„Ich darf nicht mal selbst entscheiden, wann ich schlafen gehe!“ – Partizipation im Alltag stationärer Jugendhilfe

WAS HEISST EIGENTLICH MITBESTIMMEN?

Lilli Mählstädt

„Ich darf nicht mal selbst entscheiden, wann ich schlafen gehe.“

Der Satz kam leise – fast beiläufig. Gesagt wurde er von einem Jugendlichen während eines Gruppenabends in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung. Und doch blieb er hängen. Nicht, weil es um Schlafenszeiten ging. Sondern weil dieser Satz eine größere Frage aufwarf: Wie erleben junge Menschen Partizipation in einem Alltag, der von Struktur, Schutz und Vorgaben geprägt ist?
Und: Welche Rolle spielen pädagogische Fachkräfte, wenn es um echte Mitbestimmung geht?

Demokratiebildung beginnt im Nahraum

Der 17. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (BMFSFJ 2024) macht deutlich:

Demokratiebildung ist mehr als politische Bildung. Sie ist ein sozialpädagogischer Auftrag – und beginnt dort, wo junge Menschen Erfahrungen mit Teilhabe, Mitbestimmung und Verantwortung machen: im Alltag.

Gerade die stationäre Kinder- und Jugendhilfe wird dabei als zentraler Bildungsraum benannt: Hier treffen junge Menschen auf professionelle Bezugspersonen, strukturierte Tagesabläufe – aber auch auf Regelwerke, institutionelle Grenzen und Hierarchien. Wie viel Mitbestimmung ist hier möglich? Und: Wie viel ist pädagogisch gewollt?

Einblick ins Projekt: Haltung statt Handlungsanleitung

Im Rahmen meines Studienprojekts habe ich ein Reflexionsformat mit pädagogischen Fachkräften entwickelt und durchgeführt.

Ziel
👉 Haltung zur Partizipation im Heimalltag reflektieren
👉Spannungsfelder (Schutz vs. Mitbestimmung) sichtbar machen
👉 Handlungsspielräume identifizieren und erweitern

Umsetzung
In einem Workshop arbeiteten wir mit folgenden Bausteinen:
📌 Alltagsbeispiel: u. a. Schlafenszeiten, Handynutzung, Essensregeln
📌 Reflexionsfragen: Was dürfen Jugendliche mitbestimmen? Was nicht? Warum?
📌 Methoden: Rollenspiele, Dilemma-Karten, Perspektivwechsel
📌 Ziel: Austausch auf Augenhöhe – nicht über Rezepte, sondern über Haltungen

Stimmen aus dem Projekt

Eigentlich finde ich Beteiligung total wichtig – aber manchmal fehlt einfach die Zeit, es gut zu machen
(Teilnehmerin, Erzieherin)

„Ich merke, dass ich oft entscheide, ohne das als Machtakt zu sehen. Also für die Jugendlichen fühlt es sich so an“
(Teilnehmer Sozialpädagoge)

Diese Stimmen zeigen: Es gibt ein Bewusstsein für Beteiligung, aber auch viele Ambivalenzen. Das Spannungsfeld zwischen Verantwortung, Gruppendynamik und institutionellen Anforderungen ist spürbar – und fordert eine kontinuierliche Auseinandersetzung.

Mitbestimmung ist kein Tool, sondern eine Haltung

Mitbestimmung wird nicht an Regeln festgemacht – sondern an Beziehungen. Dort, wo Jugendliche sich gehört, gesehen und ernst genommen fühlen, entsteht Teilhabe – selbst wenn nicht alles zur Diskussion steht.

Der 17. Kinder- und Jugendbericht betont:
„Kinder und Jugendliche müssen Demokratie als Lebensform erleben – nicht nur als Unterrichtsgegenstand.“
(BMFSFJ 2024)

Das gelingt nur, wenn Fachkräfte bereit sind, ihre eigene Haltung zur Beteiligung zu reflektieren. Und wenn sie den Mut haben, Räume zu öffnen, in denen Jugendliche mitentscheiden dürfen – und manchmal auch Widerspruch erleben dürfen.

👉 Redet mit Jugendlichen über Regeln, nicht nur über Regelbrüche
👉 Fragt euch öfter: „Muss ich das wirklich alleine entscheiden?“
👉 Schafft Alltagssituationen, in denen Mitbestimmung nicht nur „erlaubt“, sondern gewohnt wird

Denn echte Demokratie beginnt dort, wo sie im Alltag eingeübt werden kann. Jeden Tag. Mit jedem Gespräch. Mit jeder Entscheidung.

Literatur

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht – Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Berlin. www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/17-kinder-und-jugendbericht-244628 (Abfrage: 07.07.2026).

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