Janina Stamme und Lea Frühauf
Was zeigt ein Frühstück?
Das Frühstück beginnt, die Brotdosen werden geöffnet, Kinder vergleichen neugierig ihre Frühstücke, teilen oder blicken interessant in die Boxen der anderen. „Was hast du denn heute dabei?“ – eine Frage, die in vielen Kindertageseinrichtungen zum Morgen gehört. Auf den ersten Blick wirkt es wie eine normale Frühstücksituation in der Kita, doch bei genauerem Hinsehen eröffnet es uns einen tiefen Einblick in gesellschaftliche Ungleichheiten. Denn das, was die Kinder zum Frühstück mitbringen oder auch nicht, ist nicht nur ein Ausdruck individueller Vorlieben oder elterlicher Entscheidungen, sondern steht häufig auch in einem engen Zusammenhang mit sozialen, ökonomischen und kulturellen Lebensbedingungen.
Zielsetzung des Blogbeitrags
Der folgende Blogbeitrag greift diese alltägliche Szene auf und setzt sie in Beziehung zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, insbesondere zu den Befunden des 17. Kinder- und Jugendberichts (Deutscher Bundestag 2024). Ziel ist es zu vermitteln, dass Ernährung auch als pädagogisches Handlungsfeld begriffen werden kann, das zur gesellschaftlichen Teilhabe befähigt. Außerdem soll mit dem Thema eine wertfreie und sensible Perspektive auf soziale Ungleichheit entstehen. Die alltägliche Frühstücksituation wird hier nicht als individuelles Konsumverhalten verstanden, sondern als ein sozialer Indikator, der uns erlaubt, über Ungleichheit, Teilhabe und institutionelle Verantwortung nachzudenken.
Soziale Ungleichheit und Ernährung
Ernährung und soziale Ungleichheit sind eng miteinander verbunden. Dies ist ein zentrales strukturelles Problem, welches weit über individuelle Konsumentscheidungen hinausgeht. Demnach zählt Ernährung zum wesentlichen Bestandteil materieller Lebenslagen und ist ein Indikator für gesellschaftliche Teilhabechancen. In Deutschland wird meist von relativer Armut gesprochen, dabei wird das Problem der Ernährungsarmut als eine Form der absoluten Armut oft übersehen. Rund ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland (bis zu 2,8 Millionen) leben in Armut. Besonders einkommensschwache Haushalte, Alleinerziehende und kinderreiche Familien sind von steigenden Lebenshaltungskosten für Lebensmittel infolge von Inflation und Krisen betroffen (BMFSFJ 2024). In diesen Familien fehlt es oft an finanziellen Mitteln für eine ausgewogene Ernährung, was mit einem deutlich erhöhten Risiko für körperlichen und psychischen Erkrankungen bei sozial benachteiligten Kindern einhergehen kann (Kruse/Kueß 2022).
Öffentliche Bildungseinrichtungen fungieren als entscheidende Instanz, um die Folgen sozialer Ungleichheit bei Ernährung abzumildern. Die Verpflegung in Kitas und Schulen wird explizit als „Sicherheitsnetz“ für eine gesunde Ernährung bezeichnet, insbesondere für Kinder aus armutsgefährdeten Haushalten. Während der Corona-Pandemie führte der Wegfall dieses Netzes (Schließung von Kitas, Schule und Tafeln) zu einer massiven Verschärfung der Ernährungsarmut (Deutscher Bundestag 2024). Obwohl das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) die Kosten für das Mittagessen in Kitas und Schulen übernehmen soll, erreicht diese Hilfe viele Bedürftige nicht. Nur etwa 43% der berechtigten Kinder profitieren tatsächlich von BuT-Leistungen. Bei Kindern unter sechs Jahren im SGB-II-Bezug erhalten sogar nur 33% die Mittel für die Mittagsverpflegung. Die Hauptgründe für die mangelnde Nutzung sind vor allem bürokratische Hürden, Intransparenz der Antragswege und mangelnde Informationen. Wenn keine Förderung vorhanden ist, so müssen Familien die Verpflegungskosten (im Schnitt 55 Euro pro Monat) selbst tragen, was für einkommensschwache Haushalte eine erhebliche Belastung darstellt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine ungleiche soziale Lage den Zugang zu gesunder Ernährung massiv einschränkt. Die Kinder- und Jugendhilfe ist gefordert, durch niedrigschwellige Angebote, den Abbau von Bürokratie und die Sicherung qualitativer Verpflegungsstandards für mehr Ernährungsgerechtigkeit zu sorgen (Espenhorst/Meinhold/Schabram 2025).
Die Kita als Lern- und Lebensraum
Ziel der Ernährungsbildung in Kitas ist es, Kindern zu vermitteln, auf die Signale ihres Körpers wie beispielsweise Hunger oder Sättigung zu achten und einen selbstbestimmten Umgang mit Essen zu erlernen. Gemeinsame Mahlzeiten in der Kita bieten Bildungsanlässe, fördern das Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe und ermöglichen den Austausch über verschiedene Esskulturen (Niedersächsisches Kultusministerium o. J., S. 25). Besonders für Kinder aus sozial benachteiligten Familien ist dies ein Ort, an dem sie regelmäßig einen Zugang zu ausgewogener Ernährung und einer festen Essstruktur haben. Eine gemeinsame Mahlzeit gilt dabei nicht nur als Versorgungssituation, sondern als sozialer Lernraum. Die Kinder erleben dabei eine Tischgemeinschaft, lernen Rücksichtnahme und können verschiedene Essgewohnheiten beobachten. Gleichzeitig werden Unterschiede aufgrund natio-ethno-kultureller Zugehörigkeit, aufgrund von unterschiedlichen Familienkulturen und sozialen Ungleichheiten sichtbar, etwa in der Auswahl und Fülle der mitgebrachten Brotboxen oder in Essritualen. Diese Vielfalt eröffnet pädagogische Ansatzmöglichkeiten, die Wertschätzung verschiedener Lebensweisen zu stärken und Ausgrenzung vorzubeugen. Ernährungsbildung in der Kita verfolgt somit nicht das alleinige Ziel der Vermittlung von gesundheitsbezogenem Wissen, sondern unterstützt die Entwicklung von Handlungskompetenzen und Selbstbestimmung. Die Kinder sollen darin gefördert werden, eigenständig Entscheidungen hinsichtlich ihres Essverhaltens zu treffen und ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Soziale Ungleichheit macht deutlich, dass Ernährung unter dem Aspekt der Bildungsgerechtigkeit betrachtet werden muss. Gemeinsame Mahlzeiten ermöglichen allen Kindern Teilhabe und unterstützen damit die Chancengleichheit (BZfE 2024, S. 10–11).
Was bedeutet das für die pädagogische Praxis?
Für die pädagogische Praxis ergibt sich daraus, Ernährung bewusst als Bildungsfeld zu gestalten. Pädagogische Fachkräfte prägen die Esssituationen durch ihre Handlungen und Haltung. Ein nicht moralisierender, respektvoller Umgang mit vielfältigen Ernährungskulturen ist hier zentral, um Stigmatisierungen vorzubeugen (BZfE, 2024, S.9 ). Durch gemeinsame Mahlzeiten werden vielfältige Ansatzpunkte für pädagogisches Handeln eröffnet. Die Kinder können in ihrer Ernährungskompetenz gefördert werden, indem sie über Lebensmittel sprechen, gemeinsam Essen zubereiten und neue Lebensmittel kennenlernen. Indem die Kinder bei Entscheidungen und bei der Zubereitung der Mahlzeiten miteinbezogen werden, werden sie zudem in ihrer Selbstwirksamkeit und ihren sozialen Fähigkeiten gestärkt (Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung 2025). Gleichzeitig werden Fachkräfte mit Herausforderungen wie Personalmangel, Zeitdruck und institutionellen Vorgaben konfrontiert, was sich auf die Umsetzung von Ernährungsbildung im Kita-Alltag auswirkt. Im 17. Kinder- und Jugendbericht wird darauf hingewiesen, dass die pädagogische Qualität stark von den Rahmenbedingungen abhängt und einzelne Bemühungen nur eingeschränkt wirksam sind, wenn strukturelle Unterstützung fehlt Deutscher Bundestag 2024).
Kurze Einführung in unser Projekt
In unserem Projekt untersuchten wir die Frühstückssituation in einer Kindertagesstätte. Unser Ziel bestand darin, anhand der alltäglichen Frühstückssituation zu untersuchen, wie sich soziale Unterschiede sichtbar machen und welche pädagogischen Handlungsmöglichkeiten bestehen. Im Rahmen eines Praktikums, in einem Zeitraum von über sieben Wochen, wurde die Frühstückssituation in einer Kita beobachtet. Wir legten unseren Fokus dabei auf das mitgebrachte Frühstück, den Umgang der Kinder untereinander sowie auf die Reaktionen der pädagogischen Fachkräfte. Ergänzend dazu führten wir regelmäßig Gespräche mit den Fachkräften, um ihre Einschätzung und Erfahrungen im Umgang mit dem Thema Ernährung zu erfassen. In unserem Projekt ging es nicht darum, die Ernährungsweisen zu bewerten, sondern sie als einen sozialen Indikator zu verstehen. Die theoretischen Grundlagen dafür bildeten unter anderem der 17. Kinder- und Jugendbericht (Deutscher Bundestag 2024).
Reflexion
Bei der Durchführung unseres Projekts zeigte sich, wie stark soziale Ungleichheiten im Kita- Alltag präsent sind und wie sie sich in alltäglichen Situationen wie dem Frühstück zeigen. Bereits bei der Projektplanung wurde uns deutlich, dass die Beobachtung der Frühstückssituation besondere Sensibilität voraussetzt. Ernährung gehört zwar zum pädagogischen Alltag, ist jedoch eng mit familiären Lebenslagen, kulturellen Prägungen und gesellschaftlichen Erwartungen verbunden. Dadurch war uns bewusst, dass eine wertfreie und reflektierte Haltung Voraussetzung ist. Unsere eingesetzte Methode, Beobachtung in Verbindung mit Gesprächen mit den Fachkräften, erwies sich als geeignet, um soziale Ungleichheit in Bezug auf Ernährung im Kita-Alltag zu untersuchen. Gleichzeitig zeigte sich eine Herausforderung darin, dass Vergleiche zwischen den Brotdosen schnell mit Bewertungen verbunden sind. Für uns bedeutete dies, unsere Wahrnehmung zu reflektieren und Beobachtungen von Interpretationen zu trennen. Eine weitere Herausforderung bestand darin, einen Ausgleich zwischen Strukturierung und Offenheit zu finden. Einerseits benötigten wir strukturierte Beobachtungskriterien, um systematisch vorgehen zu können, andererseits durften die Situationen nicht künstlich oder kontrollierend wirken. Als besonders wertvoll erwiesen sich in diesem Zusammenhang die Gespräche mit den Fachkräften. Dadurch wurde uns deutlich, dass auch pädagogische Fachkräfte im Alltag zwischen dem Anspruch der Ernährungsbildung und der Achtung familiärer Entscheidungen abwägen müssen. Rückblickend zeigte uns unser Projekt, dass Ernährung in der Kita nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern ein Ausdruck sozialer Ungleichheiten ist und zugleich ein pädagogisches Handlungsfeld. Zudem macht uns die Projektreflexion deutlich, wie wichtig professionelle und wertfreie Handlung ist, um allen Kindern Teilhabe zu ermöglichen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.
Literatur
Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2024): Zur Lage der jungen Generation: Die Jugendbroschüre zum 17. Kinder- und Jugendbericht. Berlin: BMFSFJ (Abruf: 15.06.2026).
Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) (2024): Den Essalltag mit Kindern gestalten. Ernährungsbildung in der Kindertagespflege. Bonn und Stuttgart: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)/Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (Abruf: 15.06.2026).
Deutscher Bundestag (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Drucksache 20/12900, 18.09.2024. Berlin (Abruf: 15.06.2026).
Espenhorst, Niels/Meinhold, Juliane/Schabram, Greta (2025): Ungleichheit von Anfang an. Bericht zu Armut und Kita-Betreuung. Berlin: Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e. V. (Abruf 15.06.2026).
Kruse, Michaela/Kueß, Norbert (2022). Eltern stärken und einbeziehen. Nifbe-Beiträge zur Professionalisierung 13. Osnabrück: Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (Abruf 15.06.2026).
Niedersächsisches Kultusministerium. (o. J.). Die Arbeit mit Kindern unter drei Jahren. Handlungsempfehlungen zum Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich niedersächsischer Tageseinrichtungen für Kinder. Hannover. (Abruf: 15.06.2026).
Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung NRW (2025): Was ist Ernährungsbildung? (Abruf: 15.06.2026).