Werden Kinder in der aktuellen Bildungsdebatte zunehmend als wirtschaftliche Ressource betrachtet und was bedeutet das für ihre Individualität? Die derzeitige deutsche Bildungsdebatte ist durchzogen von Schlagzeilen wie „Kinder als Humankapital”, „Wettbewerbsfähigkeit muss aufrechterhalten werden”, „Investition in frühkindliche Bildung” oder „Die Kinder von heute sichern unseren Wohlstand von Morgen”. Ihren Ursprung finden die meisten Begriffe in der Wirtschaft, von wo sie weiter in die Politik gewandert sind und schließlich auch ihren Weg in Bildungsinstitutionen, wie etwas Kitas, aber auch in Familien geschafft haben.
Die Verwendung solcher Begriffe in verschiedenen Kontexten spiegelt einen gesellschaftlichen Perspektivwechsel wider, der Kinder zunehmend als Investition in die Zukunft wahrnimmt. Auf den ersten Blick erscheint diese Perspektive positiv zu sein. Dennoch wirft sie auch Fragen auf: Welche Werte und Bildungsziele stehen hinter dieser wirtschaftlich geprägten Sprache? Wird weiterhin eine ganzheitliche Bildung der Kinder gefördert oder fallen Kompetenzen, die als nicht wirtschaftsfördernd erachtet werden, aus dem Blick? Steht die Individualität der Kinder weiterhin im Vordergrund?
Mit diesem Blogeintrag möchten wir untersuchen, wie eine neoliberalistische Wirtschaftsperspektive die Bildungsdebatte in Deutschland beeinflusst, welche Chancen und Herausforderungen sich daraus gerade im institutionellen Bereich ergeben und wie wir eine Balance finden können, um eine kindgerechte und zukunftsorientierte Bildung zu gestalten, die die Individualität der Kinder nicht vernachlässigt. Denn es geht nicht darum, Kinder primär als Humankapital zu sehen, die den wirtschaftlichen Erfolg sichern, sondern als eigenständige Persönlichkeiten, die durch ihre Individualität unsere Gesellschaft vielfältig bereichern.
Was bedeuten die Begriffe “Neoliberalismus” und “Humankapital”?
Bevor wir genauer auf das eigentliche Thema eingehen, ist es eventuell hilfreich, zwei zentrale Begriffe dieses Blogeintrags näher zu erläutern: „Neoliberalismus” und „Humankapital”. Denn inzwischen haben sich diese Begriffe nicht nur in der Politik etabliert, sondern es auch in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft, zusammen mit der Annahme, dass das Gegenüber stets die Bedeutung der Begriffe kennt. Doch vielleicht ist diese Annahme etwas voreilig. Im Folgenden wird kurz erläutert, was unter „Neoliberalismus” und „Humankapital” zu verstehen ist:
Neoliberalismus ist eine weiterentwickelte Denkrichtung des Liberalismus. Er strebt wie der Liberalismus eine freie Marktwirtschaft an, dabei sollen Eingriffe durch den Staat so minimal wie möglich gehalten werden. Die Idee ist, dass der Staat ein Regelwerk aufstellt, welches die Freiheit des Marktes zwar schützt, aber dennoch nicht aktiv in den Wirtschaftsprozess eingreift (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2022; Kergel 2021, S. 34). Der Mensch hat, nach dem Denkmuster des Neoliberalismus, zur Aufgabe, sich selbst innerhalb der Gesellschaft zu positionieren und sich eigenständig zu versorgen. Die Grundlagen des Individuums im Neoliberalismus sind somit Leistungs- und Wettbewerbsprinzipien. Zwar wird der Ehrgeiz des*der Einzelnen bestenfalls belohnt, gleichzeitig steigt auch der Konkurrenzdruck auf das Individuum mit der eigenen Leistung einen bestmöglichen Nutzen für die Gesellschaft zu erzielen (vgl. Kergel 2021, S. 44).
Ähnlich wie der Begriff „Neoliberalismus“ wird auch der Begriff „Humankapital“ häufig verwendet, ohne dass wir uns explizit mit seiner Bedeutung auseinandersetzen. Deswegen auch hier nochmal eine kleine Auffrischung, was unter 2Humankapital” zu verstehen ist: Laut der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ist Humankapital „die Summe der wirtschaftlich nutzbaren Fähigkeiten, Kenntnisse und auch Verhaltensweisen der Erwerbsbevölkerung einer Volkswirtschaft” (Bundeszentrale für politische Bildung 2016). Das bedeutet, dass wenn von Kindern als Humankapital gesprochen wird, diese als eine Ressource des Staates gesehen werden, in die es sich lohnt zu investieren. Es gilt somit Fähigkeiten und Kompetenzen von Kindern zu stärken, aber auch zu fördern und zu fordern – unter anderem auch lebenslanges Lernen –, die für den Erfolg als zukünftige qualifizierte Arbeitskräfte in einer globalisierten Wissensgesellschaft erforderlich sind (vgl. Seyss-Inquart 2011, S. 133 f.).
Nach dieser kurzen begrifflichen Einordnung wollen wir euch im Folgenden gerne näher erläutern, welche Rollen Neoliberalismus und Humankapital in der Erziehung und Bildung von Kindern im institutionellen Bereich spielen (können).
Neoliberalismus und Humankapital als Chance für Bildung
Unter der derzeitigen Betrachtungsweise scheint der Neoliberalismus bezogen auf die Pädagogik und Kinder als Humankapital zwar vorerst positiv zu sein, doch bei einer genaueren Betrachtung wird deutlich, dass eine Anerkennung und Förderung der Kinder in ihren „Stärken“ nur dann wertgeschätzt werden, wenn die Individualität der Kinder einen Mehrwert für die Wirtschaft aufbringt. Individualität verkommt somit zur Funktion. Kinder laufen Gefahr, einem ständigen Optimierungsdruck ausgeliefert zu sein. Sie sollen möglichst früh „kompetent“ sein, sich „gut entwickeln“ und eine hohe Resilienz aufweisen vor allem mit Blick auf ihre spätere Produktivität. Bildung wird also zur Ware und Kinder zur Ressource, die zu funktionieren hat. Verstärkt wird dieser Eindruck durch eine unreflektierte Verwendung des Wortes Humankapital. Wie wir in unserer Definition erfahren haben, beschreibt Humankapital die Fähigkeiten und Kenntnisse, die ein Mensch in die Gesellschaft zu ihrem Erfolg einbringen kann. Durch eine unreflektierte Verwendung dieses Begriffs, kann er durchaus problematisch wirken, denn er wirft unweigerlich die Frage auf, ob vor allem Kinder dadurch auf ihre „Verwertbarkeit“ für die Gesellschaft reduziert werden sollen. Auch hier tritt der Aspekt der Individualität in den Hintergrund (vgl. Radtke 2016, S. 67f.).
Individualität als Grundlage kindlicher Entwicklung
Was bei dieser Betrachtungsweise jedoch aus dem Blick gerät, ist, dass Individualität nicht nur Funktionalität bedeutet. Individualität bedeutet, anders sein zu dürfen, Zeit zu brauchen und auch nicht immer funktionieren zu müssen, zusammengefasst: Mensch zu sein und keine Maschine. So verhält es sich auch mit der kindlichen Entwicklung. Sie verläuft nicht geradlinig oder planbar. Kindliche Entwicklung kennzeichnet sich durch Irrationalität und Widersprüchlichkeit aus. Sie kann langsam und gleichzeitig spielerisch sein und darin liegt auch ihr Wert.
Doch was, wenn wir den Blickwinkel verändern und dem Neoliberalismus sowie Humankapital eine andere Bedeutung beimessen, eine Bedeutung, in der Individualität um ihrer Selbstwillen wertgeschätzt wird?
Wenn wir weg von einem wirtschaftlichen Gedankengang hin zu einem pädagogisch-menschlichen wechseln, erscheint sowohl der Neoliberalismus als auch das Humankapital in einem neuen Licht. Eines in der Individualität wertgeschätzt und vorangetrieben und als Motor für eine erfolgreiche(re) Zukunft gesehen wird. Kinder werden noch immer als wertvolle Ressource angesehen – ihre Entwicklung ist ein Gewinn, für sie selbst, ihre Familien und für die Gesellschaft (vgl. Olk/Hübenthal 2016, S. 158). Doch anstatt Bildung nur als Investition für einen größtmöglichen ökonomischen Nutzen zu betrachten, erweitern wir die Investition auf einen sozialen, kulturellen, demokratischen und persönlichen Fortschritt. Denn Neoliberalismus stellt eigenständiges Handeln, Selbstverantwortung und Eigeninitiative in den Vordergrund (vgl. Radtke 2016, S. 61). Interpretieren wir diese Werte menschenfreundlich, lassen sich daraus nachhaltige Bestrebungen für die frühkindliche Bildung ableiten:
- Kinder sollen eingeladen werden, aktiv eigene Entscheidungen zu treffen.
- Kinder werden ermutigt, Stärken nicht nur zu entdecken, sondern bereits vorhandene weiter auszubauen.
- Erwachsene werden in die Verantwortung genommen, bewusst Räume zu schaffen, in denen Kinder sich beteiligen können und ihre Selbstwirksamkeit erproben und spüren können.
Aus diesen Erkenntnissen entsteht ein modernes Bildungsverständnis, welches Kinder nicht als zu „funktionierende Maschinen“ darstellt, sondern ihnen die Möglichkeit bietet, sich als selbstbestimmende Persönlichkeiten zu erleben, deren Individualität wertgeschätzt und gefördert wird – und so gleichzeitig wichtige Kompetenz für ihr weiteres Leben zu erlernen. Daraus lässt sich für die Betrachtung von Kindern als Humankapital folgende Erkenntnis ableiten: Kinder werden als wertvolle Mitgestalter der Zukunft ernst genommen. All die Eigenschaften und Fähigkeiten, die Kinder bereits in jungen Jahren ausmachen, werden demnach nicht als mögliches Defizit für eine erfolgreiche Arbeitsleistung gesehen, sondern stets als Potenzial unsere Gesellschaft zu verbessern (vgl. Olk/Hübenthal 2011, S. 158). Genau diese Sichtweise ist es auch, die pädagogische Fachkräfte und auch Eltern teilen. Durch ihre langjährige Berufserfahrung oder das alltägliche Zusammenleben mit Kindern erkennen sie, dass sich jedes Kind in seinem eigenen Tempo mit eigenen Interessen, Vorlieben und Herausforderungen entwickelt. Hier zeigt sich eine Verbindung zur sogenannten „Wissensgesellschaft“, die der Neoliberalismus aufgreift: Vielfalt sollte nicht als Problem angesehen werden, sondern als „Schatz“. Denn ein Kind, welches heute mit Rückschlägen umgehen kann, sich mitteilt, neugierig bleibt und somit ein lebenslanges Lernen anstrebt und auch über alternative Lösungsstrategien verfügt, beherbergt Fähigkeiten, die nicht nur auf klassische Bildungsstandards limitiert sind. Es sind vielmehr Zukunftskompetenzen, die in einer sich rasant wandelnden Welt wichtiger denn je sind (vgl. Olk/Hübenthal 2016, S. 161). Somit zeigt sich, dass Individualität kein Widerspruch zu Leistungsfähigkeit darstellt, sondern vielmehr deren Voraussetzung ist. Damit Kinder ihre einzigartigen Fähigkeiten nicht nur präsentieren, sondern auch nutzbar machen können – für sich selbst und die Gesellschaftist es wichtig, ihnen möglichst früh Räume bieten zu können, in denen sie ihre Fähigkeiten frei und unbeschwert erproben können (vgl. Radtke 2016, S. 66). Durch diesen Blickwinkel zeigt sich, dass es im neoliberalen Denken nicht darum gehen kann, alle Kinder gleich zu formen, sondern vielmehr darum, die Individualität jedes*jeden Einzelnen zu fördern und zu würdigen.
Neoliberale Pädagogik und Humankapital: Eine Gefahr für kindliche Individualität?
Frühe Bildung, Erziehung und Betreuung galt lange Zeit als ein Ort kindlicher Entfaltung, sozialer Entwicklung und spielerischen Lernens. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich das Selbstverständnis von Kitas und anderen frühpädagogischen Einrichtungen stark verändert. Heute stehen Bildung und Erziehung von Kindern wie schon erwähnt im institutionellen Bereich zunehmend im Spannungsfeld der zwei großen gesellschaftlichen Konzepte: Neoliberalismus und Humankapital.
Wo früher Kitas als Orte gemeinschaftlicher Fürsorge verstanden wurden, treten heute zunehmend ökonomische Kriterien in den Vordergrund. Kitas konkurrieren um „Kundschaft“, also Eltern. Eltern wiederum treffen ihre Wahl nicht mehr nur nach pädagogischen Überzeugungen, sondern auch anhand von Versprechen über spätere Erfolge ihrer Kinder (vgl. Textor 2021, o.S.). Privatisierung, Standortwahl nach Prestige und Gebührenstrukturen, die sich je nach Kommune stark unterscheiden, führen zu einer zunehmenden Ungleichheit. Wer mehr zahlen kann, bekommt oft mehr oder zumindest das Gefühl, mehr zu bekommen. So entsteht ein Bildungsmarkt, der sich an den Gesetzen von Angebot und Nachfrage orientiert, statt an kindlichen Bedürfnissen (vgl. BMFSFJ 2016, S. 7 f.).
Eng verbunden mit dieser Entwicklung ist die Debatte um das Humankapital. Kinder gelten in dieser Logik nicht mehr in erster Linie als eigenständige Persönlichkeiten mit individuellen Bedürfnissen – sondern als zukünftige Arbeitskräfte, die möglichst früh auf ein späteres, leistungsorientiertes Leben vorbereitet werden sollen (vgl. Bröckling 2007, o.S.).
Dieser Gedanke spiegelt sich in vielen Trends wider: „Elite-Kitas“, die mit Gymnasialempfehlungen werben (vgl. Nohn 2010, o.S), Programme zur „Frühförderung“ schon im Kleinkindalter und ein zunehmender Druck, aus Kindern „etwas zu machen“, bevor sie überhaupt richtig Kind sein dürfen. Bildung wird zur Investition und Kinder zum Projekt. Entwicklungspsychologie und Bildungsforschung zeigen seit Jahren: Kinder lernen durch Beziehungen, durch Spiel, durch Neugier – nicht durch Drill und Konkurrenz (vgl. Textor 2021, o.S.). Eine Bildungslandschaft, die sich zu stark an ökonomischen Zielen orientiert, verliert schnell aus dem Blick, worum es eigentlich gehen sollte: die individuelle Entfaltung, emotionale Sicherheit und soziale Teilhabe jedes Kindes (vgl. Nohn 2010, o.S).
Natürlich ist Bildung wichtig. Und natürlich brauchen Kinder gute, engagierte Pädagog:innen und durchdachte Konzepte. Aber wenn Bildungseinrichtungen zu Dienstleistern werden und Kinder zu kleinen „Humankapitalträgern“, verlieren wir den eigentlichen Kern von Erziehung und Bildung aus den Augen. Auf den ersten Blick scheint die neoliberale Pädagogik die Individualität des Kindes zu betonen: Es geht um „Begabungsförderung“, „Talente entdecken“ oder „Bildungsbiografien gestalten“. Doch diese Individualitätsrhetorik ist oft ambivalent. Denn Individualität wird nicht um ihrer selbst willen gefördert, sondern häufig im Sinne einer späteren Verwertbarkeit: als „investitionswürdiges Potenzial“ im Wettbewerb um Bildungschancen (vgl. Bröckling 2007, o.S.). Das Kind soll einzigartig aber auch leistungsbereit, flexibel und effizient sein. Individualität wird damit zu einem normierten Ideal: Wer sich „gut“ entwickelt, ist angepasst, motiviert und verwertbar. Abweichungen vom erwarteten Bildungsweg gelten schnell als „Defizite“ oder „Förderbedarfe“. So entsteht ein paradoxer Druck zur Einzigartigkeit nach Maß (vgl. Krautz 2009, o.S.). Kritische Bildungsforscher:innen sprechen in diesem Zusammenhang von einer „funktionalen Individualisierung“. Die Subjekte sollen sich selbst optimieren nicht um ihrer Selbst willen, sondern im Dienste von Wettbewerbsfähigkeit und Selbstverantwortung. Autonomie wird so zur Pflicht, nicht zum Recht (vgl. Bröckling 2007, o.S.).
Für die frühkindliche Bildung bedeutet das: Zwar ist die Rede von „individueller Förderung“ allgegenwärtig, doch die Umsetzung erfolgt oft entlang standardisierter Programme, Normwerte und Kompetenzraster. Anstelle echter individueller Entfaltung erleben Kinder häufig eine pädagogisch legitimierte Steuerung in vorgegebene Richtungen. Dabei zeigen Studien aus der Kindheitsforschung: Wirkliche Individualität entsteht nicht durch frühe Leistungsmessung, sondern durch Beziehung, Spielräume und die Möglichkeit, sich selbstwirksam zu erfahren Eine individualisierende Pädagogik, die diesem Namen gerecht wird, muss Kinder in ihrer Subjektivität ernst nehmen – auch dann, wenn sie sich dem Funktionieren entziehen (vgl. Gloger-Tippelt 2011, S. 25–35).
Neoliberalismus und Humankapital müssen nicht zwangsläufig problematisch sein. Sie können auch neu gedacht werden. Statt den wirtschaftlichen Nutzen eines Kindes in den Vordergrund zu stellen, könnte der Fokus auf individuelle Potenziale, kreative Ausdrucksformen und vielfältige Bildungswege gelegt werden. Ein reformiertes Verständnis von Humankapital würde nicht nur IQ, Sprachförderung und Leistung messen, sondern auch emotionale Intelligenz, soziale Kompetenzen, Selbstwirksamkeit und Resilienz wertschätzen – Fähigkeiten, die in einer komplexen Welt mindestens genauso wichtig sind (vgl. Rauschenbach, 2013, o.S.). Auch marktwirtschaftliche Ansätze lassen sich sozial gestalten: Ein „Bildungsmarkt“, der echte Wahlfreiheit ermöglicht, müsste allen Familien gleichwertige Qualität bieten, unabhängig von Einkommen, Wohnort oder sozialem Status (Bertelsmann Stiftung 2016).
Ein Umdenken in der Bildungsdebatte
Ein Umdenken bedeutet: Kinder sind nicht Mittel zum Zweck. Sie sind Subjekte mit eigenen Rechten, Interessen und Bedürfnissen. Bildung muss Kinder in ihrer Identitätsentwicklung fördern und ihnen ermöglichen, sich als Teil einer Gemeinschaft zu erleben, nicht nur darauf abzielen, dass sie später „etwas werden“ In dieser marktorientierten Umgebung droht die Individualität der Kinder zur Nebensache zu werden. Statt ihre Interessen, Emotionen und Entwicklungswege ernst zu nehmen, werden Kinder immer früher in standardisierte Bildungsprogramme eingebunden. Die Entwicklung erfolgt entlang von Zielmarken, nicht entlang von Potenzialen. Dabei zeigen Studien, dass kindliche Bildung vor allem dann erfolgreich ist, wenn sie an den Stärken und Interessen des Kindes ansetzt, nicht an einem abstrakten Kompetenzraster. Jedes Kind bringt seine eigene Geschichte, sein eigenes Tempo, seine eigene Art zu lernen mit. Der „Verlust von Kindheit“ – ein Begriff, den Soziologen verwenden – ist die direkte Folge einer Überanpassung an marktwirtschaftliche Logiken (vgl. Textor 2021, o.S.).
Literatur
Bertelmann-Stiftung (2016): Eltern befürworten bundesweite Kita-Standards für Personal, Ausbildung und essen. https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2016/dezember/kitas-eltern-befuerworten-bundesweite-standards-fuer-personal-ausbildung-und-essen (Abfrage: 06.07.2025).
Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst: Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (2016): Gleiche Chancen durch frühe Bildung – Gute Ansätze und Herausforderungen im Zugang zur Kindertagesbetreuung, S. 6–7. https://www.bmfsfj.de/resource/blob/112554/a73b1eb50d3b49105e13eb2213501581/gleiche-chancen-durch-fruehe-bildung-data.pdf (Abfrage: 07.07.2025).
Bundeszentrale für politische Bildung (2016). Humankapital. https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-der-wirtschaft/19640/humankapital/ (Abfrage: 28.06.2025).
Bundeszentrale für politische Bildung (2022). Neoliberalismus. https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-der-wirtschaft/20176/neoliberalismus/ (Abfrage: 28.06.2025).
Gloger-Tippelt, Gabriele (2011): Eigenständige Kindheit? Empirische Befunde der neuen Kindheitsforschung. In: Wittmann, Svendy/Rauschenbach, Thomas/Leu, Hans Rudolf (Hrsg.) (2011): Kinder in Deutschland. Eine Bilanz empirischer Studien. Weinheim und München: Juventa, S. 25–35.
Kergel, David (2021). Gedruckt – Gefunkt – Gepostet. Medienwandel und Medienpädagogik bürgerlicher Gesellschaft. Heidelberg: Springer VS.
Krautz, Jochen (2009): Ware Bildung: Schule und Universität unter dem Diktat der Ökonomie. München: Diedrichs.
Nohn, Corinna (2010): Wettlauf der Sechsjährigen. Süddeutsche Zeitung Digitale Medien. https://www.sueddeutsche.de/karriere/elite-grundschule-wettlauf-der-sechsjaehrigen-1.1028026 (Abfrage: 07.07.2025).
Olk, Thomas/Hübenthal, Maksim (2011). Kinder als Effective Citizens? Zur Reform der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung im investierenden Sozialstaat. In: Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.). Bildung des Effective Citizen. Sozialpädagogik auf dem Weg zu einem neuen Sozialentwurf. Weinheim und München: Juventa, S. 157–168.
Radtke, Frank-Olaf (2016). Das Bruttobildungsprodukt. Politische Arithmetik im Erziehungssystem. In: Casale, Rita/ Koller, Hans-Christoph/Ricken, Norbert (Hrsg.). Das Pädagogische und das Politische. Zu einem Topos der Erziehungs- und Bildungsphilosophie. Paderborn: Ferdinand Schöningh, S. 61–86.
Rauschenbach, Thomas (2013): Bildung ist mehr als Schule – Alltagsbildung. https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/149483/bildung-ist-mehr-als-schule-alltagsbildung/ (Abfrage: 07.07.2025).
Seyss-Inquart, Julia (2011). „Wenn ich groß bin, werde ich Humankapital” – Anmerkungen über die institutionelle Fremdbetreuung von Kindern. https://www.budrich-journals.de/index.php/fgfe/article/view/18881 (Abfrage: 25.06.2025).
Textor, Martin R. (2021): Der Einfluss der Wirtschaft auf die Kindertagesbetreuung. https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/kita-politik/bildungspolitik/der-einfluss-der-wirtschaft-auf-die-kindertagesbetreuung/ (Abfrage: 07.07.2025).
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