Menschen Erfahrungen mit Teilhabe, Mitbestimmung und Verantwortung machen: im Alltag.

    Gerade die stationäre Kinder- und Jugendhilfe wird dabei als zentraler Bildungsraum benannt: Hier treffen junge Menschen auf professionelle Bezugspersonen, strukturierte Tagesabläufe – aber auch auf Regelwerke, institutionelle Grenzen und Hierarchien. Wie viel Mitbestimmung ist hier möglich? Und: Wie viel ist pädagogisch gewollt?

    Einblick ins Projekt: Haltung statt Handlungsanleitung

    Im Rahmen meines Studienprojekts habe ich ein Reflexionsformat mit pädagogischen Fachkräften entwickelt und durchgeführt.

    Ziel
    👉 Haltung zur Partizipation im Heimalltag reflektieren
    👉Spannungsfelder (Schutz vs. Mitbestimmung) sichtbar machen
    👉 Handlungsspielräume identifizieren und erweitern

    Umsetzung
    In einem Workshop arbeiteten wir mit folgenden Bausteinen:
    📌 Alltagsbeispiel: u. a. Schlafenszeiten, Handynutzung, Essensregeln
    📌 Reflexionsfragen: Was dürfen Jugendliche mitbestimmen? Was nicht? Warum?
    📌 Methoden: Rollenspiele, Dilemma-Karten, Perspektivwechsel
    📌 Ziel: Austausch auf Augenhöhe – nicht über Rezepte, sondern über Haltungen

    Stimmen aus dem Projekt

    Eigentlich finde ich Beteiligung total wichtig – aber manchmal fehlt einfach die Zeit, es gut zu machen
    (Teilnehmerin, Erzieherin)

    „Ich merke, dass ich oft entscheide, ohne das als Machtakt zu sehen. Also für die Jugendlichen fühlt es sich so an“
    (Teilnehmer Sozialpädagoge)

    Diese Stimmen zeigen: Es gibt ein Bewusstsein für Beteiligung, aber auch viele Ambivalenzen. Das Spannungsfeld zwischen Verantwortung, Gruppendynamik und institutionellen Anforderungen ist spürbar – und fordert eine kontinuierliche Auseinandersetzung.

    Mitbestimmung ist kein Tool, sondern eine Haltung

    Mitbestimmung wird nicht an Regeln festgemacht – sondern an Beziehungen. Dort, wo Jugendliche sich gehört, gesehen und ernst genommen fühlen, entsteht Teilhabe – selbst wenn nicht alles zur Diskussion steht.

    Der 17. Kinder- und Jugendbericht betont:
    „Kinder und Jugendliche müssen Demokratie als Lebensform erleben – nicht nur als Unterrichtsgegenstand.“
    (BMFSFJ 2024)

    Das gelingt nur, wenn Fachkräfte bereit sind, ihre eigene Haltung zur Beteiligung zu reflektieren. Und wenn sie den Mut haben, Räume zu öffnen, in denen Jugendliche mitentscheiden dürfen – und manchmal auch Widerspruch erleben dürfen.

    👉 Redet mit Jugendlichen über Regeln, nicht nur über Regelbrüche
    👉 Fragt euch öfter: „Muss ich das wirklich alleine entscheiden?“
    👉 Schafft Alltagssituationen, in denen Mitbestimmung nicht nur „erlaubt“, sondern gewohnt wird

    Denn echte Demokratie beginnt dort, wo sie im Alltag eingeübt werden kann. Jeden Tag. Mit jedem Gespräch. Mit jeder Entscheidung.

    Literatur

    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht – Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Berlin. www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/17-kinder-und-jugendbericht-244628 (Abfrage: 07.07.2026).

  • Jungsein auf dem Land

    Jungsein auf dem Land

    Dorfkind und stolz drauf?

    Johanna Olek

    Auch für Jugendliche hält das Landleben einige prägende Erfahrungen und Möglichkeiten bereit. Schaut man auf die Homepages verschiedener Ortschaften, so sind handelt es sich bei den Freizeitangeboten meist Sportvereine, Musikvereine und freiwillige Feuerwehren, in denen sich sowohl Kinder als auch Jugendliche engagieren können. Dies lässt sich am Beispiel des Musikverein Borsum zeigen, dessen Jugendgruppe ca. 30 Kinder umfasst und dessen Hauptorchester zu ca. 60% aus Jugendlichen besteht – an Nachwuchsprobleme ist hier also nicht zu denken, denn der Verein ist fest in der Dorfgemeinschaft verankert. Je älter die Kinder und Jugendlichen werden, desto öfter bekommen sie auch die Herausforderungen vom Leben auf dem Land mit. Ein großes Thema ist das Fehlen von Treffpunkten (vgl. Berlin- Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Wüstenrot Stiftung (HRSG) 2023: 5). Dazu ein Beispiel aus meinem Heimatdorf: Der alte Bolzplatz wurde für ein Neubaugebiet abgerissen, eine Alternative gibt es bis heute nicht. Für viele junge Menschen heißt dies – kein Ort zum Abhängen, kein Platz für Gemeinschaft. Mit zunehmender Selbstständigkeit ist auch das Thema Mobilität für die Jugendlichen auf dem Land eher ein Problem, denn je nach Lage und Größe der Ortschaft variieren die öffentlichen Nahverkehrsangebote stark. Hier weist der Kinder- und Jugendbericht auf die Studie ,,Jugend im Blick –Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen“ von Beierle, Tillmann und Reißig aus dem Jahr 2016 hin, welche sich ebenfalls mit diesem Thema befasst (vgl. Tillmann/Reißig 2016). Die meisten Dörfer haben inzwischen eine Busverbindung, dessen Fahrten von einmal täglich bis stündlich reichen – je nach Dorfgröße und Lage. Beim Bahnverkehr sieht es anders aus. Viele Dörfer haben keine Bahnverbindung. Durch diese eher dürftige Infrastruktur des ÖPNV muss oft das Elterntaxi zum Einsatz kommen – Selbstständigkeit? Fehlanzeige.

    Grundlegendes zum 17. Kinder- und Jugendbericht

    • gesetzliche Grundlage: §84 SGB VIII
    • erscheint im Vier-Jahres-Rhythmus
    • erstellt von wechselnder, unabhängiger
      Sachverständigenkommission
    • im Mittelpunkt stehen Spannungsverhältnisse zwischen Lebens- und Problemlagen von Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und allen Institutionen, die mit ihnen arbeiten
    • soll Bestandsaufnahme bieten, die aktuelle Lage bewerten und Empfehlungen für Weiterentwicklungen geben
    • Themenschwerpunkt legt Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) fest
    • BMBFSFJ gibt Stellungnahme zu den Ergebnissen

    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Berlin.

    Daran anknüpfend beeinflusst das Vorhandensein von Berufsschulen, Ausbildungsbetrieben und Universitäten die Berufswahl von Jugendlichen auf dem Land nicht selten, so der 17. Kinder- und Jugendbericht. Oft wird ein Beruf gewählt, der in der Nähe des Heimatortes gelernt werden kann, denn wie gesagt, das Pendeln in eine andere Stadt, möglicherweise sogar die nächste Großstadt ist auf dem Dorf nicht einfach (vgl. Tillmann/Reißig 2016, 14f.). Auch im Bereich der digitalen Infrastruktur gibt es in ländlichen Regionen Nachholbedarf, dies zeigte die Corona Pandemie eindrücklich. Seinerzeit wurde das Homeschooling für Kinder- und Jugendliche auf dem Land zur Nervenprobe, denn die Internetverbindungen lassen in vielen Dörfern zu wünschen übrig (vgl. Roßmann 2020). So ist es nicht verwunderlich, dass Kinder- und Jugendliche vom Land sich einige Veränderungen wünschen. Dabei stechen vor allem folgende Wünsche hervor:

    ,,Jungsein auf dem Land“ in den Kinder- und Jugendberichten

    • bereits von früheren Kinder- und Jugendberichten untersucht
    • Kinder und Jugendliche auf dem Land gelten als wenig beforscht
    • die meisten Kinder und Jugendlichen sehen auf dem Land große Vorteile, vor allem in den Bereichen Sicherheit, Kriminalität, familiäre Nähe und Natur (Beierle et al. 2016)
    • auch für Jugendliche auf dem Land sind digitale Medien, Sport und Peeraktivitäten wichtige Freizeitbeschäftigung
    • Kinder und Jugendliche auf dem Land sehen sich deutlich im Bereich Berufliche- und Bildungsperspektiven benachteiligt – Grund: lange Fahrtwege zu den Ausbildungsstätten
    • auch auf fehlende Aufenthaltsorte wird hingewiesen, auf anderen öffentlichen Plätzen ist das Treffen von Gleichaltrigen von Erwachsenen oft ungewünscht
    • die zumeist negative Fremdwahrnehmung vom Landleben wirkt sich auf die Eigenwahrnehmung

    aus Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht, Berlin, S. 237 ff.

    Einer der ersten Wünsche die geäußert werden, ist der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der digitalen Infrastruktur, um Selbstständigkeit zu fördern und eine reibungslose Nutzung des Internets zu ermöglichen. Auch der Wunsch nach Treffpunkten – sei es ein neuer Bolzplatz, Bänke oder einfach ein Raum, wo sie willkommen sind, ist nachvollziehbar, denn Kinder können bis zum 12. Lebensjahr die Spielplätze und Schulhöfe nutzen, mit dem 13. Geburtstag jedoch ist es ihnen nicht mehr gestattet, sich auf diesen aufzuhalten. Auch ein Aufenthalt zum ,,chillen“ auf ansässigen Sportanlagen ist nicht gern gesehen. Anknüpfend daran entsteht die Forderung und der Wunsch, dieses Bedürfnis bei der Planung von Neubaugebieten oder ähnlichem zu beachten und erst einen neuen Aufenthaltsort zu schaffen, bevor man, wie in meinem Heimatdorf, den einzigen und sehr beliebten Aufenthaltsort für Jugendliche abreißt. Dennoch werden Kinder- und Jugendliche auf dem Land stärker beteiligt als jene in den Städten. Das stellt auch Günther Mey (2021) in seinem Bericht ,,Jugendliche in ländlichen Regionen – Jugendforschung in der Peripherie“ fest. Doch wie auch bei vielen anderen Themen, ist auch das der Partizipation von Region zu Region, von Dorf zu Dorf unterschiedlich.

    Als ich mit Erwachsenen über diese Wünsche und Herausforderungen gesprochen habe, so zeigten dieses Verständnis und teilten die Meinung der Jugendlichen. Zum Punkt der digitalen Infrastruktur haben sie die gleichen Wünsche, denn auch das Thema Home-Office ist in der Arbeitswelt seit Corona präsenter und durch die schlechten Internetanschlüsse sind auch sie bei ihrer Arbeit von zuhause eingeschränkt. Den Erwachsenen ist aufgefallen, dass es wenig geeignete Aufenthaltsorte für Jugendliche gibt. Sie halten einen Jugendraum für geeignet, denn dieser kann auch bei schlechtem Wetter und im Winter genutzt werden. Des Weiteren könnten die Jugendlichen das Gelände und die Räume mitgestalten, dazu wäre ein Projekt geeignet und auch eine Ideenabfrage wäre von Vorteil, schließlich sind es die Jugendlichen, die das Gebäude und Gelände nutzen und nicht die Erwachsenen. Diese Beteiligung ist nicht nur gesetzlich verankert, sondern auch gesellschaftlich gewünscht, denn was von Erwachsenen geplant wird, entspricht lange nicht den Bedarfen der Kinder und Jugendlichen. Trotz oder gerade wegen dieser Vielfalt an Möglichkeiten und Herausforderungen des Dorflebens können viele Menschen sagen: Ich bin ein Dorfkind und stolz drauf.

    Ein Projekt zum Thema „Jungsein auf dem Land“

    Um die Perspektiven des Aufwachsens und Lebens auf dem Land aus erster Hand zu erfahren, lud ich Freunde und Bekannte zu einem intergenerationalen Projekt ein. Dabei kamen Jugendliche, junge Erwachsene und Erwachsene aus meinem Heimatort Borsum zusammen, um sich über das Thema auszutauschen. Bevor es los ging, zeigten mir die Jugendlichen und jungen Erwachsenen Plätze und Orte in ihrem Dorf, die für sie eine besondere Bedeutung haben .

    • Der alte Kastanienbaum am Denkmal der Roßwindmühle – kein idealer Treffpunkt für Jugendliche, denn er liegt direkt zwischen den Häusern.
    • Lieber treffen sie sich am Bruchgraben – 3km vom Dorf entfernt, mitten in der Feldmarkt. Doch auch dieser Ort ist nicht ideal, denn dort gibt es keine Aufsicht oder schnelle Hilfe.
    • Die neuen, gepflegten Spielplätze bieten für Kinder eine großartige Möglichkeit, Freunde zu treffen und zu toben. Sie sind für Kinder bis 12 Jahre freigegeben.
    • Der Schulhof ist für jedes Alter freigegeben.
    • In weite Feren kann man schauen bis vor ein paar Jahren lag hier der beliebte Bolzplatz, doch für ein Neubaugebiet musst er weichen.

    Zu Beginn haben wir uns über die aktuelle Lage und Herausforderungen des Dorflebens im Allgemeinen unterhalten. Im Anschluss sind wir bei einem Brainstorming näher auf die Perspektiven der Kinder und Jugendlichen auf dem Land eingegangen. Dabei stellten wir fest, dass sich das Jung sein auf dem Land im Laufe der Jahre sehr gewandelt hat. Die Erwachsenen, die alle selbst auf dem Dorf aufgewachsen sind, erzählten, dass es zum Beispiel mehr spielende Kinder auf den Straßen gab, dafür aber fast keine Freizeitangebote. Später im Gespräch hatten die Jugendlichen die Gelegenheit, ihre Wünsche zu äußern, die dann mit den Erwachsenen reflektiert wurden. Dabei stießen die Jugendlichen auf Zustimmung, denn Wünsche wie Aufenthaltsorte oder mehr Sitzgelegenheiten teilen die Erwachsenen. Des Weiteren kamen wir auf das Neubaugebiet in meinem Heimatdorf zu sprechen. Wir unterhielten uns über mögliche Planungen und Wünsche. Eine Frage blieb offen – was für Angebote oder Aufenthaltsorte sind eigentlich für Kinder und Jugendliche im Neubaugebiet geplant? Kurzerhand schrieb ich dem Verantwortlichen der Gemeinde Harsum eine Mail mit dieser Frage und bekam folgende Antwort. Im nahen Umfeld des Neubaugebiets ,,An der Filderkoppel“ befänden sich Spielplätze, eine Grundschule und eine Kindertagesstätte, eine weitere Kindertagesstätte entstehe im Neubaugebiet, wie auch eine altersgerechte Wohnanlage. Als Treffpunkt der verschiedenen Generationen diene in Zukunft eine angrenzende Parkanlage. Diese werde von der Gemeinde entworfen und unter Beteiligung von Kindern und Jugendlichen fertiggestellt. Eine weitere Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sei nicht geplant, denn als die Planungen 2010 begannen, steckte die Partizipation von Kindern noch in den ,,Kinderschuhen“, so die Gemeinde Harsum. Mein Gedanke dazu: Es ist schön, dass Kinder und Jugendliche bei der Planung der Parkanlage beteiligt werden, so können sie Ideen einbringen und ihr Dorf gestalten.

    Zusammenfassend kann ich sagen, dass das Leben auf dem Dorf ein sehr vielfältiges ist, und dass ich trotz, oder gerade wegen der vielen Chancen und Herausforderungen das Landleben sehr schätze und es gegen kein Geld der Welt eintauschen würde, denn bislang haben wir Dorfkinder noch jede Hürde als Gemeinschaft gemeistert.

    Liebe Politik, nehmt euch gerne ein Beispiel und fragt einfach mal die Kinder und Jugendlichen nach ihren Meinungen und Wünschen – denn mal ehrlich, Fragen kostet doch nichts.

    Literatur

    Beierle, Sarah/Tillmann, Frank/Reißig, Birgit (2016): Jugend im Blick – Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen, Projektergebnisse und Handlungsempfehlungen (Stand:29.07.2025).

    Berlin- Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Wüstenrot Stiftung (Hrsg.) (2023): Neu im Dorf? Wie der Zuzug das Leben auf dem Land verändert (Abfrage 29.07.2025).

    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Berlin.

    Bundeszentrale für politische Bildung, Roßmann (2020): Über (un)gleiche Verhältnisse: Digitalisierung im ländlichen Raum (Abfrage 09.07.2025).

    Mey, Günter (2021): Jugendliche in ländlichen Regionen – Jugendforschung in der Peripherie. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung / Discourse. Journal of Childhood and Adolescence Research, 16(3), S. 375-380 (Abfrage 29.07.2025).

    Bildquellen

    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend URL: https://www.bmfsfj.de/resource/blob/244626/b3ed585b0cab1ce86b3c711d1297db7c/17-kinder-und-jugendbericht-data.pdf (Abfrage 29.07.2025).
    Fotos: Private Aufnahmen